Was bleibt in 2019 von der Blockchain?

Das Jahr 2018 ist vorüber, und in der Blockchain-Welt ist allgemein der Katzenjammer ausgebrochen. Die Kurse sind unten, die große Party, die Anfang 2018 noch im Gange war, ist vorüber.

Was ist übrig geblieben von all den Whitepapers, den ICOs und den ganzen Twitter-Gestürm?

Eine gewisse Nüchternheit ist womöglich zurück gekehrt. HODL war eben doch nicht allein selig machend.

Es ist nicht das erste Mal, dass man mit einer neuen Technologie ein Heilsversprechen verbunden war. Ich will hier keine Unkenrufe tätigen, aber schon als seinerzeit die radioaktive Strahlung entdeckt wurde, sprach man ihr zunächst heilsame Wirkung zu. Eine positive Energie musste wohl von ihr ausgehen. Marie Curie war nicht die Erste und nicht die Einzige, die den ungeschützten Umgang mit diesem Material mit dem Leben bezahlen musste.

Es gab eine Zeit, als man die Leuchtziffern von Weckern noch mit Radium bemalt. Man trug die Ziffern mit Pinseln auf. Das wurde von einfachen Arbeiterinnen erledigt. Nicht selten nahmen die die Pinselspitzen in den Mund, um sie zu befeuchten. Auf diese Weise gelangte das radioaktive Material in ihrer Körper. Es kam zu schrecklichen Krankheiten, zu einem unausweichichen Tod. Bei einigen lösten sich buchstäblich die Oberkiefer auf. Man wusste einfach nicht genug darüber. Die Arbeitgeber stritten alles ab. Es dauerte eine Weile, bis allgemein anerkannt war, dass Radioaktivität in Wahrheit eine gefährliche Sache war.

Aber das ist ein Exkurs. Mit Blockchain-Technologie hat das alles nicht zu tun, auch nicht mit deren Chancen und Risiken. Und doch … mit etwas Fantasie läst sich eine totalitäre Gesellschaft ausmalen, in der ein Netz aus Maschinen regiert: Die Maschine übernimmt die Kontrolle über die Wirtschaft. Eine künstliche Intelligenz kontrolliert das Bankenwesen. Wir sind sie endlich los, die widerlicheni Banker mit ihren windigen Versprechungen. Das Finanzsystem regiert ein P2P-Netzwerk. Menschliche Entscheidungen beschränken sich nur noch auf die weniger wichtigen Dinge. Ist es das, was wir wollen, wenn wir uns die Blockchain-Technologie herbeisehnen.

Verteilte Systeme, Dezentralisierung. Das sind die Schlagworte, die in 2018 noch nicht das halten konnten, was sie in 2017 versprachen.

Manches dauert eine Weile, bis es in den Mainstream hineingesickert ist. Z.B. die Cloud. Ich hatte dieses Jahr Gelegenheit, etwas näher zu betrachten, was Amazon aus dem Thema Cloud-Computing gemacht hat. Dort ist ein unverstellbar mächtiges Konstrukt aus Konfiguration und Kommunikation entstanden, welches nur noch von Experten verstanden, und von wenigen großen Konzernen beherrscht werden kann.

Die Cloud ist längst Realität geworden, und dennoch kümmert sich keiner mehr darum. Die Cloud hat keine Aufmerksamkeit mehr, weil der Hype darum längst abgestorben ist. Dabei hat die Cloud viel von ihrem Potential im Laufe der Zeit tatsächlich umgesetzt – um dabei erstaunlich unsichtbar zu werden. Heute steuert und beherrscht die Cloud wesentlichte Teile des Internet. Die Amazon Web Services haben in einem Ausmaß die Kontrolle übernommen, die selten themasiert wird. Nur wenigen ist es bewußt. Noch weniger kennen sich aus damit.

Die Blochchain-Technologie wird einen ähnlichen Weg gehen. Es wird still werden um sie. Und genau dann, wenn es richtig still sein wird, wenn keiner mehr hinhört, keiner mehr aufpasst, dann wird die Blockchain-Technologie eben doch ihr Potential entfalten. Vielleicht wird das nicht genau so aussehen, wie es vorausgesagt worden ist. Es wird den Heilsversprechen aus 2017 nicht gerecht werden.

Es wird dennoch eine stille Revolution geben. Die Blockchain-Technologie wird mit den anderen wichtigen Bereichen AI und IOT verschmelzen. Erst dadurch wird sie ihr Potential umsetzen können. – Und keiner wird davon Kenntnis nehmen. Kaum einer wird es bemerken, weil die Welt längst dem nächsten großen Hype hinterher jagen wird.

Bitcoin vs. Ethereum: Ein Kampf, der keiner ist

Als der Krypto-Markt noch im Januar bei einer Marktkapitalisierung von ungefähr 800 Milliarden Dollar stand, ist vielen Krypto-Enthusiasten das Wort der Bitcoin-Revolution allzu leicht über die Lippen gegangen. Heute, wo die Marktkapitalisierung noch etwa ein Viertel davon ausmacht und die Preise von ihren Allzeithochs in den Keller gestürzt sind, scheint bei vielen die Euphorie verflogen und die Revolution aufgeschoben.

Nur wenn man seinen Fokus nicht schwerpunktmässig auf die Kurse wendet und sich vergegenwärtigt, wie jung das Krypto-Phänomen noch ist, vermag man dessen revolutionären Errungenschaften so richtig zu erfassen. Denn obwohl die Krypto-Welt noch ganz am Anfang steht, hat sie bereits Einmaliges geleistet: Eine digitale Währung, die als «Digital Bearer Instrument» im Internet existiert und dabei auf einem eigenständigen Zahlungsnetzwerk ohne eine alles kontrollierende Zentralinstanz basiert, hat es vor Bitcoin noch nie gegeben. Auch der Umstand, dass Bitcoin abseits des Polit- und Wirtschaftsestablishments im Stile einer spontanen Ordnung zu einem 100 Milliarden Dollar Projekt werden konnte, lässt einen dessen revolutionären und einzigartigen Charakter würdigen.

Selbst über sein eigenes Habitat hinaus hat der Bitcoin neue Ökosysteme geschaffen – allen voran das Ethereum-Imperium. So waren es die Idee hinter Bitcoin sowie seine Kursgewinne, die dem Ethereum-Projekt anfänglich Leben einhauchten. Von Juli bis August im Jahr 2014 lancierte die Ethereum-Foundation ein Initial Coin Offering, um mit ihrem Konzept bei Bitcoin-Besitzern zu werben. Nur wer sich von einem Teil seiner Bitcoin trennte, konnte diese für Ether – der Coin des Ethereum-Netzwerkes – hingeben und so in die Vision des heute zweitgrössten Krypto-Assets investieren.

Das Superhirn hinter Ethereum ist Vitalik Buterin. Auf Bitcoin stiess der Russisch-Kanadier im zarten Alter von 17 im Februar 2011, als sein Vater ihn auf die Kryptowährung aufmerksam machte. Bald darauf faszinierte ihn das Bitcoin-Projekt und Buterin begann, sich immer intensiver damit auseinanderzusetzen. Mit der Zeit ging die Faszination auch in das Bestreben über, eine Limitation Bitcoins zu beseitigen, die Buterin ausgemacht zu haben glaubte. Das Wunderkind stellte fest: Obschon Bitcoin ein beeindruckendes Stück Programmiercode ist, entwickelte kaum jemand Applikationen auf Bitcoin. Und dies schien so beabsichtigt zu sein.

Seit Anbeginn der Bitcoin-Blockchain bestand deren Hauptaufgabe darin, eine möglichst sichere Übertragung von digitalen Werten zu ermöglichen. Um diese Ziel keinesfalls unnötig zu gefährden, wurde dem Bitcoin eine möglichst rudimentäre, dafür aber umso robustere Skriptsprache zugrunde gelegt. Damit Entwickler besser in der Lage wären, auf dem Bitcoin-Protokoll einfacher neue Software zu programmieren, bräuchte es eine komplexere Skriptsprache, eine sogenannte Turing-vollständige Programmiersprache, ersann das Computergenie. Natürlich würde bei einer solchen programmierbare Blockchain auch die Fehleranfälligkeit steigen, konterten einige Kritiker auf den Ansatz Buterins.

Als Vitalik die Bitcoin-Community von seinen Änderungsversuchen nicht zu überzeugen vermochte, setzte er seine Ideen deshalb mit einem kleinen Kreis von ihm vertrauen Leuten in die Tat um. Nachdem der Code programmiert war und mittels Initial Coin Offerings Bitcoin zu einem Wert von damals 18 Millionen Dollar eingenommen wurden, wurde am 30. Juli 2015 der erste Ethereum-Block kreiert.

Falsche Dichotomie

Wie schon Bitcoin zuvor, zog auch Ethereum immer mehr Leute in seinen Bann – insbesondere eine grössere Anzahl Software-Entwicklern machten nun ihren ersten Schritt in die Krypto-Welt. Aufgrund des steigenden Interessens schoss auch der Ether-Preis regelrecht durch die Decke und die Rivalität zwischen den beiden Camps nahm zu. Einige Bitcoin-Anhänger – durch den Preisaufschwung bei Ether sichtlich verunsichert – sahen in diesem neuen Krypto-Asset einen billigen Abklatsch Bitcoins, das den eigentlichen Krypto-Wert kaum mehr treu sei. Aufseiten Ethereums sprachen einige Exponenten hingegen bereits davon, dass die programmierbare Blockchain dem Bitcoin haushoch überlegen sei und erstere letztere deshalb eher früher als später obsolet machen würde. Noch heute bekämpfen sich die beiden Lager in Internetforen, auf Twitter oder an Konferenzen. Während Ethereum-Maximalisten Häretiker geschimpft werden, werden Bitcoin-Maximalisten als die Fundis der Krypto-Welt gebrandmarkt.

Dieser Zirkus um den Titel «Einzig wahre Blockchain» ist letztlich nichts als ein clowneskes Scheingefecht. Denn Bitcoin und Ethereum sind überhaupt keine direkten Kontrahenten, verfolgen sie doch andere Ziele. Als unabhängiges Wertaufbewahrungsmittel muss die Bitcoin-Blockchain grösstmögliche Sicherheit bieten. Das impliziert, dass Bitcoin notwendigerweise auf einer rudimentäreren Skriptsprache beruhen muss, die weniger Programmierungsmöglichkeit offenlässt, gleichzeitig aber auch die Anfälligkeit für Programmierfehler, sogenannte «Bugs» einschränkt.

Der Zweck von Ethereum liegt gewissermassen darin, diesen Trade-Off genau gegenteilig aufzulösen. Einer grösseren Experimentierbarkeit und Flexibilität in der Programmierfähigkeit der Blockchain wegen wird auf der Ebene des Quellcodes auch eine grössere Fehleranfälligkeit in Kauf genommen. Ereignisse wie der DAO-Hack, der Parity-Bug und anderer Rückschläge, die letztlich auf Programmierfehler zurückzuführen sind, dokumentieren das. Weil der Ethereum-Ansatz programmiertechnisch viel mehr zulässt, erscheint dessen Use-Case einiges breiter, was viele Ethereum -Begeisterte schliessen lässt, in Ethereum das langfristig lukrativere Projekt zu sehen. Ob sich diese Ansicht bewahrheiten wird, kann nur die Zeit zeigen.

Kampfansage an die Kapitalmärkte

Ethereum wird heute insbesondere für den ICO-Hype von Ende 2017 verantwortlich gemacht. Dabei ist der Ton nicht selten etwas vorwurfsvoll, zeichnet sich doch für viele mittlerweile ab: Nicht nur haben Investoren in dieser Spekulationshausse viel Geld verloren, sondern wurden sie auch von etlichen ICO-Betrügern und Krypto-Scharlatane an der Nase herumgeführt. Vor lauter Kritik am ERC20-Token-Standard geht jedoch vergessen: Dank dieses Standards kann eine jede Person – mittels ICO oder Token Sale – ihren eigenen Token zu geringen Kosten lancieren, ohne sich um den Aufbau einer aufwendigen Blockchain-Infrastruktur kümmern zu müssen.

Der Begriff «ICO» steht für Initial Coin Offering und ist eine Anlehnung an das Initial Public Offering (IPO). Letzteres machen Unternehmen, wenn sie an die Börse gehen. Die Verlockung liegt nahe, ein ICO als das digitale Pendant zum klassischen Börsengang zu sehen. Korrekt ist das nicht. Wer einen Token kauft, erwirbt damit nicht automatisch Unternehmensanteile. Zudem gewährt eine Aktie Dividende und Stimmrecht. Beides ist auch mit Tokens möglich – doch ist das bei weitem nicht immer der Fall, kommt es doch auf die Art des Tokens an. Gleichzeitig ist auch die rechtliche Lage noch kaum geklärt, da einige dieser Token-Arten für den Regulator Neuland darstellen und daher zuerst abschliessend beurteilt werden müssen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Sachlage in Zukunft eindeutiger gemacht werden wird, um das ICO dem IPO in gewissen Aspekten gleichzumachen.

Im zweiten Quartal 2018 betrug der ICO-Markt 45 Prozent bzw. 31 Prozent der traditionellen IPO- und Risikokapitalmärkte, gegenüber 40 Prozent bzw. 30 Prozent im ersten Quartal 2018. Offiziellen Zahlen zufolge betrug das ICO-Volumen im zweiten Quartal 2018 rund 7,2 Milliarden US-Dollar, während der US-IPO-Markt 16,0 Milliarden US-Dollar und die US-Venture-Capital-Märkte 23 Milliarden US-Dollar im gleichen Zeitraum ausmachten. Obschon die ICO-Einnahmen in den Sommermonaten 2018 abnahmen und sich im September nur noch auf etwas über 31 Millionen Dollar beliefen, wird sich das ICO künftig in irgendeiner Art und Weise etablieren.

Es ist also Ethereum, das die Möglichkeit des Crowdfunding auf eine ganz neue, eine globale Ebene gebracht hat. Dass diese neue Form der Unternehmensfinanzierung ab dem April 2017 einen derart kometenhaften Aufstieg erlebte, mag folgenden Grund gehabt haben: Mittels ICO lässt sich eine (Unternehmens-)Finanzierung auf einmal effizient, schnell und eigenständig über das Internet durchführen. Auch können potentielle Investoren aller Kategorien – das heisst vom professionellen Anleger bis zum Hobby-Investor – auf der ganzen Welt angesprochen werden.

Im Vergleich dazu sind die traditionellen Kapitalmärkte stramm durchreguliert. Rechtliche Auflagen machen das Fundraising – selbst für ausserbörsliche Beteiligungen – sehr aufwändig. Risikokapitalgeber investieren nur, wo ein minutiös ausgearbeiteter und Erfolg verheissender Meilensteinplan existiert. Gleichzeitig hat die Kapital suchende Partei unterschiedliche Verpflichtungen einzugehen. Die ICOs waren und sind deshalb eine willkommene Alternative, um den aufgeblähten Transaktionskosten der offiziell regulierten Finanzwelt aus dem Weg zu gehen. Es gibt keine Versicherer, Treuhänder, Übertragungsagenten, Börsen, Depotstellen, Clearingstellen oder Zentralverwahrer, die an ICOs beteiligt sind und auch ihren Anteil verdienen wollen. Die Token-Trades sind zudem instantan und haben kein Gegenparteirisiko. Die Möglichkeit, diese Aufwandskosten umgehen zu können, schien bei den Anlegern so richtig Anklang zu finden, ansonsten hätten die ICO-Investoren wohl kaum die Bereitschaft gezeigt, für diese niedrige Aufwandskosten auf die regulatorisch implementierten «Schutzmassnahmen» zu verzichten.

Auch wenn diese neue Finanzierungsmethode von vielen Skandalen und Betrügereien geprägt ist, sollte das ICO dennoch als revolutionärer Akt der Selbstbefreiung verstanden werden. Denn nie zuvor konnte ein 16-jähriger aus Brasilien, Indien oder China ein paar Dollar in ein möglicherweise erfolgreiches Zukunftsunternehmen aus der Schweiz, Israel oder Singapur stecken. Wie immer bei Revolutionen kommt es auch zu Übertreibungen, und manch Involvierter treibt eine begrüssenswerte Sache bis zum Exzess. Wie alles auf unserer Welt, haben auch die ICOs zwei Seiten, von denen man die eine nicht verharmlosen, die andere aber auch nicht ungewürdigt lassen sollte.

Während also Bitcoin die Geldschöpfung durch zentrale Entitäten wie Zentralbanken und Geschäftsbanken infrage stellt, liegt die revolutionäre Kraft Ethereums heute darin, eine echte Alternative zum zentralistisch organisierte Kapitalmarkt ermöglicht zu haben. Denn seit jeher fungieren Investmentbanken als Vermittler zwischen Vermögensverwaltern und Staaten oder Unternehmen, die eine Anleiheemissionen machen oder über ein IPO Aktien ausgeben wollen. Vor Ethereum gab es technisch keine Möglichkeit, diese Finanzintermediäre zu umgehen. Heute gibt es sie. Noch spüren Investmentbanken von dieser disruptiven Kraft wenig. Ganz anders die Risikokapitalgeber. Deren Geschäftsfeld wird gerade auf den Kopf gestellt, weshalb es nicht mehr ungewöhnlich ist, Risikokapitalunternehmen wie Andreessen Horowitz oder Union Square Ventures auf Pre-ICO-Investorenlisten zu finden. Die Aushängeschilder des Risikokapitalgebertums haben also bereits auf die «Ethereumisierung» des Investierens reagieren müssen – ein Schicksal das der Wall Street noch blühen könnte.

Blockchain: Ein Begriff schafft sich ab

Der Mensch denkt in Kollektivismen – heute wohl mehr als je zuvor. Kommt ein Begriff im Ismus daher, ist wenigstens offensichtlich: Ein an und für sich wahrer Kern der Realität ist in seiner Überdehnung zur Ideologie breit geschlagen worden. Weniger augenscheinlich, doch letztlich erkenntnistheoretisch genauso nichtssagend sind Begriffe wie «die Religion», «die Politik» oder «die Wissenschaft». Als wäre der Grad absoluter Verallgemeinerung nicht schon erreicht, werden solche Begriffe dann auch noch ihres Artikels entledigt und so in eine absolut starre Worthülse gegossen.

Die Krypto-Welt – ein überaus kollektivistischer Begriff, wie sie hoffentlich gemerkt haben – hat jüngst ein weiteres dieser selbstevidenten Mantren geschaffen: die Blockchain. Doch spricht man unter Krypto-Befürwortern längst nicht nur mehr von «der Blockchain» oder «einer Blockchain», sondern eben von «Blockchain für den Sport», «Blockchain für das Finanzwesen» oder «Blockchain für die Logistik». Das Englische ist in dieser Hinsicht noch klarer: Man spricht redet gemeinhin von «Blockchain Technology».

Eine Allerweltslösung?

Wer sogenannten Blockchain-Enthusiasten heute zuhört, weiss schnell: Blockchain ist die Lösung für alle Probleme auf unserer Erde. Und nicht nur für unsere irdischen, sondern selbst für unsere Herausforderungen im Weltall. Konkret soll die Blockchain zum Beispiel den Handel von umweltfreundlich angebauten Bananen fördern. Oder es sollen sich in Zukunft mithilfe der Blockchain Wälder selber aufforsten können. Sogar als Lösung für das Brexit-Fiasko wird Blockchain angepriesen. Die Liste möglicher Problemfelder, die sehnlichst auf die Blockchain-Abhilfe gewartet hätten, liesse sich beliebig erweitern. Die Frage, die sich einem nüchternen Beobachter von ausserhalb der Krypto-Szene jedoch stellt: Ist Blockchain tatsächlich das Allerheilsmittel, für das es gegenwärtig verkauft wird? Oder sind die unzähligen, im Zusammenhang mit der Blockchain entstandenen Lösungsansätze blanker Unsinn?

