Verzicht ist nicht das Wichtigste

Dieses uralte, sogenannte Marshmallow-Experiment ist oft schon durch differenziertere Beobachtungen zum Thema “Impulskontrolle” überholt, wiederlegt oder hinterfragt worden.

Aber schon einfache, grundsätzliche Überlegungen zum Thema Belohnungsaufschub lassen das Experiment fragwürdig erscheinen:

Hier wird Kindern eine Regel vorgegeben, ohne sie zu erklären. Das Prinzip ist ja einfach, und man wendet es täglich in der Kindererziehung an: Wenn Du lernst, dich zu beherrschen, dann wirst du belohnt. Das mag in vielen Bereichen sinnvoll sein, zum Beispiel wenn es ums Zähneputzen geht, oder um ausgewogene Ernährung, oder um Erfolg in einer bestimmten sportlichen Disziplin, zum Beispiel beim Boxen.

Aber was ist eigentlich gut daran, zwei Marshmallows zu essen, anstatt nur eines?

Das Kind, das nicht durchhält, nimmt nach den Regeln des Experiments nur die Hälfte der Süßigkeitenmenge zu sich. Würde sich diese Gesetzmäßigkeit so einfach auf das ganze Leben der Kinder übertragen, dann hätte das Kind mit weniger Geduld womöglich eine gesundere Ernährung, als das Geduldigere.

Außerdem steckt hinter der Belohnung durch Marshmallows natürlich das bei uns weit verbreitete Konsumdenken. Implizit wird doch vorausgesetzt, dass es gut und richtig ist, so viel wie nur möglich zu konsumieren, also so viele Marshmallows zu essen, wie es nur irgend geht. Wer am meisten konsumieren kann, und zwar indem er sich den Regeln der Gesellschaft anpasst und sie nicht hinterfragt, der hat den größten Erfolg.

Also lernen Kinder, die so erzogen werden, ja auch, was Glück ist: Glück ist Konsum. Wenn du also zwei Marshmallows isst, dann wirst du glücklicher sein.

Ein ganz anderes Wertesystem wäre denkbar. Und wäre es dann nicht möglich, die Kinder auf ganz andere Ziele hin zu trainieren, als darauf, ihren Marshmallow-Konsum zu optimieren?

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