Was ist seither geschehen?

Vermutlich ist kein einziges Atom aus dem damaligen Körper mehr in dem Körper vorhanden, der ich heute bin.

Alles fließt. – Wirklich alles? Wir gehen davon aus, dass es etwas gibt, was wir Seele nennen, oder weniger pathetisch: Identität, Persönlichkeit, Charakter, Wesen. Das, so denken wir, bleibt über das ganze Leben erhalten. Es verändert sich, wird geprägt, geformt, erhält Spuren und Narben. Aber im Kern bleibt es doch dasselbe.

Sonst könnten wir uns ja auch nicht erinnern. Aber ist das so viel mehr als ein Datenspeicher? Ist das mehr als eine abstrakte Klammer, die wir um etwas herum setzen, was wir nicht näher beschreiben, nicht definieren können?

Aber viel greifbarer, fassbarer, wesentlicher und unmittelbarer als dieses sogenannte “Seelische” ist doch der Fluß, die Veränderung, ist was die Zeit aus uns macht. Evident ist nur die Tatsache, dass zwischen dem, der ich einmal war, und dem, der ich heute bin, keine Gemeinsamkeiten mehr festzustellen sind.

Ein sehr beeindruckendes Beispiel dafür, wie die Zeit Menschen verändert, sind die vier Brown-Geschwister. Sie wurden von 1975 bis ins Jahr 2014 jährlich fotographiert, und dadurch ist ein wirklich einzigartiges Dokument entstanden.

Die Privatsphäre der vier Frauen ist zu respektieren. Es ist aber einfach so, dass diese Bilder mit Gewinn betrachtet werden können, auch wenn über die Biographien nichts bekannt ist. Es kommt auch nicht darauf an, ob diese Frauen glückliche Leben hatten oder haben – wo sie gescheitert sind oder wo sie Erfolge feiern konnten. Obwohl die Bilder so wunderbar dokumentieren, wie Zeit Menschen verändern kann, ist ihr wesentliches Thema nicht das Altern oder die Vergänglichkeit.

Entscheidend ist eher, wie sich gelebtes Leben in Gesichtern und Gestalten gewissermaßen ansammelt, dort gerinnt und sich verfestigt. Was passiert ist, man kann es auf den Fotografien besser erkennen, als man das in den Biografien der Frauen je lesen könnte.

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