Ein solches Verdikt wollen und können wir an dieser Stelle nicht fällen. Wir leben in einer äussert komplexen und von unzähligen Unwägbarkeiten geprägten Welt. Unsere menschlich unüberwindbare Ungewissheit in Bezug auf zukünftige Ereignisse lässt keine sicheren Prognosen über eine mögliche Zukunft zu. Insofern soll hier nicht darüber geurteilt werden, ob die Blockchain nicht einmal tatsächlich beim Handel von umweltfreundlich produzierten Bananen helfen wird. Was jedoch klargestellt werden muss: Die Blockchain gibt es nicht und schon gar nicht kann von einer allumfassenden Blockchain-Technologie gesprochen werden.

Differenzierung tut not

Wer von Blockchain spricht, sollte zumindest zwischen dem Typ der «Public», der «Federated» und der «Private» Blockchain unterscheiden. Innerhalb dieser Typendifferenzierung sollte konsequenterweise wiederum zwischen den verschiedenen Konsensus-Mechanismen unterschieden werden (Inhalt eines Folgebeitrags). Gewisse Leue argumentieren, dass diese Unterscheidung wenig Sinn machen würde. Eine «Private» oder «Federated» Blockchain sei schlichtweg keine Blockchain, da beide Arten die eigentlichen Essenzen einer Blockchain nicht teilen würden.

Ja und Nein. Um die scheinbar völlig verfahrene Lage rund um den Blockchain-Begriff etwas aufzuschlüsseln, gilt es dessen Ursprung zu beleuchten. Der Ausdruck wird Satoshi Nakamoto zugeschrieben, dem anonymen Gründer Bitcoins. Doch hat Nakamoto den Begriff der Blockchain überhaupt nie selber verwendet, weder im Bitcoin-Whitepaper noch an anderer Stelle. Stattdessen sprach er von einer «Chain of hash-based proof-of-work, einer «Chain of blocks» oder von einer «Timechain» und versuchte damit lediglich mit Worten bildlich darzustellen, wie man sich das von ihm programmierte Protokoll vorzustellen hat. Diese Verkettung (oder Verhashung) von Daten – wir wollen sie für unsere Zwecke Block-Chain nennen – war für Satoshi jedoch nur ein Puzzleteil eines grösseren Ganzen. Durch das «verketten» von Daten (Information) entsteht ein Zeitdiagramm, welches Daten in einer Abfolge über die Zeit dokumentiert. Dank eines solchen Zeitdiagramms lässt sich Information in der Zeit chronologisch ordnen.

Doch worin besteht diese Information, über die Buch geführt werden soll? Es handelt sich um digital gesicherte Eigentumstitel, die durch digitale Signaturen ermöglicht werden. Sie machen aus einem Zeitdiagramm kontextlos verknüpfter Daten eine Transaktionshistorie von Eigentumsverhältnissen, die darüber Aufschluss gibt, wer wann wieviel von was besitzt (im Falle von Bitcoin sind das Bitcoin-Einheiten). Ein digitales Hauptbuch oder auch Ledger genannt also.

Noch fehlen jedoch zwei weitere Essenzen, die Satoshi zur Vollendung seiner Idee miteingearbeitet hat. So hat vorgesehen, dass die genannte Transaktionshistorie von Eigentumsverhältnisse öffentlich einsehbar ist. Das heisst: Jedermann lädt sich mit dem Download des Programmcodes zum Bitcoin-Protokoll auch gleich die sich alle zehn Minuten ergänzende und damit vollständige Transaktionshistorie auf seinen Rechner. Aufgrund dieser Verteilung desselben Ledgers auf mehrere Computer – auch distributed Ledger genannt – kann jedermann jederzeit prüfen, ob mit den Eigentumsverhältnissen alles in Ordnung ist und auch niemand das System betrügt. Grundlage dafür bildet die Block-Chain, die chronologische Verkettung der relevanten Informationen.

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

Noch ist dieser verteilte Ledger allerdings angreifbar. Ohne eine letzte Besonderheit lässt sich die Block-Chain umschreiben, indem die Versionen des auf verschiedenen Computern laufenden Ledgers abgeändert werden. Um dies bestmöglich zu verhindern, hat Nakamoto das sogenannte Proof-of-Work eingebunden. Dieses Prinzip macht es kostspielig die Block-Chain zu ändern, jedoch ist nahezu kein Aufwand nötig, die Block-Chain auf ihre Integrität zu prüfen. Obwohl auch der Proof-of-Work-Mechanismus eine Änderung der Block-Chain und damit der Transaktionshistorie nicht unmöglich macht, je kapitalisierter das Bitcoin-Netzwerk ist, desto teurer wird es, das System zu manipulieren.

Zu guter Letzt hat Satoshi Nakamoto das programmierte Bitcoin-Protokoll, das alle genannten Komponenten vereint, als Open-Source-Projekt lanciert. Das heisst: Eine jede Person kann Änderungsvorschläge darbringen, die, werden sie von der Bitcoin-Entwickler-Community gutgeheissen, implementiert werden. Dieser Open-Source-Charakter ist ein weiterer wichtigerer Baustein.

Wird heute von der Blockchain als neues revolutionäres Wundermittel gesprochen, dann speist sich diese Faszination aus der oben beschriebenen Kombination dieser fünf Essenzen:

  • Verkettung (oder Verhashung) von Daten alias Block-Chain
  • Digitale Signaturen alias Public-/Private-Key-Kryptografie
  • Verteilung desselben Ledgers auf mehreren Computern alias verteilter Ledger
  • Proof-of-Work
  • Open-Source-Charakter

Diese fünf Elemente zusammen machen eine Blockchain zur viele gepriesenen Trust-Machine ohne Mittelmann, machen sie angriff- und hackerresistent, nahezu unabänderbar und transparent. Es ist aber auch die Kombination dieser vier Eigenschaften, welche eine Blockchain zurzeit ressourcenintensiv, langsam, wenig skalierbar, zu einem Governance-Challenge und einer rechtlichen Herausforderung machen. Einige Akteure setzen deshalb auch «private» oder «federated» Blockchain-Varianten, um die Unzulänglichkeiten zu dezimieren und die Herausforderungen zu meistern. Natürlich haben sie hiermit keine Wunderlösung gefunden, sondern gehen gewisse Trade-offs ein, indem sie einige der beschriebenen Essenzen aufweichen oder ganz aufgeben.

Essenzen vernachlässigen

So steht eine «federated» Blockchain unter der Leitung einer ausgewählten Gruppe, einer Verwaltung, die aus voneinander unabhängigen Akteuren besteht. Diese entscheiden zusammen, wer den Protokoll-Code laufen lassen darf und somit als Node (Netzwerkteilnehmer) innerhalb des Netzwerkes agieren kann (Read Permission). Der Open-Source-Charakter ist oftmals nicht gegeben, zumal Diskretion auf beabsichtigten Gründen gewahrt sein muss. Nur jene, die anderen «federated» Blockchain beteiligt sind, haben Einsicht in die entsprechende Transaktionshistorie. Da sich nicht jeder beliebige Node mit Internetzugang in die Blockchain einbringen kann, ist auch die Anzahl Nodes auf die durch die Verwaltung beschränkte Menge begrenzt. Das beste Beispiel einer solchen Blockchain-Variante ist eine sogenannte Konsortium-Blockchain, wie wir sie in der Form von R3 aus dem Bankensektor bereits kennen.

Im Gegensatz dazu verbirgt sich hinter einer «private» Blockchain nicht ein Konsortium unterschiedlicher voneinander unabhängiger Akteure, sondern im Paradefall ein einzelnes Unternehmen. Dieses betreibt zwar verschiedene Nodes, diese sind jedoch durch das Unternehmen instandgesetzt. Während die Blockchain einsehbar oder vertraulich sein kann, ist das zugrundeliegende Protokoll in den Händen des entsprechenden Unternehmens und insofern zentralistisch organisiert (Write Permission).

Die beschriebenen Charakteristika sind nicht in Stein gemeisselt, gibt es in allen drei Blockchain-Varianten unterschiedliche Ausprägungen. Letztlich handelt es sich wohl um ein Kontinuum, bei dem die öffentliche Blockchain sowie die private Blockchain die gegenüberstehenden Enden bilden. Eine Blockchain, die über alle fünf genannten Essenzen verfügt, kann am ehesten als öffentlich-erlaubnisfreie Blockchain bezeichnet werden. Eine jede Person irgendwo auf der Welt kann auf einer öffentlich-erlaubnisfreien Blockchain einen eigenen Account (Public-/Private-Keypaar) erstellen und mit einem jeden anderen Account Transaktionen abwickeln, ohne dass jemand – realistischerweise – die Transaktionen unterbinden kann. Bei einer privaten Blockchain jedoch sind viele dieser Essenzen nicht mehr vorhanden. Hierin besteht sodann die Pattsituation: Eine private Blockchain ist eine Blockchain im Sinne einer «Chain of blocks», wohl aber keine Blockchain im Sinne einer jenen Blockchain, mit der gewöhnlich die revolutionären Aspekte in Verbindung gebracht werden.

Immer genau hinschauen

Ob «private» und «federated» Blockchains ihren Namen überhaupt verdient haben und nicht als Blockchain, sondern als «einfache» Datenbankvariante ihre Daseinsberechtigung haben, soll hier nicht abschliessend beurteilt werden. Diese Entscheidung obliegt dem Leser. Der werte Leser sei jedoch dazu aufgefordert, jegliche Blockchain-Rhetorik auf Herz und Nieren zu prüfen. Stimmen Grossunternehmen wie IBM oder SAP ein Loblied auf ihre Blockchain-Lösung an, verkündet die UEFA mittels Blockchain das Ticketing abgewickelt zu haben oder schwärmen Startups von ihrem Blockchain-basierten Produkt – immer sollte man einen Blick hinter die Marketingfassade wagen. Denn eine Blockchain, die wenig transparent, genehmigungsbedürftig und auf nur vier Nodes verteilt, steht nun mal unter ganz anderen Vorzeichen als eine öffentlich-erlaubnisfreie Blockchain, deren Netzwerk aus Tausenden von dezentralisierten Nodes besteht.

Wie in so vielen anderen Bereichen kommt auch beim Thema der Blockchain das Bonini-Paradox vollends zum Tragen. Der französische Philosoph und Essayist Paul Valéry hat dieses seinerseits treffend auf den Punkt gebracht: «Alles Einfache ist falsch, alles Komplizierte unbrauchbar.» Wer also das Wesentliches dieser neuen Krypto-Entwicklung herausschälen will, kommt nicht umhin, die Sache in ihrer ganzen Komplexität und Unschärfe erkenntnistheoretisch gewinnbringend zu recherchieren (wie in diesen Passagen beabsichtigt). Nicht immer hat man jedoch die Zeit, auszuführen und tiefer zu graben, weshalb gerade ausgefallene VC-Pitches, marketinggetrieben Pressekonferenzen und prägnanten Medienartikeln zum Thema Blockchain eine weitere Recherche im Nachgang bedingen.

Wall-Streetisierung des Bitcoin oder Bitcoinisierung der Wall-Street?

Im Dezember 2017 lancierten zwei amerikanische Handelsbörsen – CBOE und CME – den Futures-Handel mit Bitcoin. Dabei handelt es sich um den Handel von auf Bitcoin lautende Terminkontrakte. Das heisst: Ein Besitzer eines solchen Futures kann am Bitcoin-Kurs partizipieren, ohne dabei eigentliche Bitcoin selber halten zu müssen. Mühe und Aufwand der noch immer komplizierten Lagerung dieses neuen Krypto-Assets bleiben so erspart, die Spekulation auf fallende oder steigende Kurse der Kryptowährung ist aber gleichwohl möglich.

Mit dem Bitcoin-Terminkontrakt lässt sich allerdings nicht nur «Finanzspekulation» betreiben. Sie dienen ganz allgemein zur Absicherung von Bitcoin-Beständen im eigenen Portfolio. Vor allem Bitcoin-Handelsbörsen wie Coinbase, Binance oder Bitstamp, deren Alltagsgeschäft sich um die Kryptowährungen dreht, dürften für die Bitcoin-Futures Verwendung haben. Das Geschäft mit den Futures funktioniert folgendermassen: Wer glaubt, dass der Bitcoin im Kurs steigen wird, geht eine Long-Position ein. Wer eine Korrektur erwartet, geht short. Je nachdem wo die genannten Handelsbörsen den Bitcoin-Preis in der Zukunft sehen, bauen sie entweder entsprechende Long- oder Short-Positionen auf, um so die aus dem Alltagsgeschäft zwingend anfallenden Bitcoin bestmöglich abzusichern.

Wird ein Bitcoin-Future vereinbart, einigen sich die Vertragspartner auf einen Eingangspreis und den Stichtag, an dem der Future geschlossen werden soll. An diesem Stichtag wird dann die Differenz zwischen Eingangs- und Abschlusspreis abgerechnet. Die Abrechnung geschieht auf Basis einer Barablösung in Dollar, dem sogenannten Cash-Settlement. Das heisst, dass die beiden Future-Parteien – anders als bei physisch beglichenen Futures – gegenseitige Forderung und Verpflichtung nicht in Bitcoin, sondern in Dollar, abgelten.

Was bringen die Futures?

Mit der Lancierung dieser Bitcoin-Finanzderivate wurden Ende 2017 die wildesten Mutmassungen über die zukünftige Preisentwicklung der Mutter aller Kryptowährung herumgereicht. Wird der Preis von Bitcoin erst recht durch die Decke gehen, da mit den Futures ein noch breiteres Publikum ein eigenes Exposure gegenüber Bitcoin aufbauen kann? Oder werden all die Kritiker von Bitcoin ihren Worten Taten folgen lassen und auf einen Preiszerfall wetten? Wird gar eine Zentralbank in Kooperation mit Mittelsmännern den Bitcoin über Futures in die Knie zwingen?

Ein Jahr später lässt sich resümieren: Mit der Lancierung der Futures schlitterte der Bitcoin und mit ihm der gesamte Krypto-Markt in einen Bärenmarkt. Gegenüber seinem Allzeithoch von 20’000 Dollar Ende 2017 büsste der Bitcoin-Kurs im ersten halben Jahr 2018 über 60 Prozent ein, ehe er sich bei ungefähr 6’500 Dollar einpendelte. Rückwirkend ist vor allem die Parallele zu Gold frappant: Als am 31. Dezember 1974 der erste Gold-Future auf der COMEX-Handelsbörse lanciert wurde, befand sich der Preis des Edelmetalls ebenfalls auf einem Allzeithoch. Danach stürzte der Kurs über die nächsten zwei Jahre um fast 50 Prozent ab.

Die massive Preiskorrektur beim Bitcoin führen einige Bitcoin-Sympathisanten auf Preismanipulationen durch den Futures-Handel zurück. So hätten Banken und andere Finanzinstitute nun ein Möglichkeit, den Bitcoin-Preis nach unten zu drücken. Für die Hardcore-Bitcoin-Enthusiasten ist daher klar: Auf lange Frist dürften Futures auf Bitcoin dem Krypto-Markt bloss einen Bärendienst erweisen, da der Preis der Kryptowährung einfacher manipuliert werden könne, so die Befürchtung.

Zieht man allerdings den Vergleich zum Gold erneut heran, dürfte für den Bitcoin-Preis Hoffnung bestehen. Wenn auch erst dreieinhalb Jahre später erreichte der Goldpreis sein vormaliges Allzeithoch wieder. Von dort vermochte der Kurs des gelben Edelmetalls dann nochmals beachtlich steigen. So gibt es unter den Bitcoinern denn auch jene, welche die Preismanipulationen nicht vollkommen in Abrede stellen, zugleich aber auch nicht überbewerten wollen. Denn zum Glück muss und kann bewusst Manipulation nicht immer aufgehen, da die Welt schlichtweg zu komplex ist.

Die Finanzialisierung Bitcoins

Neben den allgemeinen Skeptikern und den etwas neutraleren Bitcoin-Beobachtern gibt es jedoch auch viele Bitcoin-affine Finanzleute, die in der Lancierung der Bitcoin-Futures Ende 2017 einen ersten positiven Schritt auf dem Weg zur Professionalisierung von Bitcoin und anderen Krypto-Assets sehen. Als noch grösseren Schritt wird der Entscheid der IntercontinentalExchange (ICE) bewertet, mit Bakkt ein neues Ökosystem für Krypto-Assets zu schaffen. Immerhin vereinigt die ICE die weltweit grösste Wertpapierbörse unter sich, die New York Stock Exchange. Im Unterschied zu den bereits lancierten Bitcoin-Futures durch CBOE und CME sollen die ab dem 24. Januar 2019 durch die Bakkt-Plattform ermöglichten Bitcoin-Futures nicht mehr in Dollar, sondern in Bitcoin selber abgerechnet werden. Hierfür müssen also tatsächlich Bitcoin auf dem Markt gekauft und dann auch effektiv verwahrt werden.

Mit der Einführung solcher «physisch» verrechneter Bitcoin-Futures scheint auch die Lancierung eines ersten offiziellen Bitcoin-ETF nochmals realistischer geworden. Obwohl die Produktvorschläge einiger Investoren für einen Exchange-Traded-Fund (ETF) von der US-Börsenaufsicht bereits abgelehnt worden sind und andere noch immer hängig sind, wird der Regulator die Bewilligung wohl nicht ewig herauszögern können. Das Beispiel von Gold und anderen Rohstoffen dürfte hier wiederum als guter Indikator dienen.

Was die unterschiedlichen Bitcoin-Futures, das Bakkt-Ökosystem für Krypto-Assets sowie mögliche Bitcoin- und Krypto-ETF zeigen: Nach einigen Hedge-Fonds, Family Offices und Risikokapitalgeber beginnt sich nun auch die Wall-Street dem Bitcoin anzunehmen. In diesem Zusammenhang wird oft von der Finanzialisierung gesprochen. Neutral gedeutet beschreibt dieser Begriff den Umstand, wonach institutionelle Investoren – Kreditinstitute, Investmentbanken und Fondsgesellschaften – den Handel und die Finanzgeschäfte mit einer Anlage – in unserem Fall Bitcoin – durch die Vermittlung von derivativen Finanzinstrumenten intensivieren. Dies geschieht dadurch, dass auf originale Basiswerte (auch Underlying genannt) wie Aktien, Anleihen, Edelmetalle oder eben Bitcoin referenzierende Zusatzfinanzprodukte geschaffen werden.

Eine unmittelbare Folge dieser Finanzialisierung ist die Erhöhung der Marktliquidität des jeweils «finanzialisierten» Basiswertes. Damit einhergehend ist eine Senkung der Preisvolatilität des entsprechenden Basiswertes, da dessen Markt finanztechnisch gesprochen an Markttiefe gewinnt. Es wird also einfacher den Basiswert schneller und zu besseren Preiskonditionen zu handeln, da in normalen Zeiten generell mehr Käufer sowie Verkäufer vorhanden sein sollten. Die Markttiefe und die geringen Preisschwankungen schaffen wiederum eine bessere Grundlage für den Markteintritt weiterer institutioneller Anleger. Mit sich bringen diese neuen Investoren neue Netzwerkeffekte, welche den Preis des Basiswertes in neue ungeahnte Höhen treiben dürften.

Die Kehrseite der Medaille

Die voranschreitende Wall-Streetisierung wird daher von pragmatisch denkenden Bitcoin-Trader angepriesen – zum Verdruss jener Bitcoin-Aficionados, die befürchten, dass die Finanzialisierung dem Bitcoin nicht nur gut bekommen wird.

Neutral betrachtet, hat die Finanzialisierung denn auch ihre Kehrseite: So führt sie zwingendermassen zu einer heiklen Aufblähung des Basiswertes und folglich zu einer höheren Gesamtverschuldung unter den einzelnen Finanzintermediären. Denn über derivative Finanzprodukte lassen sich Finanzgeschäfte stärker «leveragen», so der neudeutsche Begriff. Natürlich ist Verschuldung nicht per se schlecht. Nimmt jemand Schulden auf, um diese in produktive statt konsumtive Projekte zu stecken, dürfte die Möglichkeit zur Verschuldung gar als förderlich zu bewerten sein. Gleichzeitig zeugen intakte Kreditmärkte von einem hohen Vertrauenskapital. Ist man also im Besitz eines Vermögensgut und verleiht dieses an einen Leerverkäufer, handelt es sich beim vergebenen Kredit, da dieser auf einem real vorhandenen Vermögenswert basiert, aus systematischer Sicht nicht an und für sich um eine problematische Verschuldung. Problematisch wird der Verschuldungsakt dann, wenn ein Vermögenswert verliehen wird, in dessen Besitz man überhaupt nicht ist. Der aufmerksame Finanzlaie mag an dieser Stelle anmerken: Wie kann man etwas ausleihen, dass man überhaupt nicht besitzt? Das ist doch ein Widerspruch in sich?

Nein, nicht an der Wall-Street. Um innerhalb dieses Finanzdschungels an Intermediären für alle Beteiligten den Überblick zu behalten und im Bestreben, Kreditrisiken besser überschaubar zu halten, sind Börsen, Clearinghäuser und andere zentrale Gegenparteien geschaffen worden. Die Wall-Street, die sinnbildlich für die Finanzmärkte steht, beschäftigt heute eine Vielzahl zentralisierter Institutionen, die zwischen den einzelnen Handelspartnern vermitteln. Auf verschiedenen Ebenen entlang der einzelnen Finanzgeschäfte fungieren Börsen, Clearinghouse und sonstige Gegenparteien als Depotstellen für die Vermögenswerte der Kunden. Der Effizienz wegen werden die Assets jeweils gemischt in einem Sammelkonto und nicht für jeden Kunden separat gehalten. Durch diese Vermischung können heutige Verpflichtungen mit älteren Sicherheiten beglichen werden, womit die Gefahr einer Unterdeckung reduziert werden kann. Gleichzeitig hilft dieser Vorgang bei der Verrechnung verschiedener Arten von Vermögenswerten (Bargeld, Staatspapiere oder Hypothekarwertschriften), da nur das Netto aller Salden und nicht die einzelnen Bruttobeträge für jeden Handel verbucht werden müssen.

Mit dieser an der Wall-Street zum Standard gehörenden Vermischungspraxis durch die Verwendung von Sammelkonten steigt allerdings die Intransparenz darüber, wo die zur Besicherung hinterlegten Vermögenswerte landen. Als Folge davon wird es unmöglich, verlässlich zu prüfen, ob die Verbindlichkeiten einer Gegenpartei die Menge der von ihr im Sammelkonto gehaltenen Vermögenswerte nicht übersteigen. Das eigentliche Ziel, Kreditrisiken überschaubarer zu machen, wird so in sein Gegenteil verkehrt – es wird schwieriger Risiken zu eruieren.

Doch werden Kreditrisiken durch die an der Wall-Street angewendeten Finanzpraktiken nicht nur intransparenter, sondern noch künstlich verstärkt. So können Finanzakteure Vermögenswerte, welche sie als Sicherheit für einen vergebenen Kredit erhalten, ihrerseits als Besicherung für die Aufnahme eines Kredits hinterlegen. Über den Repo-Markt führt diese Möglichkeit zur Wiederverpfändung (Rehypothecation) zu einer langen Kette (Collateral chain) an immer wieder verpfändeten Vermögenswerten, entlang dieser unterschiedliche Parteien in ihren Bilanzen einen gültigen Anspruch auf ein und denselben Vermögenswert ausweisen. Der Ökonom Manmohan Singh hat für die Wiederverpfändung von US-Staatspapieren ermittelt: Für jede Staatsanleihe existiert jeweils ein rechtmässiger Anspruch von drei Parteien. Würden also alle Parteien ihren Anspruch auf einmal geltend machen, dürften zwei der drei Parteien leer ausgehen, da schlichtweg nicht genügend US-Staatsanleihen vorhanden sind.

Der aufmerksame Finanzlaie von weiter oben findet an dieser Stelle also die Antwort auf seine Frage. Weil verschiedene Parteien glauben, etwas zu besitzen, dass sie nicht wirklich besitzen, ist es an der Wall-Street faktisch möglich, einen Vermögenswert zu verleihen, den man nicht besitzt. Aus systemischer Sicht haben wir hier jedoch ein Problem und damit sind wir wieder bei jener Art der Verschuldung, die problematisch ist. Auf der Ebene einzelner Finanzinstitute scheint die Schuld zwar besichert zu sein. Systemisch betrachtet, reichen die Vermögenswerte zur Besicherung aller Kreditgeschäfte allerdings nicht aus. Wie solvent das Finanzsystem in der Summe wirklich ist – darüber stehen wir im Dunkeln. Bis wieder einmal – wie schon 2008 – der Tag kommt, an dem offensichtlich wird, dass die Wall-Street hier eigentlich das Gesellschaftsspiel «eine Reise nach Jerusalem spielt – nur halt eben eine Version für Finanzmarkteure, bei der die Gesellschaft am Ende für Verwerfungen gerade stehen muss.

Essenzen im Konflikt – wer gewinnt?

Ihrer Funktionsweise – letztlich gar ihrem Wesen nach – schöpfen die Finanzmärkte heute also mehr Ansprüche auf Vermögenswerte, als Vermögenswerte tatsächlich vorhanden sind. In diesem Sinn ist das heutige «Finanzsystem» gewissermassen die Antithese zur Bitcoin-Blockchain. Das Bitcoin-Protokoll ist so programmiert, dass nie mehr als 21 Millionen Bitcoin existieren werden – Mathematik und Kryptografie stellen das sicher. Gleichzeitig garantieren Mathematik und Kryptografie auch die Existenz eines unverfälschbaren Hauptbuches. Dieses wird gemeinhin als «Distributed Ledger» beschrieben, der die Besitzansprüche für jeden einzelnen Bitcoin oder Bruchteile davon – es ist möglich, zum Beispiel 0,0001 Bitcoin zu besitzen – dokumentiert. Im Gegensatz zu den heutigen «Wall-Street-Ledgern» können innerhalb des «Bitcoin-Systems» nie mehr Ansprüche auf Bitcoin vorhanden sein, als tatsächliche Bitcoin existieren. Die Bitcoin-Blockchain ist «equity-basiert» und transparent; das heutige Finanzsystem hingegen «leveraged-basiert» und intransparent.

Aufgrund dieser wesenhaften Diskrepanz halten Bitcoiner die fortschreitende Wall-Streetisierung für ein zweischneidiges Schwert. Denn selbst wenn auf der Bitcoin-Blockchain keine ungedeckten Ansprüche auf Bitcoin geschaffen werden können, off-chain, das heisst abseits der Bitcoin-Blockchain, geht das sehr wohl. Schon heute dürften Handelsbörsen und andere Finanzinstitute sogenannte synthetische Bitcoin handeln. Je stärker sich der Bitcoin- und Krypto-Handel auf der Wall-Street professionalisieren wird, desto grösser sind die Chancen für Rehypothecation. Es dürfte also nur eine Frage der Zeit sein, bis Bitcoin an der Wall-Street als Besicherung verwendet und somit das Ausmass an ungedeckten Bitcoin-Ansprüchen stetig wachsen wird. Die algorithmisch erzwungene, absolute Knappheit Bitcoin würde dadurch untergraben.

Gleiches passierte bereits an den Rohstoffmärkten, die eine riesige Menge an papierenem Gold und Silber geschaffen haben. Seither ist es der sprichwörtliche Schwanz, der mit dem Hund wedelt. An und für sich nicht begrenzte Finanzderivate üben heute einen grossen Einfluss auf die Preisbildung von Gold und Silber aus. In einer Zeit also, in der es an elastischen Vermögenswerten kaum mangelt, wäre es doch als Gewinn zu werten, wenn mit Bitcoin wenigstens ein knappes Asset – dazu noch das erste absolut knappe Anlagegut – nicht sinnentleert würde.

Doch wird dem Bitcoin dieses Schicksal nicht erspart bleiben. Interessanterweise dürfte dem Bitcoin – im Gegensatz zu bisherigen anti-zyklischen Anlagen – eine nicht zu unterschätzende Kraft innewohnen: die Hodler. Der Begriff hat sich nach einem Schreibfehler des englischen Wortes «holder» für Halter in der Krypto-Szene etabliert und steht für langfristig haltende Bitcoin-Inhaber. Diese halten ihre Bitcoin in sogenannten «Cold-Storage»-Hardwallets, welche die wohl sicherste und zugleich komfortabelste Variante der Bitcoin-Aufbewahrung darstellen. Indem die Hodler die privaten Schlüssel zu den Bitcoin keiner Depotstelle zur Verwaltung anbieten, sondern bei sich behalten, verunmöglichen sie die Finanzialisierung ihrer Bitcoin. Andere Bitcoin, die hingegen auf Handelsbörsen oder sonstigen Depotstellen gehalten werden, können natürlich in die Derivaten-Pyramide der Wall-Street eingespeist werden.

Die Macht der Hodler

Was die Bitcoin-Hodler gegenüber der Wall-Street und ihren heiklen Praktiken besonders stark macht, ist die Möglichkeit einen Fork zu initiieren. Hierbei handelt es sich um einen informationstechnischen Begriff, der die Abspaltung von einem Ursprungsprogrammiercode in einen neuen Programmiercode beschreibt. Dabei kann der Quellcode eins zu eins kopiert werden oder aber einfach als Vorlage zur Aufsetzung eines ähnlichen Programmiercodes verwendet werden. Theoretisch besteht also die Möglichkeit, den Bitcoin-Code jederzeit zu «forken» – zum Beispiel dann, wenn die Bitcoin-Community das Gefühl hat, dass die Wall-Street über ihre Finanzderivate zu viele ungedeckte Bitcoin-Ansprüche geschaffen und so die absolute Knappheit des Krypto-Assets hintertrieben hat. Wichtig zu wissen: Spaltet sich die Bitcoin-Blockchain in zwei neue Versionen auf, besitzt man auf beiden Versionen die genau gleiche Anzahl Bitcoin. Wer auf der alten Bitcoin-Blockchain fünf on-chain Bitcoin besitzt, verfügt auch über die gleiche Anzahl Bitcoin auf der neuen Bitcoin-Blockchain.

Nun ist die Möglichkeit zu «forken» deshalb eine so mächtige Waffe der Hodler, weil sie von einer Bitcoin-Version zur nächsten wandern können, ohne dabei ihre Bestände zu verlieren. Da sie im Besitz der privaten Zugangsschlüssel für jeden einzelnen «alten» Bitcoin sind, können sie auch jeden Bitcoin auf der neuen Version abrufen. Für ungedeckte Ansprüche auf Bitcoin gilt das nicht. Ein ungedeckter Bitcoin-Anspruch, der off-chain «aus dem Nichts» geschaffen wurde, ist innerhalb des «Distributed Ledger» nicht verbucht und existiert für die Bitcoin-Blockchain schlichtweg nicht. Bei einem Fork entsteht also nicht automatisch ein Anspruch auf Bitcoin-Einheiten der neuen Version. Die Gefahr für alle jene Finanzinstitute, welche ungedeckte Bitcoin-Ansprüche geschaffen haben und diese als Verbindlichkeiten in ihren Büchern haben, besteht nun darin: Sollte sich nach einem Fork die neue Version als die werthaltigere und massgeblichere Bitcoin-Blockchain herausstellen, besitzen die entsprechenden Finanzintermediäre Verpflichtungen, die sie nicht begleichen können – ausser sie haben in ihrer Geschäftsordnung explizit festgelegt, dass geforkte Bitcoin keinerlei Verpflichtungen generieren. Diese Problematik könnte Finanzinstituten, welche auf physische Bitcoin-Derivate und damit auch auf ungedeckte Bitcoin-Ansprüche gesetzt haben, teuer zu stehen kommen.

Wall-Streetisierung des Bitcoins oder Bitcoinisierung der Wall-Street? Auch wenn die zunehmende Finanzialisierung die Alleinstellungsmerkmale des Bitcoin aufweichen wird, so dürfte stets das Schwert des Damokles beziehungsweise jenes der Bitcoin-Hodler über der Wall-Street schweben. Und vielleicht gelingt dem Bitcoin dereinst, was die Politik seit Jahrzehnten versucht: die Wall-Street sicherer und transparenter zu machen.

Smart-Contract-Plattformen: Welche ist wohl smart genug?

Ethereum ist heute (erst) etwas älter als drei Jahre. Seit der erste Ethereum-Block am 30. Juli 2015 geschaffen worden ist, hat sich die öffentliche Blockchain in Sachen Marktkapitalisierung zum zweitgrössten Krypto-Asset entwickelt und zählt heute bereits über 250’000 Entwickler. Bis heute sind ungefähr 1’800 DApps registriert. Ethereum ist zudem zweifellos die erfolgreichste, blockchain-basierte Crowdfunding-Plattform. Von den Top 100 Token nach Marktkapitalisierung wurden 94 Prozent ursprünglich auf Ethereum aufgebaut – 13 Milliarden Dollar an Kapital sind auf diese Weise über Ethereum zustande gekommen. Von den Top 700 Token nach Marktkapitalisierung entfallen 87 Prozent auf Ethereum. Das entspricht 15 Milliarden von 19 Milliarden Dollar, die über die Ethereum-Plattform gesammelt wurden.

Dieses Wachstum und die daraus resultierende Dominanz hat andere Smart-Contract-Plattformprojekte auf den Plan gerufen. Obwohl Ethereum einen kometenhaften Aufstieg erlebte, ist heute klar: Damit Ethereum dezentralisierte Dienste und Applikationen in einem Ausmass handhaben kann, um gegenüber traditionellen zentralisierten Lösungen eine echte Alternative zu sein, bedarf es wirkungsvoller Skalierungsmöglichkeiten. Die Ethereum-Community hat dies erkannt und arbeitet daran – noch hat sie den Durchbruch aber nicht geschafft.

Hier sehen viele alternative Smart-Contract-Plattformen ihre Chance, Ethereum zuvorzukommen. Gelingt es ihnen eher und besser zu skalieren, dürfte nicht nur die alte Welt – in der Hoffnung technologische Umbrüche mitgehen zu können – sondern auch die neue Welt ihre Anwendungen in Zukunft auf einer dieser alternativen Smart-Contract-Plattform bauen.

Wenn Akademiker eine Blockchain bauen

Die meisten Smart-Contract-Projekte versuchen Ethereum daher mit Geschwindigkeit den Rang abzulaufen. Nicht so Cardano – in der Krypto-Community auch als japanisches Ethereum beschrieben. Dies aber nicht etwa, weil es sich dabei um ein Projekt japanischen Ursprungs, sondern weil das Projekt in Japan lanciert worden ist und angeblich rund 95 Prozent aller ICO-Investoren aus dem Land der aufgehenden Sonne beheimatet waren.

Bei Cardano wird nicht auf Schnelligkeit gesetzt. Im Gegenteil gilt der Fokus der Genauigkeit und Richtigkeit. Gegründet wurde Cardano von Charles Hoskinson, der ebenfalls bereits bei Ethereum und BitShares mitgewirkt hatte. Dass Hoskinson Mathematiker ist, schimmert bei Cardano ganz klar durch. Wohl kein anderes Smart-Contract-Projekt ist derart akademisch geprägt und auf mathematische Korrektheit aus. Für die Entwickler hinter Cardano steht die fachliche Begutachtung des Codes im Vordergrund. So ist es deren Absicht, die Cardano-Protokolle einem Peer-Review-System zu unterstellen und jeglichen Programmcode, wenn möglich, mit formaler Verifikation zu validieren. Formal verifiziert ist ein Programmcode dann, wenn mathematisch nachgewiesen ist, dass er für alle Inputs korrekt ist. Mittels formaler Überprüfung ist zwar (noch) nicht bewiesen, dass ein Code das tut, was er tun soll, doch ist bewiesen, dass gewisse Fehler ausgeschlossen werden können. Diese Art der formalen Verifikation ist ein neuer Bereich, und obwohl sich auch andere Projekte vermehrt daran orientieren, will Cardano hier führend sein.

Cardano läuft zwar bereits auf einem eigenen Mainnet, viele der Eigenschaften und Merkmale dieser Smart-Contract-Plattform sind allerdings noch in der Entwicklung. Für einen Aussenstehenden gibt es daher noch wenig gesicherte Informationen. Schon heute scheint klar zu sein: Während bei vielen anderen Projekten die Buchführung von Werttransaktionen sowie das Ausführen von Smart-Contract-Befehlen zusammenfallen, sind diese Prozesse bei Cardano auf zwei unterschiedliche «Layers» getrennt. Da gibt es zum einen den «Settlement Layer» für den Werttransfer sowie den «Computational Layer» für die Anwendung von Smart Contracts. Von dieser Aufspaltung verspricht man sich bei Cardano vor allem entscheidende Aspekte wie Skalierbarkeit, Privatsphäre sowie regulatorische Fragen und Compliance besser unter einen Hut bringen zu können. Die beiden unterschiedlichen «Layers» basieren zudem auf zwei verschiedenen Programmiersprachen. Die eine Sprache ist spezifisch und begrenzt, damit aber auch weniger anfällig für Bugs und anderen unvorhersehbaren Programmierfehlern, während die andere flexibler ist. Je nach Anwendung kann dann die eine oder die andere Programmiersprache verwendet werden, weshalb Cardano hier eine gewisse Auswahl bietet.

Ob dieser sorgfältige Weg der Peer-Review-Begutachtung und jener der formalen Verifikation in der doch ungemein schnelllebigen Krypto-Welt zum Erfolg führen wird, kann nur die Zeit zeigen. Vielleicht schüttet man bei Cardano das Kind aber auch mit dem Bade aus, hat doch die Methode der Peer-Review-Begutachtung auch ihre auserlesenen Kritiker. Deren Argument: Akademische Begutachtungsprozesse liefern bei weitem nicht immer Gewissheit und sind daher den Aufwand oftmals nicht wert. Selbst ein solcher Vorbehalt täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass man bei Cardano philosophisch, mathematisch sowie technisch saubere Arbeit leisten will. Folglich könnte das Projekt der Krypto-Welt in Zukunft noch einige interessante Ansätze bezüglich Smart-Contract-Plattformen liefern.

China nimmt es mit Ethereum auf

Ein weiteres Projekt, das eine Plattform für das Internet der Zukunft errichten will, stammt aus China. Vormals als Antshares bekannt, wechselte das Projekt im Juni 2017 seinen Namen auf NEO und sorgte dann gleich für Furore unter den Krypto-Investoren. Alsbald kam unter diesen jedoch die Frage auf: Kann ein Blockchain-Projekt aus China überhaupt erfolgsversprechend sein, wo doch die Regierung Chinas 2017 dezidiert Stellung gegen Bitcoin und ICOs bezogen hatte?

Natürlich ist das mit China und seinen eisernen Massnahmen immer so eine Sache. Denn wer genau hinschaut, erkennt: China hat sich nicht generell gegen die Blockchain-Technologie gestellt, immerhin hat sich die Zentralbank Chinas in seinem Fünfjahresplan für das Ausloten der Möglichkeiten der Blockchain-Idee stark gemacht. Im Grunde genommen interessiert sich die chinesische Regierung einfach für jene Blockchain-Projekte, die berechenbar und damit steuerbar sind. Und genau hier scheint NEO, wohl aus gutem Grund und in beabsichtigter Weise, anzusetzen.

Es ist das erklärte Ziel der Verantwortlichen hinter NEO auf Geschwindigkeit und regulatorische Compliance zu setzen. Bei NEO will man die Blockchain-Technologie dazu nutzen, Vermögenswerte aller Art zu digitalisieren, die Verwaltung und den Handel derselben mittels Smart Contracts zu automatisieren, um so die Strukturen für eine sogenannte Smart Economy ins Leben zu rufen. Hierfür ist die Lösung einer digitalen Identität unverzichtbar, weshalb der NEO Council – das Organ zur Förderung des NEO-Ökosystems – mit PikcioChain eine GDPR-konforme digitale Identitätslösung unterstützt. Baut eine Blockchain-Plattform auf Pseudo- oder gar Anonymität, ist sie für einen Staat – vor allem einer wie China – sowie Unternehmen von geringem Interesse, da regulatorische Erfordernisse so kaum erfüllt werden können.

Gleichzeitig legt NEO seinen Fokus aber auch auf Lösungen zur Entwicklung der Privatsphäre und des Datenschutzes. So will NEO über seine Partnerschaft mit OnChain, ein Unternehmen zur Förderung von Blockchain-Projekten, Unternehmen den Datenschutz ermöglichen. Gegründet von Da HongFei und Erik Zhang, die ebenfalls NEO ins Leben gerufen haben, arbeitet OnChain mit Regierungen und Unternehmen zusammen, um öffentliche und private Blockchains zu schaffen, welche dereinst über die dezentrale Netzwerkarchitektur (DNA) von OnChain mit dem NEO-Ökosystem verbinden sollen.

Wie Ethereum und andere Smart-Contract-Projekte verfügt auch NEO bereits über eine Open-Source-Gemeinschaft für Entwickler und Programmierer mit dem Namen City of Zion, zielt mit NEOX auf eine Interoperabilität ab und hat eine ICO-Plattform, die Zahlungslösungen, dezentralisierte Handelsbörsen und mehr erlauben soll.

Der Konsensus-Mechanismus von NEO nennt sich Delegated Byzantine Fault Tolerance oder dBTF. Hinter diesem Begriff verbirgt sich letztlich ein uns aus der traditionellen Welt bekanntes Governance-Modell: dasjenige einer repräsentativen Demokratie. Die NEO-Token-Inhaber bestimmen Delegierte, sogenannte Buchhalter, die für Konsens sorgen und das Netzwerk so aufrechterhalten. Insgesamt gibt es sieben dieser Buchhalter. Gegenüber Ethereum ist die Anzahl der das Netzwerk validierenden Knoten um einiges geringer. Zudem haben die NEO-Buchhalter erst noch digitale Identitäten und echte Namen – sind also für jedermann ersichtlich, während die Netzwerkknoten bei Ethereum anonym sind. Dass bei NEO die Buchhalter bekannt sind, macht im Hinblick auf die Ziele dieses Projektes gewiss Sinn. Um den regulatorischen Erfordernissen gerecht werden zu können, muss das Blockchain-Projekt über diesen Grad an Transparenz verfügen.

Über das Modell der delegierten Buchhalter kann verhindert werden, dass Transaktionen von allen Knoten im Netzwerk validiert werden müssen. Auf diese Weise vermag NEO eine höhere Anzahl an Transaktionen abzuwickeln als Ethereum. Darüber hinaus sind NEO-Transaktionen final. Das bedeutet: Forks, als Aufspaltungen der Blockchain in mehrere Ketten sind unmöglich. Erreichen die Buchhalter einen Konsens von 66 Prozent, wird die zu validierende Transaktion nicht nur in die Blockchain aufgenommen, sondern endgültig und kann nicht durch einen Fork obsolet gemacht werden.

Ein weiterer Unterschied zwischen Ethereum und NEO betrifft die Programmiersprachen zur Entwicklung von Smart Contracts. Ethereum setzt hier Solidity voraus – eine speziell für Ethereum entwickelte Programmiersprache. NEO hingegen unterstützt eine Vielzahl der bekanntesten Programmiersprachen. Bei NEO sieht man darin vor allem den Vorteil, traditionellen Entwickler das Programmieren auf der NEO-Blockchain zu ermöglichen, ohne dass dazu eine neue Programmiersprache erlernt werden muss.

Die Unterschiede sind nicht zu übersehen

Besonderes interessant ist die Tatsache, wonach NEO ähnlich wie Ethereum das Gas-Prinzip kennt. Während bei Ethereum der Ether-Token allerdings auch als Gas Verwendung findet, verfügt NEO neben dem NEO-Token noch über einen separaten Gas-Token. Der NEO-Token ermöglicht es, Anteil an der NEO-Plattform halten zu können. Wie bereits erwähnt, sind NEO-Token-Inhaber dazu berechtigt, die Buchhalter zu bestimmen. Der Anteilscharakter des NEO-Token wird dadurch gestärkt, dass dieser nicht teilbar ist.

Der Gas-Token hingegen dient der Bezahlung aller Operationen wie Transaktionen im NEO-Netzwerk und fungiert so ebenfalls als Krypto-Fuel. Die Bezahlung in Form der Gas-Token geht zum einen an die Buchhalter, zum anderen aber auch an alle NEO-Token-Inhaber. Zur Einforderung der Gas-Token ist ein persönliches NEO-Wallet von Nöten – wie beispielsweise NEON.

Diese Entkopplung von NEO und GAS besticht vor allem durch die Tendenz der Buchhalter, die Transaktionsgebühren niedrig zu halten. Der Grund ist der folgende: Hohe Transaktionsgebühren, die nur den Buchhaltern zu Gute kommen, verhindern, dass Operationen auf der NEO-Blockchain durchgeführt werden. Je weniger Operationen, desto weniger Belohnung erhalten NEO-Token-Inhaber. Das bewegt diese dazu, für Buchhalter zu stimmen, die wiederum die Transaktionsgebühren niedrig halten.

Es sind solche Eigenschaften, welche NEO zu einer interessanten Smart-Contract-Plattform machen. Aus einer Makrosicht unterscheidet sich diese Plattform allerdings von Ethereum in einem grundlegenden Aspekt: Allem Anschein hat sich NEO in die Dienste des chinesischen Staats gestellt, weil man sich davon einiges verspricht. Folglich ist NEO seinem Wesen nach ein geplantes und von oben nach unten orchestriertes Unterfangen, das vor allem durch den NEO Council im Interesse des chinesischen Staates vorangetrieben scheint. Aus Sicht von NEO hat diese Strategie denn auch intakte Erfolgschancen. Wer sich auch nur in China selbst durchsetzt, und einen Markt von 1,4 Milliarden Menschen bedient, kann sein Vorhaben bereits als Erfolg verbuchen.

Und falls sich im Westen eine oder mehrere andere Smart-Contract-Plattform etablieren sollten, würde dies nicht das Ende von NEO bedeuten. Techgiganten aus den USA wie Facebook oder Amazon liefern hierfür ein gutes Beispiel. Obschon ihre Dominanz in der Welt ausserhalb Ostasiens immer grösser wird, haben sie im Land der Mitte gegen die heimischen Plattformen so gut wie keine Chance. Weshalb sollte das im Bereich der Smart-Contract-Plattformen anders sein?

Anders Ethereum, auf das zwar auch Interessensgruppen wie Consensys oder die Ethereum Enterprise Allianz Einfluss nehmen, dessen Ökosystem nichtdestotrotz die Philosophie organischen Wachstums hochzuhalten scheint. In diesem Sinne erweckt die Ethereum-Plattform vielmehr den Eindruck, sich gewissermassen als spontane Ordnung zu gebärden. Aufgrund dieser unterschiedlichen Ausrichtungen sind die beiden Projekte nur schlecht miteinander zu vergleichen. Während NEO eine fortgeschrittene Zukunft anstrebt, die auf die bestehenden Akteure und Gegebenheiten angepasst ist, arbeitet man bei Ethereum an einer neuen Zukunft, an der sich die gegenwärtigen Unternehmen und Staaten dereinst werden ausrichten müssen.

EOS: Ethereums grösster Konkurrent?

Dem Drama der Krypto-Welt gerecht werdend, tragen einige dieser Smart-Contract-Kontrahenten daher auch den Namen «Ethereum-Killer». Das wohl prominenteste dieser Projekte ist EOS, von einigen auch «Ethereum on Steroids» genannt. Während Ethereum ein etabliertes Blockchain-Projekt mit einer voll funktionsfähigen Plattform ist, steckt EOS noch in den Kinderschuhen. Im Anschluss an das grösste je auf Ethereum durchgeführte ICO, bei dem eine Rekordsumme von ungefähr vier Milliarden Dollar zusammengekommen ist, führte EOS im Juni dieses Jahres seinen Mainnet-Launch durch und wechselte so von einem ERC-20-Token basierend auf Ethereum auf eine eigene Blockchain, die EOS-Blockchain.

Obschon EOS letztlich auch das Programmieren von Smart Contracts ermöglicht, gibt es doch einige gewichtige Unterschiede. So werden Ethereum-Smart-Contracts beispielsweise mit JavaScript / Solidity entwickelt. Smart Contracts auf der EOS-Blockchain hingegen müssen in C++ geschrieben werden. Da diese Programmiersprache nicht ganz so gebräuchlich und benutzerfreundlich ist, sehen einige Programmierer hier eine Eintrittsschwelle, die EOS gegenüber anderen Smart-Contract-Plattformen benachteiligen könnte. Gleichzeitig soll EOS künftig die Implementierung von C/C++ Bibliotheken aufweisen, was die Möglichkeiten von Entwicklern erheblich erweitern würde.

Anders als Ethereum basiert der Konsens-Mechanismus von EOS auf dem sogenannten “Delegated Proof of Stake” oder kurz DPoS. Diese Art der Konsensus-Findung wurde von EOS-Gründer Dan Larimer erfunden. Wie schon bei NEO berechtigt DPoS jeden EOS-Token-Inhaber dazu, Validatoren in einer Abstimmung zu wählen. Analog zur Devise «ein Mensch, eine Stimme gilt hier: Ein Token, eine Stimme. Das heisst auch: Wer über mehr EOS-Token verfügt, hat grösseren Einfluss auf das Abstimmungsergebnis.

Die Validatoren werden bei EOS Block-Produzenten genannt, da sie in gegenseitiger Übereinstimmung die EOS-Blöcke produzieren und auf ihre Richtigkeit prüfen, um so die Funktionalität der Blockchain aufrechtzuerhalten. Insgesamt haben die EOS-Token-Inhaber 21 Block-Produzenten zu bestimmen, die effektiv dazu befähigt sind, die Blockchain zu verwalten und damit das Netzwerk sicher und funktionsfähig zu halten. Für ihre Arbeit werden sie mit neuen EOS-Token belohnt. Leistet ein Block-Produzent keine gute Arbeit und validiert beispielsweise ungültige Transaktionen, kann ihm der Status als Block-Produzent entzogen werden. Die Abstimmungen werden ungefähr alle zwei Minuten durchgeführt. Grundsätzlich ist es somit möglich, Validatoren alle paar Minuten auszuwechseln. Denn neben den 21 tätigen Block-Produzenten gibt es ungefähr hundert weitere Block-Produzenten im Standby-Modus. Wird ein Block-Produzent aus welchen Gründen auch immer abgewählt, rückt einer aus der Reserve nach.

Die Idee der EOS-Gründer hinter dieser Struktur ist folgende: Weil die Aufgabe der tatsächlichen Verarbeitung und Validierung der Transaktionen an nur 21 Block-Produzenten abdelegiert wird, soll das Grundprotokoll und damit die eigentliche Blockchain selber skaliert werden können, um so Millionen von Transaktionen pro Sekunde zu ermöglichen. In der Realität vermochte das EOS-Projekt bis heute ein Maximum von 3’097 Transaktionen pro Sekunde erfolgreich abzuwickeln. Im objektiven Vergleich schneidet EOS bis lang also deutlich besser ab als Ethereum, obschon das eigentliche Ziel von Millionen von Transaktionen kaum erreicht ist. EOS ist aber nicht nur in der Lage, eine grössere Menge an Transaktionen pro Sekunde abzuwickeln – auch die Transaktionsgeschwindigkeit ist höher. Schon nach nur einer Sekunde erreicht die Blockchain Endgültigkeit über einen eben neu hinzugefügten Block.

Inflationierung als Belohnung

Interessanterweise sind bei EOS keine Transaktionsgebühren vorgesehen. Diese werden von den EOS-Gründern eher als hinderlich angesehen. So liest man in diesem Zusammenhang oft von Facebook: Über 50’000 Likes verarbeiten die Facebook-Server pro Sekunde und letztlich stellt jeder dieser Likes eine Transaktion dar. Hätte man auf einer blockchain-basierten Social-Media-Plattform jedes Mal eine Transaktionsgebühr zu bezahlen, dürfte dies dem Kundenerlebnis abträglich sein. Während bei Ethereum die Miner, welche Transaktionen validieren und an die Blockchain anfügen, für diese Leistung mittels Transaktionsgebühren entlöhnt werden, werden die Validatoren innerhalb des EOS-Systems für ihre Überprüfungsarbeit deshalb nicht mit Transaktionsgebühren entlohnt. Fairerweise muss gesagt werden: Bei Ethereum arbeitet man ebenfalls an Second- oder Third-Layer-Skalierungslösungen, welche die eben beschriebene Problematik entschärfen sollen.

Wie aber werden die EOS-Block-Produzenten stattdessen entlohnt? Sie erhalten durch das EOS-Protokoll neu geschaffene EOS-Tokens. Jedes Jahr werden fünf Prozent zusätzliche EOS-Token produziert. Konkret heisst das: Der EOS-Token-Bestand wird pro Jahr um fünf Prozent inflationiert. Von diesen fünf Prozent erhalten die Block-Produzenten jeweils ein Prozent als Belohnung für die Validierung der Transaktionen. Die restlichen vier Prozent kommen in einen separaten Pool, von dem Vorschläge zur Verbesserung und Weiterentwicklung der EOS-Blockchain finanziert werden. Bei EOS soll zudem sichergestellt werden, dass Block-Produzenten ihren Verdienst nicht mit jenen teilen können, von denen sie auch ihre Stimmen erhalten. Das «Kaufen von Stimmen» soll also unterbunden werden.

Krypto-ökonomisch betrachtet, dienen Transaktionsgebühren nicht nur um Anreize zu setzten, sondern halten sie bösartige Akteure auch davon ab, das Blockchain-Netzwerk mittels unnötig vielen Transaktionen zu überlasten. EOS hingegen verhindert derartige Spam-Attacken damit, dass die Blockchain-Bandbreitennutzung von der Anzahl EOS-Token abhängig ist. Wer ein Prozent aller Token besitzt, hat Anspruch auf ein Prozent der gesamten Bandbreite des Netzwerkes. Um die Chancen auf eine gezielte Netzwerküberlastung zu erhöhen, muss der Angreifer seinen Besitz an EOS-Token steigern, was immer grössere Kosten verursacht. Spam-Attacken sind daher nicht ausgeschlossen, wohl aber ökonomisch kostspielig.

Wer auf Ethereum eine DApp (dezentralisierte Applikation) entwickeln will, nimmt hierfür gewissermassen die Rechenleistung der Ethereum-Miner in Anspruch und bezahlt diese mit dem bereits genannten Ether-Gas. EOS hingegen basiert auf einem Besitzmodell: Hält man ein Tausendstel des EOS-Netzwerkes, verfügt man auch über einen Tausendstel der auf EOS-Blockchain vereinigten Rechenleistung. Wer für das Hosten einer DApp beispielsweise zehn Prozent der gesamten EOS-Rechenleistung beansprucht, muss folglich auch zehn Prozent der gesamten EOS-Token-Anzahl besitzen. Dieses Besitzmodell ermöglicht es DApp-Entwicklern beispielsweise, ihre Hosting-Kosten jederzeit realistisch einzuschätzen.

Angriff auf Ethereums derzeitige Raison d’être

EOS tritt auch dafür an, das Konzept des Crowdfunding abermals zu revolutionieren. Dabei sollen vor allem die Mängel von Initial Coin Offerings (ICO) ausgemerzt werden. Über die Ethereum-Plattform lassen sich heute via ICO – auch Token Sale genannt – finanzielle Mittel direkt sammeln. Man gibt einen Token aus und erhält dafür im Gegenzug Ether, Bitcoin oder auch andere Kryptowährungen. Nicht zu vermeiden ist, dass auch Hochstapler, Betrüger und Scharlatane auf diese Weise finanzielle Mittel einnehmen. Es ist die Hoffnung von EOS-Sympathisanten, dass Krypto-Projekte längerfristig von Ethereum wegmigrieren und stattdessen für das Crowdfunding zu EOS wechseln. So geschah es beispielsweise mit Everipedia, einem for-profit Konkurrenten von Wikipedia.

Das EOS-Ökosystem kennt keine ICOs oder Token Sales, sondern nur den Airdrop. Will sich ein Projekt über die EOS-Blockchain finanzieren, gibt es seine auf EOS-basierenden Token via Airdrop umsonst an die EOS-Community weiter. Nachdem die Token des Projekts mittels Airdrop verteilt worden sind, soll der Markt den Wert der Token nach dem Gesetz von Angebot und Nachfrage bestimmen. Das Team hinter dem Projekt kann dann einen Prozentsatz an eigenen Token verkaufen, um so Geld für das Projekt zu sammeln. Wie aber ein über einen Airdrop verteilter Token ohne Kapital überhaupt erst an Wert gewinnen und somit durch den Markt akzeptiert werden soll, scheint etwas unklar.

Hier dürfte allenfalls der innerhalb des EOS-Ökosystems geschaffene Risikokapitalfonds zum Zug kommen. Hinter diesem Fonds steht das Unternehmen Block.one, das 2017 das ICO für den EOS-Token gemacht hat. Der Risikokapitalfonds soll dazu dienen, strategische Investitionen in unterschiedliche Projekte zu tätigen, die auf der EOS-Blockchain bauen. Es liegt nahe, dass über diesen Risikokapitalfonds in vielversprechende Projekte investiert wird, die auch einen Airdrop über die EOS-Blockchain durchführen wollen. Natürlich drängt sich dann die Frage auf, wie stark Block.one das Crowdfunding über EOS beeinflusst. Immerhin findet durch den Risikokapitalfonds eine gewisse Vorselektion statt, die es bei Ethereum so nicht gibt.

Hierin zeigt sich sodann das Dilemma: Entweder man nimmt keinen Einfluss auf das Crowdfunding. So wird man dem Image einer uneingeschränkten Blockchain gerecht, auf die Gefahr hin, Betrügereien in Kauf nehmen zu müssen. Oder man trifft eine Vorselektion, um eben diese Betrügereien zu unterbinden, im Wissen eine gewisse Kontrolle und Zensur über die Blockchain auszuüben.

Wie hast du’s mit der Dezentralisierung?

Die entscheidende Frage, die sich Krypto-Investoren heute stellen: Wer setzt sich langfristig durch? Ethereum oder EOS? Um heute schon eine Antwort zu finden, wird überall nach möglichen Anhaltspunkten gesucht. So fokussieren sich die Anleger beispielsweise auch auf die jeweils prominentesten Köpfe hinter den beiden Projekte: Der Kampf zwischen Ethereum und EOS wird auf diese Weise auch zu einem Kampf zwischen Vitalik Buterin und Dan Larimer gemacht. Dabei berufen sich einige Ethereum-Anhänger auf den angeblich astronomisch hohen Intelligenzquotienten Buterins, den ihn zu einem noch grösseren Genie als Larimer machen würde. Die Gegenseite verweist derweil auf die Krypto-Projekte BitShares und Steem, die beide der Feder Larimers entsprungen sind und ihn deshalb zum Triumph führen würden. Letztlich sind diese Vergleiche zwar interessant, doch haben sie wenig Aussagekraft in Bezug auf die Zukunft der beiden Smart-Contract-Projekte.

Etwas aufschlussreicher sind projekt-spezifische Debatten, die unter anderem durch Vitalik Buterin und Dan Larimer angestossen worden sind. In der theoretischen Auseinandersetzung rangiert an oberster Stelle die Frage der Dezentralisierung. Bei der EOS-Blockchain ist es letztlich eine vergleichsweise kleine Anzahl an Knoten, welche das Netzwerk Instand halten. In einer Welt wie jener von Krypto, die sich die Dezentralisierung gesellschaftlicher Strukturen auf die Fahne geschrieben hat, weckt ein Blockchain-Konzept mit nur 21 Block-Produzenten natürlich Argwohn. Ist EOS dezentralisiert genug oder erinnern die 21 Block-Produzenten nicht eher an ein Kartell oder eine Oligarchie? Noch immer halten es viele ehrliche Krypto-Kenner für eine technische Unmöglichkeit, dem Blockchain-Trilemma, wonach es inhärente Trade-offs zwischen Sicherheit, Skalierbarkeit und Dezentralität gibt, auf der Ebene des Basis-Protokolls zu entkommen.

Aufseiten EOS gibt es einige Exponenten, für die Dezentralisierung kein absoluter Wert ist. Da Dezentralisierung immer mit rechnerischen sowie ökonomischen Kosten verbunden sei, müssten diesbezüglich Kompromisse eingegangen werden, um gleichwohl das Ziel der Massenskalierung von DApps erreichen zu können. EOS sei letztlich gerade so stark dezentralisiert, wie es die Skalierungsabsicht bedürfe. Dass es gerade 21-Blockproduzenten sind, sei auf die bisherigen Erfahrungen zurückzuführen, die Larimer mit seinen anderen DPoS-System «BitShares» und «Steem» gemacht hat. In Stein gemeisselt oder besser im Code festgeschrieben sei diese Zahl deshalb nicht. Im Lichte neuer Erkenntnisse könne diese auch abgeändert werden, so deren Argumente.

Andere Verfechter von EOS halten die EOS-Blockchain überhaupt nicht für weniger dezentralisiert als Ethereum. So weisen sie darauf hin, dass bei Ethereum drei Parteien mehr als 50 Prozent der gesamten Hashing Power auf sich vereinigten. Würden diese drei Akteure also zusammenspielen, könnten die Ethereum-Blockchain erfolgreich angegriffen und Transaktionen doppelt ausgegeben werden. Darüber hinaus hätten Larimers frühere Projekte «BitShares» und «Steem» gezeigt, dass DPoS-Systeme dezentralisierter seien, da die Miner bei Ethereum oder Bitcoin aufgrund skalenökonomischer Tatsachen eine inhärente Zentralisierungstendenz aufweisen würden.

Letztlich lässt sich die Dezentralisierungsdebatte wohl kaum jemals abschliessend beantworten. Es gibt schlichtweg zu viele Parameter innerhalb verteilter Konsens-Systeme, als dass sich die Krypto-Gemeinschaft jemals auf eine einheitliche Definition von optimaler Dezentralisierung einigen könnte. Der offensichtlichste Parameter – die Anzahl der Netzwerk-Knoten – ist nur eine Möglichkeit, den Grad an Dezentralität zu quantifizieren. Doch selbst dieser hat seine Tücken, bedeutet Quantität eben nicht immer Qualität: 1’000 Netzwerk-Knoten, die sich alle in einem Land befinden, sind kaum dezentraler als 21 Validatoren, die sich in den verschiedensten Jurisdiktionen auf der ganzen Welt befinden.

Neben dem Dezentralisierungsgrad wird bei öffentlichen Blockchains wie Ethereum oder EOS auch die Frage der Immutability oder Unveränderlichkeit heiss diskutiert. Unter dem Namen von «Code is Law» argumentieren einige: Eine öffentliche, nicht manipulierbare Blockchain dürfe niemals rückwirkend geändert werden, da eine solche Blockchain eben gerade nicht unveränderbar und daher als manipulierbar anzusehen sei. Würde eine öffentliche Blockchain einmal geändert, öffne das der Willkür Tür und Tor und würde somit den Charakter einer unveränderbaren Blockchain schliesslich ad absurdum führen.

Bei Ethereum wurden diese Fragen im Rahmen des DAO-Hacks bereits gründlich debattiert. Unter der Ägide von der Ethereum-Foundation, welche zu Governance-Zwecken gegründet worden ist, entschied man sich dafür, die Blockchain via Hard-Fork in Ethereum und Ethereum Classic aufzuspalten. Letztere ist jene Blockchain, bei welcher der DAO-Hack nicht rückgängig gemacht wurde, um so das Prinzip von «Code is Law» einzuhalten. Aufgrund dieses Vorfalls bekunden einige Krypto-Enthusiasten noch immer Mühe mit der breiten Ethereum-Community und halten Ethereum für eines jener Projekte, das sich selber untreu geworden ist.

Um es überhaupt nicht zu derartigen Auseinandersetzungen und potenziell bedrohlichen Hard-Forks kommen zu lassen, hat sich das EOS-Projekt dafür entschieden, den Code als nicht unantastbar anzusehen. Im EOS-Whitepaper stehen daher folgende Zeilen: «Manchmal verhält sich ein Smart Contract auf eine anormale oder unvorhersehbare Weise und funktioniert daher nicht wie beabsichtigt; manchmal kann eine Anwendung oder ein Konto einen Programmierfehler entdecken, der den Verbrauch einer unangemessenen Menge an Ressourcen möglich macht. Das solche Probleme nicht zu vermeiden sind, haben die Block-Produzenten die Möglichkeit, solche Situationen zu korrigieren.»

Bei den Gründern von EOS argumentiert man, dass die Block-Produzenten nur bei Fehlern intervenieren. Skeptiker halten dagegen, dass die Beurteilung von Fehlern letztlich stets subjektiv sei. Solche Bestimmungen würden bei EOS eine stets vorhandene Hintertür offen lassen, die Missbrauch nicht ausschliessen würde. Deshalb sei EOS prinzipiell manipulierbar und eben keine unveränderbare Smart-Contract-Plattform, so das Urteil der Kritiker.

Ein Kampf, der eigentlich keiner ist?

Interessanterweise haben viele EOS-Sympathisanten mit diesem Verdikt überhaupt kein Problem. Diesen Schluss vermitteln zumindest zahlreiche YouTube-Beiträge und Blogposts von EOS-Verfechtern. Es scheint so, als bestünde die EOS-Community generell eher aus Leuten, die ein gewisser Spielraum zur Einflussnahme einer völligen Aufsichtsunfähigkeit vorziehen. Immer wieder ist das Argument zu lesen, wonach es grundsätzlich als sinnvoll erachtet werden kann, wenn «demokratisch» gewählte Block-Produzenten in Notfällen wie einem Hack oder Bug im Sinne der EOS-Gemeinschaft intervenieren können.

Ethereum, EOS oder eine andere Smart-Contract-Plattform? Die Diskussionen darum, wer das Rennen machen wird, dürfte noch eine Weile anhalten. Ethereum hat mit Abstand die meisten Entwickler, weist dank der Enterprise Ethereum Alliance zahlreiche einflussreiche Firmen auf und ist noch immer die weitaus am meisten verwendete Crowdfunding-Plattform. EOS hat sich an seine eigene Blockchain gewöhnt und vereint vor allem mit Mike Novogratz, Peter Thiel und Jihan Wu drei der wohl namhaftesten Krypto-Investoren hinter sich.

Vor lauter Konkurrenzkampf geht jedoch vergessen, dass sich nicht zwingend nur eine Smart-Contract-Plattform durchsetzen muss. Sehr wahrscheinlich gibt es genügend Platz für mehr als nur einen Gewinner. So erinnert der Kampf um die Vorherrschaft unter diesen Plattformen denn auch an das Tauziehen der verschiedenen Betriebssysteme in den frühen Jahren des Computer- und Internetzeitalters. Genauso wie heute mit Mac, Windows und Linux mehrere Betriebssysteme existieren, dürfte sich auch dieses Mal kein alleiniger Sieger herausentwickeln. Viel wahrscheinlicher ist: Verschiedene Smart-Contract-Plattformen werden sich durchsetzen, die alle unterschiedliche Tradeoffs eingegangen sind, deshalb über unterschiedliche Stärken und Besonderheiten verfügen und somit koexistieren werden. DApps können sogar auf mehreren Smart-Contract-Plattformen gleichzeitig laufen. Bancor, ein Blockchain-Protokoll für die Schöpfung von Smart Tokens, beispielsweise hat bereits angekündigt, neben Ethereum auch EOS als Fundament zu verwenden.

Eine Rechtsordnung für den Cyberspace

Wie Bitcoin basiert Ethereum ebenfalls auch auf einer öffentlichen Blockchain und ist daher letztlich nichts anders, als ein Netzwerk von zehntausenden geografisch verteilten Computern, die alle über das Ethereum-Protokoll kommunizieren. Da sich auf Ethereum im Gegensatz zu Bitcoin aber eben beliebige Applikationen programmieren lassen, trifft hier die Analogie eines Weltcomputers noch besser zu. Die Ethereum-Blockchain funktioniert also wie ein Computer. Einer Festplatte eines Computers gleich, speichert die Blockchain alles, was auf dem Ethereum-Weltcomputer passiert.

Der Ethereum-Weltcomputer unterscheidet sich von einem gewöhnlichen Computer jedoch insofern, als dass dieser gemäss seines Programmiercodes laufen muss und aufgrund seiner non-zentralen Struktur nur unter Inkaufnahme extremer Kosten manipuliert werden kann. Gleichzeitig liefert ein solcher Weltcomputer auch eine ungemein hohe Robustheit. Da die Ethereum-Blockchain auf zehntausenden von einzelnen Computern läuft, ergibt sich eine Redundanz. Die Ethereum-«Festplatte» existiert eben nicht nur einmal und an einem Ort, sondern ist über die ganze Welt verteilt. Das Downtime-Risiko ist daher um ein Vielfaches geringer.

Experiment programmierbare Blockchain

Im Zusammenhang mit Ethereum fällt immer wieder der Begriff des «Smart Contract». So wird die Ethereum-Blockchain gemeinhin als jenes Blockchain-Projekt angesehen, welches das Potenzial solcher «intelligenten Verträge» als erstes erkannt und die Idee daher popularisiert hat.

Eine primitive Form von Smart Contracts kennt jedoch bereits die Bitcoin-Blockchain. Im Falle von Bitcoin beschränken sich diese auf die simple Übertragung von Bitcoin-Werteinheiten. Da Ethereum – wie wir gesehen haben – eine programmierbare Blockchain ist, lassen sich die Smart-Contract-Funktionen hier in der Theorie nahezu beliebig erweitern. Neben der Abwicklung von Transaktionen digitaler Werteinheiten sollen mittels eines Smart Contracts auch andere Werttitel wie Anleihen, Aktien und andere (bspw. sogar physische) Eigentumstitel transferiert werden können. Letztlich sollen die unterschiedlichsten Verträge, die unser gesellschaftliches Leben heute ausmachen, in Computercode konvertiert, in Form von Smart Contracts auf der Blockchain gespeichert und durch das Ethereum-Netzwerk in non-zentralisierter Manier ausgeführt werden – so zumindest die Vision, welche sich mit dem Aufkommen Ethereums in den Köpfen von immer mehr Menschen festsetzt. Heute gibt es bereits weiter Smart-Contract-Plattformen, welche dieses Ziel verfolgen (dazu mehr in einem Folgebeitrag).

Die Eleganz eines Smart Contract besteht darin, dass er gemeinhin als digitaler Vertrag verstanden wird, der sich gemäss vordefinierter Parameter selbst exekutiert. Will heissen: Sind die Vertragskonditionen erfüllt, wird der Vertrag entsprechend seines Inhaltes ausgeführt. Hier hilft der Vergleich mit einem Warenautomaten. Man füttert den Warenautomaten mit Geld und erhält im Gegenzug die gewählte Ware. Es bedarf keiner Drittpartei, welche die Ware herausgibt. Die Theorie hinter einem Smart Contract funktioniert ähnlich: Auf Bezahlung mittels eines Smart Contracts erhält man die entsprechende Ware, eine Übertragungsurkunde, einen Führerschein oder sonstiges. Darüber hinaus definiert der Smart Contract nicht nur die Regeln und Sanktionen rund um die Vereinbarung, er setzt diese auch gleich selber durch.

Gas – ein unerlässliche Komponente Ethereums

Natürlich sind es die einzelnen Computer, welche zusammen das Ethereum-Netzwerk ausmachen, die den in einem Smart Contract definierten Programmiercode ausführen. Diese werden auch Ethereum-Clients genannt. Da Ethereum turing-vollständig ist – ein Begriff aus der Informatik – sind die Computer des Ethereum-Netzwerkes imstande, Code beliebiger Komplexität auszuführen. Gleichzeitig hat die Turing-Vollständigkeit aber auch zur Folge, dass ein Smart Contract, bzw. dessen Programmiercode, durch die ausführenden Ethereum-Clients endlos ausgeführt würde. Eine solche Endlosschleife würde die Ethereum-Blockchain allerdings funktionsunfähig machen, da bereits die Ausführung eines einzelnen Smart Contract die gesamten Ressourcen aller im Ethereum-Netzwerk partizipierenden Computer aufbrauchen würde.

Als Lösung kennt Ethereum ein Mechanismus, der es den Ethereum-Clients möglich macht, jeweils die Ausführungslänge eines jeden Smart Contracts zu eruieren, um so Endlosschleifen zu verhindern. Das Stichwort hier: Gas. Jede Ausführung eines Smart Contract kostet eine bestimmte Menge Gas. Hinter jedem Gas-Preis, den es für die Ausführung eines Smart Contracts zu bezahlen gilt, steckt eine gewisse Menge Ether, die Kryptowährung der Ethereum-Blockchain. Wie viel Ether es jeweils kostet, bzw. wie hoch der jeweilige Gas-Preis ist, hängt von der aktuellen Auslastung des Ethereum-Netzwerkes ab. Nicht alle Smart Contracts haben einen gleich hohen Gas-Preis. Je nach Komplexität ist die zu bezahlende Menge Ether kleiner oder grösser.

Im Prinzip ist das Gas von Ethereum mit dem Treibstoff eines Fahrzeuges zu vergleichen. Genauso wie der Treibstoff ein Fahrzeug zum Laufen bringt, sorgt Gas dafür, dass ein Smart Contract ausgeführt wird. Doch wird der Smart Contract dann eben nicht unendlich ausgeführt, sondern nur so lange bis die zur Ausführung benötigte Gas-Menge aufgebraucht ist. So wie ein Auto zum Stillstand kommt, wenn der Treibstofftank leer ist, definiert auch das Ethereum-Gas eine Obergrenze für die Ausführung von Smart Contracts und verhindert so Endlosschleifen. Natürlich kann der Smart Contract immer wieder initiiert werden, hierfür muss bloss wieder die notwendige Menge Ether aufgewendet, sprich bezahlt werden – ähnlich wie bei einem Fahrzeug, das wieder aufgetankt werden kann.

Empfänger der über den Gas-Preis bezahlten Ether sind die Ethereum-Clients, welche für die Ausführung der Smart Contracts verantwortlich sind. Damit sind diejenigen Computer im Ethereum-Netzwerk gemeint, die als Miner fungieren. Basierend auf seinem Komplexitätslevel kostet jeder Smart Contracts ein Mindestausführungspreis. Bietet man allerdings einen höheren Gas-Preis, sind die Chancen auf Verarbeitung und Ausführung des eigenen Smart Contracts grösser, da sich die Ethereum-Clients alias Miner in der Regel nach dem lukrativsten Angebot richten.

Smart Contracts – wozu denn eigentlich?

Wir erinnern uns: Ein Smart Contract ist regel-basierte Software, die unter den im Code festgelegten Umständen automatisch ausgeführt wird. Es handelt sich letztlich um programmierte «Wenn-dann»-Anweisungen. Klingt ziemlich banal. Die Frage sei deshalb erlaubt: Weshalb wird ihnen heute ein derart grosses Potenzial zugeschrieben?

Weil sich die Vertragsdurchsetzung mittels Smart-Contracts automatisieren lässt, verspricht man sich davon in erster Linie gesteigerte Effizienz, die mit einer nachhaltigen Verringerung von Transaktionskosten für Regierungen und Unternehmen einhergehen soll. Heute, wo allerlei Transaktionen durch Compliance und allerlei Regularien politisch aufgeblasen sind, trifft ein derartiges technologische Instrument natürlich den Nerv der Zeit. Interessanterweise wurde die Smart-Contract-Idee bereits in den frühen 1990er-Jahren mit dem Aufkommen des Internets ausgearbeitet, doch scheint sie erst zwanzig Jahre später in der Breite wirklich Anklang zu finden.

Das dürfte daran liegen, dass das Internet heute ein unglaubliches Ausmass angenommen hat. Und obschon das World Wide Web heute allgegenwärtig ist, scheint es noch immer in jenem Naturzustand zu verweilen, wie er seinerzeit von Thomas Hobbes beschrieben worden ist. Geprägt durch den dreissigjährigen Krieg beschrieb der englische Philosoph seine Zeit als eine dem Naturzustand ähnliche. Berühmt ist seine Exklamation des «Bellum omnium contra omnes» – der Kampf aller gegen alle. Laut Hobbes leben die Menschen in konstanter Unsicherheit und können im Naturzustand kaum einer anderen Person vertrauen.

Aller geistesgeschichtlichen Kontroverse rund um die hobbes’schen Gedanken zum Trotz, seine Grundthese scheint intuitiv einzuleuchten: Der Mensch tut sich schwer damit, anderen Menschen zu vertrauen, denn immer wieder – wenn auch sicher nicht deterministisch – werden Menschen durch andere Menschen getäuscht. Ideengeschichtliche wurde zwar immer wieder das Bild des edlen Wilden –, der keiner Fliege etwas zu Leid tun würde – gegen die hobbes’sche Ansicht ins Feld geführt. Doch haben Anthropologen aufgrund neuer Erkenntnisse die romantisierte Vorstellung über den edlen Wilden mittlerweile grösstenteils aufgeben müssen.

Wie verträgt man sich?

Rechtsprofessor Anthony Kronman spricht deshalb heute von «transaktionaler Unsicherheit», die den Naturzustand ausmacht. Eine Person kann zwar ein Versprechen machen, doch muss sie dieses nicht einhalten. Bietet sich die Gelegenheit, kann sie das Versprechen sogar bewusst brechen, um ihren Eigennutz zu fördern. Ein solches Verhalten nennt der Nobelpreisträger Oliver Williamson opportunistisches Verhalten. Ohne das Vertrauen fördernde Mechanismen dürfte derartiges Verhalten – aus gesellschaftlicher Sicht gar Fehlverhalten – nicht unselten auftreten. Es fehlt schichtweg eine bindende Vertrauensgrundlage.

Das Internet spiegelt diese Wirklichkeit aktuell wider. Da das grosse weite Internet der hobbes’schen Beschreibung des Naturzustandes am nächsten kommt, ist opportunistisches Verhalten geläufig. Um diesem beizukommen, wird heute schon versucht, «zwischenmenschliche» Internetinteraktion mit Vertrauensgrundlagen zu untermauern. Etablierte Rechtsgrundsätze, die wir aus der physischen Welt kennen, sollen durch Plattformbereitsteller und den Staat auch im digitalen Bereich durchgesetzt werden.

Da es sich bei der physischen und digitalen Welt jedoch nicht um identische Welten handelt und letztere teils neue Perspektiven erfordert, ist in der Durchsetzung aber noch immer einiges ungeklärt. Zudem ist die Internetgesellschaft die wohl globalste überhaupt, weshalb die in der Theorie des politischen Realismus beschriebene Anarchie der Staatenwelt und ihre Tücken internationaler Rechtsdurchsetzung erst recht zum Tragen kommen. Schliesslich kann Recht oftmals nicht ohne weiteres auf Menschen aus verschiedenen Ländern angewendet werden, da jede geografische Jurisdiktion ihr eigenes Rechtssystem hat. Die Chance, eine Person aus dem Internet (insbesondere, wenn sie anonym ist) vor ein Gericht zu bringen, ist daher eher gering.

Eine andere Vertrauensgrundlage, welche institutionalisierten Rechtstrukturen wohl noch vorausgeht, sind übereinstimmende Moralvorstellungen. So können wir uns in der gegenseitigen Interaktion auf eine gemeinsame Moral verlassen. Diese Art der Vertrauensgrundlage setzt allerdings Homogenität voraus, was sie in ihrer Reichweite begrenzt. Die gleiche Schwierigkeit liegt auch Reputationsmechanismen zugrunde. Im Kontext des Internets ist reputationsbasierte Vertrauensschaffung besonders anfällig, da Pseudonyme wie Email-Adressen oder Benutzernamen anstelle von echten Namen verwendet werden können. Bricht eine Person ihre Versprechen online, kann sie ihr Pseudonym löschen und sich über ein neues Pseudonym wieder einen einwandfreien Leumund verschaffen. Dieses Vorgehen ist auch unter dem englischen Begriff «Whitewashing» bekannt.

Überwindung des digitalen Naturzustandes

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Problematik dürfte das Konzept des Smart Contracts einleuchten. Eine auf Algorithmen und Programmcode basierende Rechtsordnung, die «dem Internet» eigen ist und sich selbstständig exekutiert, schafft Vertrauen, wo es bislang keines gibt – auf der Ebene des Internets selbst. Auf der Grundlage öffentlicher Blockchains lassen sich so global glaubwürdige Verpflichtungen und Verträge eingehen, die durch eben diese öffentlichen Blockchains auch zur abschliessenden Vollstreckung gelangen.

Smart Contracts sind zum heutigen Zeitpunkt rechtlich nicht einklagbar. Das ist Vor- und Nachteil zugleich. Der in einem Smart Contract festgehaltene Programmiercode – im übertragenen Sinn also die Vertragsbestimmungen – werden ausserhalb des Gesetzes, ausserhalb der Rechtsprechung und ohne staatlichen Vollzug durchgesetzt. Gerade in Ländern, die über schwache oder unzuverlässige Rechtsinstitutionen verfügen, ist es als grosser Fortschritt zu werten, nicht zwingend auf diese Institutionen angewiesen zu sein.

Die Regelgebundenheit und der eigenständige Vollzug ohne Drittpartei machen Smart Contracts auch zur Herausforderung. Entgegen ihrem Namen sind sie nicht wirklich intelligent, sondern eigentlich dumm. Denn die Algorithmen führen die im Programmcode festgeschriebenen Bedingungen stur gemäss den definierten Parametern aus. Ermessensspielraum gibt es nicht. Insbesondere problematisch wird es dann, wenn ein Smart Contract Programmierfehler enthält – eine Wahrscheinlichkeit die steigt, je komplexer der Vertrag ist. Sogenannte Bugs im Quellcode erlauben es einer sachkundigen Drittperson, den Smart Contract zu ihren Gunsten zu manipulieren. Der Ansatz des «Code is Law», wonach Programmierfehler gewissermassen als Gesetzeslücken betrachtet werden müssen, die legal ausgenützt werden können, scheint in einer sehr dynamisch und fehlbaren Welt wie der unsrigen etwas verkürzt.

Wie damit «richtig »umgegangen werden muss, darüber zerbricht man sich zurzeit noch die Köpfe. Denn immer wiederkehrende Programmierfehler könnten die durch Smart Contracts geschaffene Vertrauensgrundlage auch wieder unterminieren. Genauso ausgehöhlt würde diese neue Rechtsordnung für das Internet aber auch, wenn Smart Contracts rückwirkend aufgrund von Bugs ständig für nicht bindend erklärt würden.

Smart Contracts sind also kein Allerheilsmittel, das konventionelle Gerichte und Juristen allesamt obsolet machen wird. Wofür es den Juristen einmal nicht mehr brauchen könnte, wird es dann den Programmierer benötigen, welcher den Smart Contract zusammen mit dem Laien auf potenzielle Lücken überprüft. Damit Nicht-Fachkundige in dieser Hinsicht nicht völlig verloren sind, werden bereits heute Standardverträge und kombinierbare Musterlösung für Smart Contracts ausgearbeitet, welche die Handhabung derselben vereinfachen sollen.

Eine Kluft zwischen den Welten

Um in unserer komplexen Welt gegenseitiges Vertrauen zu ermöglichen, das wiederum die Voraussetzung für unseren Wohlstand ist, setzen wir auf eine Armee von Wirtschaftsprüfern, Buchhaltern, Treuhändern, Anwälten, Transferagenten, Standesbeamte, Vermögensverwaltern und viele weitere Drittparteien. Ein Smart Contract unterscheidet sich in seiner Funktionsweise grundsätzlich wenig von diesen Funktionen, wie am Beispiel eines Treuhänders ersichtlich:

Wer heute eine Sache verkauft, greift hierfür auf einen zertifizierten Treuhänder als unabhängige Drittperson zurück. Als Bindeglied zwischen den Vertragsparteien sorgt dieser dafür, dass keine der beiden Parteien übervorteilt wird. Möchte eine Person eine Sache verkaufen, hat sie diese Sache zu tokenisieren. Das heisst: Es muss sichergestellt werden, dass die auf diese Sache lautende Besitzurkunde die Form eines echten digitalen Assets hat – auch «Digital Bearer Instrument» genannt. Ist das der Fall, kann diese digitale Besitzurkunde durch den Smart Contract verwaltet werden und von diesem dann an den Käufer weitergegeben werden, wenn dieser die tokenisierte Besitzurkunde mit einer Kryptowährung bezahlt hat. Dass eine der beiden Parteien seine Sache zu früh freigibt und daher leer ausgeht, weil die jeweils andere Partei nicht nachzieht, kann durch den Smart Contract sichergestellt werden.

Kritische Stimmen werfen an dieser Stelle ein: Es müsse darauf vertraut werden, dass die tokenisierte Besitzurkunde tatsächlich die dahinterstehende Sache repräsentiere. Es nütze nichts, wenn digitale Token per Smart Contract getauscht würden, das Haus in der realen Welt den Besitzer aber nicht wechseln würde. Um diese Brücke zwischen der digitalen und der physischen Welt zu schlagen, bedürfe es noch immer einer vertrauenswürdigen Drittpartei. Echte Disintermediation sei daher nicht gegeben, so das Argument.

Diese Problematik wird gemeinhin unter dem Begriff des Orakel-Problems zusammengefasst. Der Name nimmt Bezug auf das Orakel von Delphi, die berühmte Weissagungsstätte des antiken Griechenlands. Im digitalen Kontext ist ein Orakel letztlich ein Datenlieferant. Ein Orakel informiert einen Smart Contract darüber, ob seine Bestimmungen in der physischen Welt tatsächlich ausgeführt worden sind oder liefert Daten, damit der Smart Contract auf diesen Daten basierend «agieren» kann. In der Tat ist die oben geschilderte Problematik nicht von der Hand zu weisen. Doch wie uns der Nirvana-Fehlschluss lehrt, sollte ein Smart Contract nicht mit einer unerreichbaren Idealvorstellung verglichen werden. Die gleiche Herausforderung stellt sich uns nämlich schon heute bei einer auf Papier verfassten oder elektronisch verbrieften Urkunde.

An Lösungen für das Orakel-Problem muss und wird bereits heute gearbeitet. Eine mögliche Entschärfung des Problems ist es, ein Orakel zu dezentralisieren. Ein Smart Contract würde so nicht nur von einer Gegenpartei die relevanten Daten erhalten, sondern von vielen unabhängigen Stellen, wodurch Missbrauch verhindert oder zumindest begrenzt werden kann. Dürften Autos, Häuser und andere Güter dereinst als sogenannte tokenisierte Smart Devices sogar direkt miteinander kommunizieren, würde das Orakel-Problem noch weiter entschärft.

Bei aller berechtigen Kritik an den Smart Contracts von heute gilt es zu beachten: Die Tokenisierung von realen Gütern und die damit einhergehende Verwaltung per Smart Contract kann alleine schon zu einer signifikanten Steigerung der Handelseffizienz führen. Eine weitere Verbesserung stellt die Blockchain-Smart-Contract-Herangehensweise auch in folgender Hinsicht dar: Werden Verträge heute nicht eingehalten oder bewusst manipuliert, ist es für eine Ahndungsstelle schwierig, den ganzen Vertragsvorlauf und die -historie rückwirkend auf der Basis unzweifelhafter Fakten wiederherzustellen. Zu viel kann heute noch im Verbogenen vertuscht werden. Mit einer öffentlichen Blockchain und darauf aufbauenden Smart Contracts ist die nötige Transparenz hergestellt. Bei aus Vertragsbeziehungen resultierenden Unstimmigkeiten und Widersprüchen kann jederzeit auf die Blockchain referenziert werden und diese kann als sichere Faktenlage für eine allfällige Ahnung dienen.

Interessant ist eine Aussage des Public-Choice-Ökonomen Gordon Tullock, die uns diese neue Entwicklung besser verstehen lässt: «Wir neigen dazu zu vergessen, dass es auch bei Vertragsangelegenheiten so etwas wie technologischer Fortschritt gibt. Menschen entdecken stets neue Wege, um Vereinbarungen miteinander zu treffen – eine Tatsache, wovon wir als Menschheit im Laufe der Zeit erheblich profitieren.»

Wir haben die Tendenz, Technologien mit den durch unsere gegenwärtigen Technologien geprägten Augen zu betrachten. Als die Autos herauskamen, waren sie als pferdelose Kutschen bekannt. Irgendwann hat man von einer solchen Beschreibung jedoch abgesehen – der Begriff des Pferdes hat heute nur noch im Wort der Pferdestärke überlebt. Das Auto ist heute so viel mehr als eine Kutsche. Auch Smart Contracts beurteilen wir heute aus der Optik gegenwärtiger Verträge. Vielleicht aber sind erstere überhaupt keine Verträge im heute geläufigen Sinn, sondern etwas Anderes, Neues, wofür wir noch einen passenden Begriff werden finden müssen. Die Zeit wird es zeigen.

Sollte Bürokratie überhaupt optimiert sein?

Ganz allgemein sind Smart Contracts sind also letztlich als eine weitere technische Institution zu sehen, die innerhalb des von Menschen geschaffenen komplexen Institutionengeflecht namens Rechtssystem möglicherweise Transaktionskosten verringern kann, indem gewisse Intermediäre ausgeschaltet werden. Welche und wie viele dieser Mittelsmänner dereinst überflüssig sein werden, ist zum heutigen Zeitpunkt noch kaum absehbar. In jenen Bereichen, die keinen Ermessensspielraum zulassen, wie beispielsweise bei der Ausstellung eines Reisepasses oder einer Baubewilligung, können Smart Contracts einmal Einzug halten. Viele halten deshalb staatlichen Bürokratien für ein optimales Anwendungsfeld.

Schon Max Weber wusste: Bürokratien sind aufgrund ihrer sturen Regelgebundenheit in einem wirtschaftlichen Sinn notgedrungen ineffizient. Ihre Arbeitsweise ist mechanistisch und daher entmenschlichend. Da die Bürokratien aktuell regelrecht wuchert und in allerlei vormals unberührte Gesellschaftsbereiche vorgedrungen ist, wiegt deren entmenschlichendes Antlitz heute besonders schwer und lässt die Menschen über sie fluchen. In gewissen Kreisen werden Smart Contracts daher als willkommene Abhilfe zur Effizienzsteigerung von Bürokratien angesehen werden, da vor allem der menschliche Faktor gesenkt und durch Algorithmen ersetzten werden kann.

Doch gilt es zu bedenken: Die Bürokratie ist letztlich die Verwaltungsapparatur eines Zwangsapparates – des Staates nämlich. Bürokratie stellt immer Angebote, die man nicht ablehnen kann. In der Interaktion mit der Bürokratie ist man als Bürger stets darauf angewiesen, dass Beamte in einem Härtefall Gnade vor Recht walten lassen. Ist der menschliche Faktor jedoch aus der Bürokratie verbannt und durch Algorithmen ersetzt, ist weniger Ermessensspielraum und Einzelfallgerechtigkeit dafür aber mehr staatliche Allmacht und Hartherzigkeit die zwingende Folge.

Smart Contracts werden wohl dort echte Verbesserung bringen, wo ihnen die Härte genommen wird, weil keine Existenzen unfreiwillig an ihre Ausführung gebunden sind. Dienen sie dem Staat jedoch zur effizienteren Verwaltung seiner Bürger, dürfte die staatliche Anwendung dieser neuen Technologie noch so von mancher Person dereinst infrage gestellt werden.

Ein Upgrade für das Internet

Wie kaum eine andere technologische Entwicklung hat jene des Internets unsere vergangenen Jahrzehnte geprägt. Ob im Privat- oder Arbeitsleben, für die Mehrheit aller Menschen ist das «World Wide Web» heute nicht mehr wegzudenken. Es ist zu einer Notwendigkeit geworden, ohne die wohl die wenigsten noch auskommen könnten. Indem das Internet es möglich gemacht hat, dass einzelne rund um den Globus verteilte Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen und teils sogar mit entgegengesetzten Moralvorstellungen und Weltanschauungen in (anonyme) Interaktion treten können, hat diese institutionelle Technologie die soziale Skalierbarkeit von uns als Menschheit unheimlich befördert.

Es wäre gelogen, im grossen weiten Cyberspace mit all seinen Möglichkeiten keine bewundernswerte Befähigungsmaschinerie zu sehen. Nichtdestotrotz scheint sich ein Schönheitsfehler dieser institutionell befähigenden Kraft immer mehr zu offenbaren: In seiner gegenwärtigen Struktur ist dem Internet eine Zentralisierungstendenz inhärent. Für das heutige Arbeits- und Privatleben essenziell gewordene Bereiche innerhalb des Cyberspace sind durch quasi-monopolitische Angebot beherrscht: ob in der Online-Kommunikation, dem Cloud-Computing, den Suchmaschinendienstleistungen, dem Web-Marketing oder Internet-Infrastrukturbetreiber – das Rad der Zentralisierung dreht sich immer weiter.

Dabei war die Vision für das Internet eine andere. Ganz am Anfang handelte es sich um ein Projekt des US-Verteidigungsministerium. Es sollte ein Kommunikationsnetzwerk für Computerdaten etabliert werden, das gegen unvorhersehbare Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Krieg immun sein sollte. Deshalb wurde auf geografische Dezentralisierung gesetzt, um bei einem Ausfall eines Teils des Systems der Rest noch funktionieren würde. Zur Kommunikation bediente man sich der Peer-to-Peer-Netzwerkverbindung. So konnte ein jeder Computer mit einem andere innerhalb des Netzwerkes kommunizieren, ohne von einem einzigen Computer abhängig zu sein. Neben der militärischen Anwendung nutze auch die akademische Welt diese neue technologische Kommunikationsmöglichkeit zum Austausch wissenschaftlicher Informationen.

Durch diese beiden anfänglichen Anwendungsfälle inspiriert, nahm die Entfaltung und die damit einhergehende Kommerzialisierung des Internets, wie wir es heute kennen, seinen Lauf. Tech-Freaks und Informatiker – der berühmteste davon ist wohl Tim-Berners-Lee als Erfinder des World Wide Web – sowie später auch Investoren waren von dieser dezentralen und potenziell weltumspannenden Technologie begeistert und begannen sich für diese neue Zukunft ins Zeug zu legen. Ebenfalls Interesse weckte dieses neue Phänomen bei Freiheitsaktivisten, welche sich vor allem auf dem Gebiet der Kryptografie auskannten. Diese gründeten in den 1990er-Jahren die Cypherpunk-Bewegung. Deren Ziel: Das Internet als Werkzeug gegen fortschreitenden Freiheitseinschränkungen durch Staat und Grossunternehmen zu nutzen.

Zentralisierung war vorprogrammiert

Während sich die Cypherpunks mittels VPN-Server und Tor-Browser ein Refugium namens Darkweb haben schaffen können, wo Dezentralität und Anonymität noch Bestand haben, ist der Grossteil des Webs heute in zentralistischer Hand. Interessanterweise lässt sich in der Retrospektive ziemlich genau nachzeichnen, wie und warum das Internet zu stetiger Zentralisierung verdammt war.

Unserem heutigen Internet liegen mehrere grundlegende Protokolle zugrunde. Diese sorgen dafür, dass die einzelnen Computer und Server miteinander kommunizieren können. Zu vergleichen ist ein Internet-Protokoll mit einer Sprache. So wie diese uns Menschen zur Kommunikation befähigt, sorgen die Protokolle des Internet für den geregelten Datenaustausch von Rechnern auf der ganzen Welt. Beispiele sind TCP/IP, das Protokoll, welches das gesamte Internet betreibt, SMTP zum Empfang und Versenden von Emails sowie VoIP, das für Dienste wie Skype und Telefonnetze verwendet wird.

Ohne diese Protokolle läuft nichts. Ganz grundsätzlich sind diese Internetprotokolle öffentlich und für jedermann zugänglich. Eine jede Person hat die Möglichkeit, darauf aufbauend weitere Protokolle oder Applikationen zu errichten. Die meisten dieser Grundlagenprotokolle, welche das Internet von heute bilden, liessen sich jedoch nicht direkt monetarisieren. Gründer und Entwickler dieser Protokolle gingen daher oft leer aus. Und auch gemeinnützige Organisationen, welche sie für allgemein zugängliche Zusatzprotokolle und Applikationen einsetzten, um die dezentrale und offene Struktur des Internets aufrechtzuerhalten, vermochten die immense Wertschöpfung nicht einfangen. Diese wurde stattdessen von privaten Unternehmen abgeschöpft, welche sich einfacher finanzieren, besser organisieren und daher schneller skalieren konnten. Dies führte zu schnellerem Wachstum, was wiederum zu höheren Investitionen und Erträgen führte, die dann in die Produktentwicklung und weiteres Wachstum zurückflossen.

Aus diesem Trend heraus entwickelte sich sodann die Idee von « einer Webplattform als Geschäftsmodell». Die privaten Unternehmen entdeckten allmählich, dass das Öl dieser neuen Internetwelt die Nutzerdaten darstellen. Um möglichst viele dieser Daten zu generieren, schufen die privaten Unternehmen ihre eigenen Netzwerke und achtete sorgfältig darauf, die Nutzer mit unterschiedlichen Angeboten innerhalb des eigenen Systems zu halten, um fortlaufend wertvolle Daten zu generieren. Innovation und Fortschritt begrenzten sich vorwiegend auf die einzelnen Plattformen und schufen so im Zuge sich selbstverstärkender Netzwerkeffekte die digitalen «Walled Gardens» von heute.

Die grundlegende Problematik der heutigen Internetstruktur besteht letztlich darin, dass Daten- und Wertschöpfungsmanagement weder auf Protokoll- noch auf Applikationsebene durch die Internetnutzer direkt betrieben werden können. Das Internet in seiner gegenwärtig dominanten Konstruktion kennt keine autonomen Eigentumsmöglichkeiten. Einzelnen Internetnutzern ist es nicht möglich, selbständiger Eigentümer über die eigenen Daten zu sein. Erst eine proprietäre Plattform ermöglicht es Nutzern, Daten zu besitzen – ohne aber alleiniges Eigentum an den Daten zu haben. Aufgrund dieser fehlenden Anreiz- und Eigentumsstrukturen dreht das Schwungrad heute immer weiter zugunsten der geschlossenen Plattformökonomien.

Denn letztlich bieten Facebook und Co. unschätzbaren Dienstleistungen. Es kommt nicht von ungefähr, dass diese Unternehmen hunderte Milliarden schwer sind. Doch so wie das Internet heute existiert und aufgebaut ist, erfordert der Komfort und Nutzen, den die Techgiganten liefern, einen Kompromiss: Durch das Verwenden ihrer Dienste geben wir unsere Daten, Privatsphäre und Sicherheit an das jeweilige Unternehmen weiter. Wir schaffen so mit wertvollen Daten gespeiste Honigtöpfe, die zu beliebten Hackerangriffszielen werden. Vertrauenswürdige Drittparteien sind Sicherheitslücken.

Auch sorgt auch die zunehmende Zensur vonseiten der sozialen Medienplattformen für wachsendes Entsetzen. Viele sehen darin einen Frontalangriff auf die Meinungs- und Redefreiheit. Obschon das Zensurieren von gewissen Inhalten dem Ethos einer offenen Gesellschaft nicht entspricht und ihr wohl schadet, darf in der Debatte nicht vergessen gehen: Privaten Unternehmen steht es frei, über die Inhalte ihrer Plattformen zu entscheiden. Immerhin ist die Teilhabe an diesen Plattformen freiwillig. Es lässt sich daher kaum eine Verpflichtung der Betreiber ableiten, jede Information gleich bereitwillig zu verbreiten. Nichtsdestotrotz zeigen die Diskussionen rund um Facebook und Twitter auf: Ganz grundsätzlich liegt etwas im Argen, wenn ein paar wenige zentralistisch organisierte Plattformen den Diskurs in unserer aufgeblähten Medienblase kontrollieren.

Ohne interneteigenes Eigentum dürfte der Trend zur Zentralisierung, Machtballung und Vermögenskonzentration in der digitalen Welt nicht gebrochen werden. Das wohl beste Beispiel sind Startup-Vorzeigeunternehmen wie Uber oder Airbnb. Wie kein anderes Jungunternehmen haben sie den Begriff der viel gepriesenen Sharing-Ökonomie geprägt. Doch bald ein Jahrzehnt nach deren Gründung ist die Euphorie bei vielen ideologisch motivierten Frühnutzern verflogen. Die eigentliche «Sharing Economy» haben diese Disruptoren nicht gebracht. So haben vor allem Investoren von den astronomisch hohen Bewertungen finanziell profitieren, während die Nutzer und die im Dienste der App-Unternehmen arbeitenden Personen kaum finanziellen Anteil am grossen Erfolg haben.

Mit der Blockchain-Revolution soll sich dies nun ändern. Wenn auch die Vermögensverteilung zahlreicher Krypto-Projekte noch sehr unausgeglichen ist, dürfte sich das längerfristig verbessern. Denn durch die Ergänzung des «Internet of Communication» mit dem «Internet of Value» werden Daten- und Wertschöpfungsmanagement aneinandergekoppelt und so für ein Netzwerk an Internetnutzern direkt und ohne Drittpartei möglich.

Neue Welt der Token-Ökonomie

Token ermöglichen interneteigenes Eigentum. Es handelt sich dabei also um digitale Werteinheiten, die unabdingbarer Teil eines Protokoll-basierten Anreizsystems sind. Die netzwerkeigenen Token schaffen für die Netzwerknutzer die ökonomischen Anreize zur dezentralisierten Konsensfindung. Erst diese ermöglicht wiederum die Koordination und Allokation von Kapital, um ein gemeinsames Ziel durch den Einsatz verschiedener wirtschaftlicher und kryptographischer Mechanismen zu erreichen.

Über einen Token ist dessen Inhaber finanziell am Netzwerk beteiligt. Nur logisch also, dass Miteigentümer eines Netzwerks ein Interesse an dessen Erfolg haben. Die teils frenetisch anmutende Begeisterung von Bitcoin-, Ethereum- und anderen Blockchain-Nutzern ist darauf zurückzuführen, dass sie das Netzwerk nicht nur nutzen, sondern über die Token daran beteiligt sind und direkt von dessen Erfolg profitieren. Nutzer werden so zu Fans oder gar Jüngern, die als passionierte Entwickler, Vermarkter und Verkäufer zur weiteren Verbreitung der Idee beitragen. Dank digitaler Token können Blockchain-Protokolle von ihren Schöpfern heute zudem direkt monetarisiert werden. Vor dem Aufstieg dieser neuen Token-Ökonomie war es ziemlich schwierig, mit der Entwicklung neuer Internetprotokolle Geld zu verdienen.

Dieser mittels Token ermöglichte Netzwerkinhaber-Effekt schafft jedoch nicht nur neue ökonomische Anreize des Netzwerkwachstums und die Möglichkeit zur Direktmonetarisierung der Protokolle. Er führt auch dazu, dass die Anreize und Ziele aller am Netzwerk beteiligen Parteien besser übereinstimmen, da ein jeder Netzwerknutzer gleichzeitig auch ein Netzwerkbesitzer sein kann. Bei den bestehenden Internetplattformen ist das derzeit kaum der Fall, steht doch eine Minderheit von Besitzern einer Mehrheit von Nutzern gegenüber.

Es sind diese Entwicklungen, die einem in Bezug auf das Besterben das Internet zu dezentralisieren, positiv stimmen sollten. Gewiss gibt es einflussreiche Kräfte, die den zentralistisch strukturierten Status Quo des Internets wahren wollen. Ohne die durch Blockchain und Token ermöglichten Anreizstrukturen wäre jeder Veränderungsversuch denn auch hoffnungslos. Jetzt, wo diese Werkzeuge vorhanden sind, darf immerhin gehofft werden, dass das Internet einmal zu dem werden wird, was es hätte sein können, aber nie sein durfte.

Die neue Welt der Krypto-Assets

Kryptowährungen hier, Kryptowährungen da – die ganze Finanzwelt kennt sie mittlerweile, die digitalen Privatwährungen. Hängt Ihnen der Begriff mittlerweile zum Hals raus? Dann geht es Ihnen wie vielen innerhalb der Krypto-Community. Auch sie wollen nichts mehr von Kryptowährungen hören – zumindest nicht in dem generalisierenden Zusammenhang, in dem von ihnen viel zu oft gesprochen wird. Bitcoin und Konsorten werden gemeinhin als Kryptowährungen bezeichnet – doch das ist eine unpräzise Verallgemeinerung.

Sammelsurium an Privatwährungen

Als Überkategorie handelt es sich bei Krypto um eine neue Vermögensklasse, die Aktien, Anleihen oder Rohstoffe ergänzt. Innerhalb der Krypto-Anlagewelt gibt es aber entscheidende Differenzen. Kryptowährungen sind zwar der bekannteste Anwendungsfall der Blockchain-Technologie, doch gibt es noch weitere: von Plattformen für Software-Entwickler über Finanzanwendungen wie Wertschriftenhandel oder Kreditgeschäft bis hin zu Logistiknetzwerken, dezentralisierter Datenspeicherung und selbstverwalteten digitalen Identitäten.

Lidia Bolla, Managing Partner beim Krypto-Vermögensverwalter vision&, spricht darum generell von «Krypto-Assets». Dies auch deshalb, weil zum heutigen Zeitpunkt bei vielen Krypto-Projekten kaum abschliessend gesagt werden kann, welchem Segment sie zuzuordnen sind. Bei vielen Krypto-Assets handelt es sich um Internetprotokolle, deren Fundament eine kryptografisch gesicherte, dezentralisierte Datenbank ist, die sogenannte Blockchain.

Bitcoin war das erste offizielle Krypto-Asset und wurde in seinem Thesenpapier auch als elektronisches Peer-to-Peer Zahlungssystem charakterisiert. Da kryptografische Verfahren wesentlicher Bestandteil des Bitcoins sind, wurde diese neue Währung als sogenannte Kryptowährung kategorisiert. Mittlerweile gibt es unzählige weitere mit dem erklärten Hauptziel, als digitales Tauschmittel zu funktionieren. Prominente Beispiele sind: Bitcoin Cash, Litecoin, Byteball, Feathercoin oder Dodgecoin. Ein Massenphänomen sind diese allerdings noch nicht, dazu fehlt ihnen bislang die Skalierbarkeit ihres technischen Unterbaus.

in anderes Hauptanliegen verfolgen die Privacy- oder AnonCoins. Zu ihnen gehören Monero, Zcash, Dash oder Komodo. Diese fungieren als nicht-nachverfolgbares Digitalgeld zum Schutz der Privatsphäre. Aufgrund ihrer Anonymität werden derartige Kryptowährungen auch mit digitalem Bargeld verglichen. Gegenwärtig wird der Bitcoin von vielen als Wertaufbewahrungsmittel angesehen. Für andere ist er dies wegen hoher Preisvolatilität eben gerade nicht. Treffender wäre es daher, den Bitcoin als innovativen, wenngleich volatilen Wertaufbewahrungsversuch einzuordnen. Das Ziel nachhaltiger Wertaufbewahrung verfolgen auch die sogenannten Stablecoins. Am populärsten sind Tether, Circle, MakerDao, Basis sowie DigixDao. Obwohl unterschiedlich in ihrem Ansatz, beabsichtigen sie alle, ihren Wert im Vergleich zu staatlichen Währungen wie dem Dollar konstant zu halten. Deren Volumen und Relevanz sind zurzeit allerdings noch gering.

Unbestritten ist: Was der US-Dollar für das von staatlichen Währungen dominierte System ist, verkörpert der Bitcoin für die Krypto-Welt: die Reservewährung. Nur der Ether hat diese Funktion ebenfalls noch inne. Wer in die zahlreichen Krypto-Assets investieren will, hat hierfür meistens zuerst Dollar, Euro oder Yen in Bitcoin oder Ether umzuwandeln, bevor man damit andere Tokens kaufen kann.

Plattform-Token

Der Ether ist jedoch vor allem aus einer anderen Perspektive interessant: So stellt er das «Krypto-Fuel» für das Ethereum-Netzwerk dar. Die Währungsfunktion tritt in den Hintergrund, während Smart Contracts, programmierbare und daher selbst exekutierende Verträge, in den Vordergrund rücken. Ethereum gilt daher als Krypto-Plattform. Diese fungiert als dezentralisierte Entwicklungsplattform und dient Programmierern dazu, die unterschiedlichsten DApps (dezentralisierte Applikationen) zu entwickeln. Interessanterweise sind jene Krypto-Assets mit der höchsten Marktkapitalisierung Plattform-Assets. Die bekanntesten neben Ethereum sind: EOS, Cardano, NEO, NEM, IOTA und ICON. Auch die Bitcoin-Community arbeitet an einer Plattform namens Rootstock, welche Smart Contracts für Bitcoin ermöglichen soll.

Krypto für die Finanzwelt

Ebenfalls ein prominenter Anwendungsfall unter den Krypto-Assets ist jener von Finanzanwendungen. Allen voran die Projekte Ripple und Stellar, welche den globalen Zahlungsausgleich innerhalb des Interbankenmarktes günstiger, effizienter und vor allem schneller machen wollen. Als Zahlungslösung der Zukunft sehen OmiseGo, RequestNetwork oder das InkProtocol. Auch das Handels- und Börsengeschäft spielt in der neuen Krypto-Welt eine entscheidende Rolle. Hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung, wonach immer mehr physische Assets tokenisiert werden und somit durch eine Art korrespondierendes Krypto-Asset ergänzt werden, scheinen Projekte wie der Binance Coin, Huobi Token oder Bibox Token aussichtsvoll positioniert zu sein. Auf das Kreditgeschäft abgesehen haben es Nexo und SALT.

Token für ein Web 3.0

In der Zwischenzeit erstreckt sich das Krypto-Phänomen auch über unterschiedlichste Projekte, die nur indirekt oder überhaupt nicht mit dem Finanzsektor in Verbindung stehen. So versucht sich Siacoin in der Dezentralisierung von Datenspeicherung. Steem oder Mithril arbeiten auf ein dezentrales Ökosystem für Soziale Netzwerke hin. Des Weiteren ermöglicht die Krypto-Welt ganz neue Geschäftsmodelle und Anwendungsfälle, die bislang überhaupt nicht möglich gewesen sind. Beispielsweise die Möglichkeit zur Selbstverwaltung einer eigenen digitalen Identität, wie von Valid oder Civic vorgesehen. Oder ein Marktplatz für das Teilen und die Monetarisierung von persönlichen Daten, eine Idee, die Streamr verfolgt. Weitere interessante Anwendungsfälle sind Augur, eine dezentralisierte Prognosemarkt-Plattform oder Golem, ein Markt für die Monetarisierung ungenutzter Computerkapazität.

Im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Krypto-Assets fällt auch immer der Begriff des Tokens. Was ist damit gemeint und wofür soll sein solcher Token gut sein? Es handelt es sich dabei letztlich um eine digitale Wertmarke, die in irgendeiner Weise mit einer Geschäftsidee, einem Projekt, einem Unternehmen in Verbindung steht. Auf unterschiedlichen Handelsbörsen lassen sie sich wie Aktien kaufen oder verkaufen. Vielfach ermöglicht ein Token exklusiven Zugang zu einem Internetprotokoll, letztlich zu einem Netzwerk, das durch die Blockchain-Technologie und deren dezentralisierte Datenbank aufrechterhalten wird.

Vielfalt der Token-Arten

Token ist allerdings nicht gleich Token. So gibt es den Coin, der die Funktion einer Währung innehat. Im Gegensatz zu konventionellen Währungen wird dieser Coin nicht durch eine Zentraleinheit herausgegeben, sondern entsteht durch das Mining unterschiedlicher am System teilhabender Akteure. Dabei investieren diese stromintensive Rechenleistung, um das jeweilige Zahlungsnetzwerk aufrechtzuerhalten. Als Belohnung erhalten sie die neu geschürften Coins. Das prominenteste Beispiel ist der Bitcoin. Die Finanzmarktaufsicht der Schweiz spricht bei dieser Art Coin von Zahlungs-Token.

Der eigentliche Token ist vielmehr mit einem Gutschein, Coupon oder Ticket zu vergleichen. Beispielsweise ein Kinoeintritt, der Zutritt in den Kinosaal gewährt. Ausserhalb des jeweiligen Kontextes hat er keinen Wert. Man unterscheidet zwischen drei verschiedenen Token-Arten. Unter dem Utility-Token werden diejenigen Token verstanden, die digitalen Zugang zur Nutzung eines Blockchain-Netzwerkes ermöglichen. Davon abgesehen, scheint dieser Token keinen anderen Nutzen zu haben. Etwas salopp spricht man in diesem Zusammenhang deshalb auch von «Krypto-Fuel», dem Treibstoff für das Netzwerk. Als Beispiele werden hier häufig Ether oder IOTA genannt. Um diese Kategorie zu beschreiben, verwendet die Finma den Begriff des Nutzungs-Token.

Eine zweite Art ist der Security-Token. Als solche werden sämtliche Arten von handelbaren Vermögenswerten bezeichnet. Ausschlaggebend ist, dass diese Art von Token durch einen physischen Gegenwert gedeckt ist und letztlich eine Einlösungspflicht besteht. So können Inhaber eines entsprechenden Security-Token diesen entweder für ein Edelmetall, ein Luxusgut oder einen Anteil an einer Immobilie einlösen. Ein Beispiel hier ist der DigixDao-Token. Gemäss Finma fallen die Security-Token in die Kategorie der Anlage-Token. Es ist davon auszugehen, dass den Security-Token eine aussichtsvolle Zukunft bevorsteht.

Dann gibt es auch noch den Equity-Token. Der Idee nach verkörpert ein solcher eine digitale Aktie. Über einen Smart Contract, einen sich selbst exekutierenden Vertag auf der Blockchain, sollen potenziell anfallende Dividenden an die Equity-Token-Inhaber ausbezahlt werden – in einer Kryptowährung versteht sich. Wie bei einer Aktie kann der Inhaber an Abstimmungen teilnehmen, die transparent über die Blockchain durchführt werden. Prominentes Beispiel aus der Schweiz: der Modum-Token. In diesem Fall verwendet die Finma ebenfalls den Begriff des Anlage-Token.

Bitcoin nein, Blockchain ja?

Erst kürzlich berichtete die Republik in einem Artikel davon, wie sich die Bitcoin- und Blockchain-Branche immer mehr professionalisieren würde. Wer die Szene schon ein wenig länger verfolgt, dem springt diese Entwicklung ins Auge. Was einst eine Nische für Krypto-Anarchisten war, hat sich zu einer breiten Erscheinung weiterentwickelt. Ironischerweise sind mittlerweile auch jene Interessen und Kreise mit eingebunden, gegen die das Krypto-Phänomen in seinen Anfängen angetreten ist. Einige wenige etablierte Finanzbörsen, Banken und Hedgefonds haben unlängst erkannt, dass hier gerade eine neue Anlageklasse entsteht. Nichtsdestotrotz scheint es so, als wolle das Gros der traditionellen Finanzmarktakteure nach wie vor einen gewissen Sicherheitsabstand zu Bitcoin und anderen Kryptowährungen wahren.

Stattdessen hat man sich vielmehr auf die Technologie hinter Bitcoin eingeschossen, die sogenannte Blockchain. Unter dem Motto «Blockchain without Bitcoin» wird sie gemeinhin als neue IT- und Kommunikationstechnologie angepriesen. Immer wieder ist von neuen Kooperation grosser Unternehmen zu lesen, die sich zwecks Forschung oder gar Implementierung von Blockchain-Projekten zusammengeschlossen haben.

Für die zahlreichen Arbeitsgruppen von Banken und anderen Konzernen zum Thema «Blockchain» haben eingefleischte Bitcoin-Aficionados jedoch nur ein müdes Lächeln übrig. Die Blockchain für etablierte Unternehmenszwecke nutzen zu wollen, wäre gänzlich unökonomisch, argumentieren sie. Die neue Technologie sei nicht bloss eine weitere «Cloud-Lösung» für verteilte Datenspeicherung, sondern eine ressourcentechnisch äusserst ineffiziente Methode, die innerhalb eines Ökosystems inhärenten Vertrauensprobleme, ohne eine zentrale Instanz zu lösen. Die Blockchain-Technik sei eben nur dann sinnvoll und erforderlich, wenn man eine Bank, Grosskonzern oder ganz allgemein eine zentralistische Kontrollinstanz vollumfängliche entbehren möchte, so die Bitcoin-Maximalisten.

Zwei völlig verschiedene Welten

Werfen Banken also gerade reichlich Geld aus dem Fenster? Werden die zahlreichen Blockchain-Projekte dereinst alle als PR-Aufwand abzuschreiben sein? Kluge Köpfe, die in solchen «Blockchain-for-Business»-Projekten engagiert sind, halten dagegen und argumentieren: Es gelte klar zwischen öffentlichen und privaten Blockchains zu unterscheiden. Dabei handle es sich um zwei völlig verschiedene Welten, die gänzlich andere Ziele verfolgen würden, so Matthias Loepfe, einer dieser genannten klugen Köpfe.

Für Loepfe besteht das Alleinstellungsmerkmale privater Blockchains in der immensen Effizienzgewinnung: «Unternehmen sind heute oftmals Teil spezifischer Ökosysteme, weshalb sie ununterbrochen miteinander kommunizieren müssen. Zwischen diesen Unternehmen bestehen mitunter schon digitalisierte und automatisierte Schnittstellen, nach wie vor aber auch noch alte papiergebundene Prozesse. Jeder pflegt seine eigene Version der entsprechenden Daten. Diese Daten aktuell und konsistent zu halten, ist schwierig und verursacht viel Friktion. Deswegen haben die einzelnen Unternehmen des Ökosystems alle eine unterschiedliche Sicht auf die «Wahrheit». Genau hier kann die Blockchain punkten.»

Laut Loepfe liesse sich mit dem Blockchain-Ansatz für alle eine gemeinsame Sicht auf das schaffen, was richtig sei – ein Single Point of Truth also. Alle Ökosystem-Teilnehmer hätten die Daten mittels ihres Blockchain-Nodes im eigenen Haus, doch seien sie gleichzeitig mit allen anderen Nodes synchron. Folglich gäbe es nur eine Wahrheit, die bereits alle Teilnehmer besässen. Mühseliger Datenaustausch und -abgleich ist nicht mehr nötig, weshalb zahlreiche Reibungsverluste eingespart werden können. Die Effizienzgewinne würden vor allem daraus resultierten, dass ein «Single Point of Truth» das Vertrauen ins Gesamtsystem festige, was wiederum eine Grundvoraussetzung für eine effiziente Zusammenarbeit sei, so der Informatiker.

Im Unterschied zur öffentlichen Blockchain ist das Vertrauen bei einer privaten Blockchain natürlich viel weniger dezentralisiert. Während bei einer öffentlichen Blockchain deshalb eine möglichst hohe Non-Zentralität angestrebt wird, um möglichst «Censorship resistant» zu sein, sind Änderungen an einer privaten Blockchain durch ein Konsortium von Blockchain-Teilnehmern sehr viel wahrscheinlicher. Diese Tatsache anerkennt auch Loepfe: Natürlich sollte man sich keine falschen Illusionen machen. Eine private Blockchain sei leichter abzuändern. Gerade im Unternehmenskontexte könne dies aber auch gewünscht sein, schlussfolgert er.

Blockchain – schon heute ein sinnloser Begriff

Die Blockchain kann also durchaus für Grossunternehmen oder gar für den unternehmensinternen Bereich von Nutzen sein. Denn auch Unternehmen sind in einem grösseren, vielleicht sogar globalen Kontext tätig, wo sie selber auf Mittelsmänner angewiesen sind, zum Beispiel im internationalen Zahlungsverkehr, Aktien und Anleihegeschäft oder Logistikwesen. Und selbst innerhalb eines Konzerns mag die Anwendung der Blockchain Sinn ergeben. Natürlich erfüllt eine Blockchain ohne einen Coin einen anderen Zweck als beispielsweise die Bitcoin-Blockchain. Nichtsdestotrotz dient sie einem Zweck und dieser kann darin bestehen, verteilte Datenbanken über einen einzigen Ledger, also die Blockchain, in permanenter Übereinstimmung zu halten.

Es ist daher davon auszugehen, dass nicht alle «Blockchain-for-Enterprise»-Projekte für die Katz sein werden. Das dürfte auch darauf zurückzuführen sein, dass sich der Begriff «Blockchain» bereits völlig totgelaufen hat und mittlerweile jeder etwas anderes darunter versteht. Wenn man so will, könnte man die Bitcoin-Blockchain gewissermassen als Archetyp und somit als eigentliche Blockchain betrachten. Banken haben jedoch schnell gemerkt, dass es gewisse Attribute dieser «Ur-Blockchain» wie einen Blockchain eigenen Coin oder das Mining für ihren Kontext überhaupt nicht brauchen. Aus Marketing-Gründen haben sich viele dennoch entschieden, trotz der klaren Unterschieden zur Bitcoin-Blockchain für ihre eignen Projekte ebenfalls mit dem Begriff «Blockchain» zu werben. Zum Glück sind Begriff letztlich nicht entscheidend, sondern vielmehr was sich dahinter verbirgt. Die facettenreiche Technologie – egal ob Bitcoin-Blockchain oder «Corporate»-Blockchain – sie wird uns in den verschiedensten Bereichen weiterbringen. In den einen etwas mehr, in den anderen etwas weniger.

Stablecoin: Heiliger Gral oder utopisches Ideal?

Viele halten die Volatilität der Krypto-Assets noch immer für einen Stolperstein auf dem Weg hin zu deren Breitenwirkung im Alltagsleben. Ohne Preisstabilität werde der Krypto-Markt nie als Massenphänomen Fuss fassen können, sondern auf ewig eine Randerscheinung bleiben, lassen sich kritischen Stimmen zitieren.

Als Reservewährung der Krypto-Welt hat der Bitcoin den wohl stärksten Einfluss auf dieselbe – weshalb es vor allem seine unumstösslich disinflationäre Wesensart ist, die Preisschwankungen unvermeidbar machen. Bitcoin ist auf eine im Programmiercode festgelegte Anzahl neue Bitcoin-Einheiten limitierte. Bloss alle zehn Minuten werden 12,5 neue Bitcoin geschaffen – mehr ist nicht möglich. 2020 werden es noch 6,25 neue Bitcoin sein, 2024 nur noch 3,125 und so weiter. Dieser rigide Schöpfungsalgorithmus macht Bitcoin auf der Angebotsseite ziemlich unflexibel. Das Angebot kann einer schwankenden Nachfrage kaum angepasst werden.

Dieser inhärent disinflationärer Charakter wird von Bitcoin-Enthusiasten nicht als Problem identifiziert; im Gegenteil sehen einige darin sogar des Bitcoins grösster Vorteil. Denn eine Währung, dessen Angebot der Nachfrage hinterherhinkt, wirkt deflationär. Das bedeutet: Die in dieser Währung bemessenen Gütern fallen im Preis. Das befördert die Ersparnisbildung und lässt die Menschen eher in die Zukunft denken – deren Zeitpräferenz fällt. Für ihre Argumentation berufen sich die Bitcoin-Verfechter hauptsächlich auf die Denkansätze der Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Zu wenig, nicht zu viel Spekulation

Natürlich ruft eine derartige Denke Kritiker auf den Bitcoin könne nie Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft sein, da Deflation eine Abwärtsspirale bei den Preisen verursacht, welche schliesslich die Realwirtschaft in die Knie zwingen und zum Stillstand bringen würde. Mit ihrer Argumentation liegen die Kritiker nicht ganz falsch, wenn auch klar sein sollte, dass die Lebenssituationen von Individuen stets kontextabhängig sind und kaum eine ganze Gesellschaft unisono nur noch sparen würde. Sparen ist denn auch kein Selbstzweck, sondern ein auf das Konsumieren hingerichtetes Mittel. Zudem sehen sich Menschen auch durch die reale Welt zum Konsum gezwungen – schliesslich haben sie etliche Grundbedürfnisse zu stillen, um ihr Überleben zu sichern. Die Befürchtungen der Kritiker beziehen sich aber vor allem auf unser heutiges schuldenbasiertes Finanzsystem, in welchem eine Deflation aufgrund der enormen Dynamik tatsächlich verheerende Konsequenzen hätte. Mit der kalkulierbaren deflationären Wirkung Bitcoins hat eine derartiges Deflationshorrorszenario allerdings nichts zu tun.

Gemeinhin wird das Bitcoin-Phänomen auch als hochspekulative Sache abgetan. Letztlich ist dieser Vorwurf allerdings nicht allzu eng zu sehen. Denn ökonomisch gesehen, ist jegliches menschliches Handeln ungewiss und daher notwendigerweise spekulativ. In Bezug auf Bitcoin lässt sich sogar sagen, dass es nicht zu viel, sondern noch viel zu wenig Spekulation gibt. Spekulieren nämlich mehr Menschen auf den Bitcoin, ergibt sich daraus eine grössere Markttiefe. Diese wiederum führt «at the margin» dazu, dass Preisschwankungen schneller geglättet werden, da mehr «Spekulanten» und damit Liquidität involviert ist.

Insofern ist mehr «Spekulation» zu begrüssen. Ob sich der Bitcoin-Preis mit zunehmender Markttiefe tatsächlich einmal gänzlich stabilisieren wird, davon ist kaum auszugehen. Aufgrund seiner absoluten Angebotsbeschränkung dürfte die Kryptowährung in einer dynamischen Welt wie der unsrigen stets eine Restgrösse an Volatilität aufweisen. Folgende Trade-Off wird wohl immer gelten: Während staatlichen Währungen kurzfristig preisstabil, langfristig aber noch immer zu ihrem natürlichen Wert – nach Voltaire liegt dieser ja bei Null – gefunden haben, ist Bitcoin in der langen Frist wertstabil und daher ein geeignetes Wertaufbewahrungsmittel.

Kritik aus den eigenen Reihen

Interessanterweise lassen sich gegen den Bitcoin Bedenken formulieren, die von niemand Geringerem kommen als Friedrich August von Hayek, dem wohl bekanntesten Vertreter der Wiener Schule der Nationalökonomie. Hayek war ein gebranntes Kind, sein Leben lang war er von Inflation geplagt. Als erbitterter Gegner jeglicher Inflation und Deflation sehnte er sich nach einem preisstabilen Geld. Ihm zufolge würde nur ein stabiles Geld ausgereifte Wirtschaftsbeziehungen ermöglichen. Denn kaum jemand würde längerfristig Schulden in einer Geldeinheit aufnehmen wollen, die immer mal wieder stark im Preis steigt. Genauso könne ein Unternehmen seine Bilanz mit Vermögenswerten, Lohnzahlungen und mehr nicht in einer unstabilen Währung führen, argumentiert Hayek.

Wie sind Hayeks Vorbehalte zu bewerten? Eine nüchtern-realistische Schlussfolgerung dürfte wohl sein: Die Annahme, unsere auf Kreditbeziehungen basierenden hoch komplexen und fragilen Wirtschaftsstrukturen und Finanzdienstleistungen wären gänzlich unmöglich, käme einer Überdehnung der hayek’schen Argumente gleich. Nichtdestotrotz legen diese nahe, dass Preisstabilität ungemein förderlich ist. Denn volatile Preise erschweren nun einmal die Risikoberechnung vor allem dann, wenn Verträge über längere Zeitperioden abgeschlossen werden – wie das in unserem komplexen Wirtschaftssystem heute üblich ist.

Ganz im Sinne Hayeks hat sich der Krypto-Markt deshalb an die Schaffung verschiedene Projekte gewagt, welche für die nötige Preisstabilität sorgen sollen. Die Blockchain ermöglicht nämlich nicht nur eine disinflationäre Währung wie Bitcoin, sondern auch sogenannte Stablecoins, die viel eher dem Gusto Hayeks entsprechen würden.

Drei Arten von Stablecoins

Bis dato können grundsätzlich drei verschiedene Typen von Stablecoins unterschieden werden:

  • Durch staatliche Währung besicherte Stablecoins (Fiat-collateralized)
  • Durch Krypto-Assets besicherte Stablecoins (Crypto-collateralized)
  • Unbesicherte Stablecoins (non-collateralized)

Die einfachste Variante einen Stablecoin ins Leben zu rufen, ist diesen an eine staatliche Währung – vorzugsweise den US-Dollar – zu binden. Hierfür werden die Stablecoins herausgegeben, die jeweils eins zu eins mit US-Dollar besichert sein sollten. Der grösste Stablecoin Tether mit einer Marktkapitalisierung von gut zweieinhalb Milliarden US-Dollar funktioniert nach diesem Prinzip.

Für den wahren Krypto-Anhänger ist der Tether natürlich ein No-go, setzt diese Art des Stablecoins doch eine inhärente Zentralisierung von Vertrauen dar – just jene Eigenschaft, gegen welche Kryptowährungen ursprünglich angetreten sind. Wer Tether hält, hat den Verantwortlichen hinter dem Tether-Projekt zu vertrauen, dass diese über die entsprechende Anzahl US-Dollar für die von ihnen ausgegebenen Tether auch tatsächlich verfügen. Seit geraumer Zeit gibt es denn auch eine hitzige Debatte darüber, ob die zweieinhalb Milliarden Tether auch wirklich gedeckt sind. Eine Einlösungspflicht, bei der Tether-Coins gegen die entsprechende Anzahl US-Dollar eingelöst werden können, besteht nicht. Selbst wenn Tether über die gesagten US-Dollarmengen zum jetzigen Zeitpunkt verfügen sollte, so dürfte in einem wachsenden Krypto-Markt immer schwieriger werden, wollte Tether die volle Deckung aufrechterhalten. Mit wachsender Menge würde das aber immer ineffizienter, weshalb eine fraktionale Reservehaltung – das heisst, Tether-Coins wären nicht mehr zu hundert Prozent mit US-Dollar gedeckt – unausweichlich würde.

Nicht den US-Dollar, dafür aber Gold zur Deckung der Kryptowährung verwendet man bei DigixDAO. Dabei handelt es sich um ein Open-Source-Projekt, das darauf abzielt, wertvolle Vermögensgüter wie Gold (zu einem späteren Zeitpunkt auch andere Edelmetalle wie beispielsweise Silber) über die Ethereum-Blockchain zu tokenisieren. Der dafür ins Leben gerufene DGX-Token soll den Inhaber dieses Tokens das Recht auf ein Gramm Gold einräumen, das in einem geprüften Tresor in Singapur aufbewahrt werden soll. Da der DGX-Token als Anspruch auf Gold vorgesehen ist, fungiert er wie ein übertragbarer Lagerhausschein. Der DGX-Token soll letztlich die Stabilität von Gold und anderen Edelmetallen nachahmen und so ein Stablecoin sein. Auch wenn hier die Krypto-Erzfeind in der Gestalt des US-Dollars elegant umgangen werden kann, bleibt der Vertrauensanspruch in eine zentralisierte Kontrollinstanz bestehen.

Krypto mit Krypto besichern

Um das Problem der Zentralisierung lösen zu können, bietet sich natürlich die Möglichkeit an, den Stablecoin mit einem oder mehreren anderen Krypto-Assets zu besichern. Diesen Ansatz verfolgt man bei MakerDAO. Das Projekt besteht aus zwei unterschiedlichen Token: Zum einen der Maker, zum anderen der Dai. Maker-Token dienen als der Governance des MakerDAO-Ökosystems. Sie werden verwendet, um über verschiedene Initiativen abzustimmen, welche die Stabilität des Ökosystems sicherstellen sollen.

Der Dai-Token andererseits ist der eigentliche Stablecoin, dessen Wert stets einem US-Dollar entsprechen soll. Um diese Parität zu erreichen, ist der Dai mit dem zweiten grössten Krypto-Asset Ether besichert. Wie die Verantwortlichen hinter MakerDAO bereits angekündigt haben, soll deren Stablecoin Dai in Zukunft durch weitere Krypto-Assets besichert sein.

Wie aber soll eine Besicherung mit Ether, der selber die typische Volatilität eines Krypto-Assets aufweist, den Stablecoin Dai preisstabil machen? Der Trick liegt in der Überbesicherung des Stablecoin, um so etwaige Preisschwankungen aufzufangen. Folgendes Beispiel dient der Veranschaulichung: Angenommen, man bringt Ether im Wert von 2000 US-Dollar auf und lässt dagegen Dai im Wert von 1000 US-Dollar emittieren. Die ausgegebene Stablecoins sind nun zu 200% besichert. Fällt der Preis eines Ether um 25 Prozent, so sind die ursprünglich emittierten Stablecoins noch immer mit einem Gegenwert von 1500 US-Dollar besichert und können nach wie vor zum Nennwert von einem US-Dollar bewertet werden.

Wohl der Hauptgrund, weshalb jemand 2000 US-Dollar in Ether über einen Smart Contract hinterlegt, dürfte in der Schaffung von Leverage liegen: Mit Ether im Wert von 2000 US-Dollar lassen sich 1000 US-Dollar in Dai kreieren. Wenn nun diese 1000 US-Dollar in Dai dazu verwendet werden, um weitere 1000 US-Dollar in Ether zu kaufen, hält man aufgrund des Leverage-Effektes nun eine Ether-Position im Wert von 3000 US-Dollar, welche mit nur 2000 US-Dollar in Ether besichert sind. Sollte sich der Ether-Wert verdoppeln, besitzt man dann 6000 anstelle von bloss 4000 US-Dollar in Ether.

Obschon der Dai im Gegensatz zu anderen Stablecoins wie Tether oder TrueUSD nicht mit US-Dollar besichert ist, gleichwohl aber eine eins zu eins Parität zum Dollar anstrebt, besteht noch immer eine Abhängigkeit zum Greenback: MakerDAO muss immer den aktuellen USD/Ether-Preis kennen. Wie üblich, muss auch die MakerDAO-Blockchain derartige externe Daten über sogenannte Oracles beziehen. Zum jetzigen Zeitpunkt nicht unüblich passiert die Preis-Einspeisung über ein zentralisierte Oracles, beispielsweise über Preischarts einer Handelsbörse. Daraus ergibt sich erneut ein zentralisiertes Angriffspunkt zur Manipulation der Preisdaten – ein Umstand, den man dank der Blockchain-Technologie eigentlich umgehen möchte. Die Hoffnung besteht daher darin, alternativ auf ein dezentralisiertes Oracle-Ökosystem zurückzugreifen, bei dem beispielsweise die USD/Ether-Preise über mehrere unabhängige Anlaufstellen bezogen werden.

Neben diesem technischen Problem warnen Kritiker von Black-Swan-Events, welche durch Krypto-Assets besicherten Stablecoins widerfahren können. Damit meinen sie den Umstand, unvorhersehbare Ereignisse einen derartigen Stablecoin in die Knie zwingen können. Beispielsweise dann, wenn der Ether einen massiven Kursverlust erleidet und das MakerDAO-System die hinterlegten Ether automatisch zwangsliquidiert. Um eine solche Zwangsliquidation vorzubeugen, ist eine Überbesicherung bis an die Grenzen des Möglichen vonnöten. Das macht diese Art von Stablecoin jedoch unheimlich kapitalintensiv, was gerade in einer auf Effizienz getrimmten Welt nicht mehr gerne gesehen ist.

Dezentrale Imitation einer Zentralbank

Eine dritte Stablecoin-Variante verzichtet gänzlich auf eine Besicherung. Diese Idee kann im Prinzip auf den zu Beginn erwähnten von Hayek zurückgeführt werden, der Ähnliches skizziert hatte – nur halt ohne die Blockchain als Basis. In Anlehnung an die Quantitätstheorie des Geldes soll die Preisstabilität des Stablecoins dadurch erreicht werden, dass die Geldmenge je nach Bedarf erweitert oder kontrahiert wird. Im Prinzip geht es darum, die Steuerungsaufgaben heutiger Zentralbanken via Algorithmen – in diesem Zusammenhang besser Smart Contracts genannt – auf einer Blockchain zu simulieren. Etwas vereinfacht gesagt, besteht die einzige Aufgabe der Smart Contracts darin, den Preis des Stablecoins bei einem US-Dollar zu halten.

Steigt der Preis des Stablecoins aufgrund eines Nachfrageüberhangs über die ein US-Dollar-Marke, ist es für den Algorithmus ein Leichtes, den Preis wieder herunterzuholen: Es werden so lange neue Stablecoins geschaffen, bis der Nachfrageüberhang gesättigt ist. Liegt der Preis unter einem US-Dollar und es herrscht ein Angebotsüberhang vor, gestaltet sich die Sache schwieriger. Der Algorithmus ist dazu angehalten, überschüssige Stablecoins zurückzukaufen. Welche Mittel aber verwendet der Algorithmus dafür? Gut möglich, dass ihm hierfür eine gewisse Anzahl Bitcoin oder Ether aus einer Investitionsrunde zur Verfügung stehen. Sind diese jedoch einmal aufgebraucht, bietet sich die Ausgabe von Anleihen oder sogenannten Seigniorage-Anteilen an. Diese berechtigen deren Inhaber, in Zukunft damit Stablecoins kaufen zu können. Das wohl prominenteste Beispiel für einen Stablecoin dieser Art ist das Projekt Basis.

An dieser Stelle offenbart sich jedoch auch der neuralgische Punkt einer solchen Herangehensweise. Ohne einen direkten Zufluss monetärer Ressourcen oder die Möglichkeit, über Seigniorage-Anteile indirekt Zukunftswertversprechen zu machen, die durch ein fortwährendes Wachstums des Stablecoin-Ökosystems gerechtfertigt sind, kommt es früher oder später zum Kollaps. Nicht wenige Kritiker halten solche nicht besicherte Stablecoins deshalb für tickende Zeitbombe – einige sehen darin sogar ein Pyramidenspiel.

Der Versuch, eine Zentralbank über Smart Contracts non-zentral simulieren zu wollen, ist eine faszinierende Idee. Wie bahnbrechend diese wirklich sein wird, kann nur die Zeit zeigen. Denn die bisherige Währungsgeschichte vermag nicht ganz so positiv zu stimmen. Das sogenannte Trilemma der Währungspolitik dokumentiert auf eine eindrückliche Art und Weise, dass wann immer eine Zentralbank gleichzeitig freien Kapitalverkehr, eine autonome Geldpolitik und einen festen Wechselkurs angesteuert hat, diese grandios gescheitert ist.

Das wohl aktuellste Beispiel lieferte die Schweizer Nationalbank, als diese am 15. Januar 2015 ihre Anbindung des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro hatte aufgeben müssen. Wenn sogar die Zentralwährungshüter aus der Schweiz in diesem Bemühen scheitern, scheint der Erfolg eines unbesichertes Stablecoin-Projekt noch viel unwahrscheinlicher zu sein. Doch selbst wenn Theorie und Empirie dagegen sprechen, sollten Stablecoins nicht a priori abgeschrieben werden, ist die Krypto-Welt bislang immer wieder für eine Überraschung gut gewesen.

Quellen