Johannes und die Macht der leeren Worte

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Der Fluch des Sündenfalls

Lass mich damit in Ruhe, du weißt, für mich war Johannes unser letztes Kind.

Schon damals wollte ich kein sechstes Kind, aber er ist nun einmal da und ehe er geboren wurde, haben Adelheid und Ullrich ihm ja Platz gemacht.

Du hast keine Ahnung was dies alles für eine Frau bedeutet! Du hast nur das Vergnügen dabei! Ich will nicht mehr!"

Johannes war vier Jahre alt, als er von diesen hastig hervorgestoßenen Worten aufgeweckt wurde.

Er spürte, dass es hier auch um ihn ging.

Aber vor allem weckten diese Worte Fragen in ihm, die er nie stellen würde.

Wollte Mutter nicht, dass er geboren wurde?

Was wollte der Vater von der Mutter und warum hatte dies etwas mit einem Kind zu tun?

Hatte Vater ein Vergnügen mit der Mutter, das ihr aber nur Kummer bereitete?

Mussten seine Geschwister Adelheid und Ullrich an dieser schlimmen Krankheit sterben, damit er Platz hatte?

War er vielleicht mit schuld an ihrem Tod?

Dies war seine früheste Kindheitserinnerung, die prägend wurde für alles, was später geschah.

Erst als Vierzehnjähriger fand er Antworten auf diese Fragen.

Pfarrer Seelinger hatte im Konfirmandenunterricht eine spezielle Unterrichtsstunde für die Jungen veranstaltet.

Er erklärte ihnen, wie sehr wir Menschen unter dem Fluch des Sündenfalls stehen.

Für die Männer bedeute dies, dass die Versuchung, den Sünden des Fleisches zu verfallen, ständig da sei.

Er erklärte, dass diese Versuchungen standhaft bekämpft werden müssten mit der Hilfe unseres Herrn Jesu Christi, der uns die Keuschheit vorgelebt habe.

„Betet zu ihm, sobald ihr das körperliche Begehren spürt und es wird euch gelingen, dies im Glauben zu bewältigen.

Auch körperliche Ertüchtigung kann sehr hilfreich sein. Aber vor allem das Gebet."

Nun Johannes wusste nur zu gut, wovon Pfarrer Seelinger sprach. Wie sehr musste besonders er vom Sündenfall geprägt sein, denn die Gedanken an die Sünden des Fleisches verfolgten ihn beinahe Tag und Nacht.

Leider änderten regelmäßige Gebete und viel Sport ganz und gar nichts an diesen sündhaften Qualen.

„Nur im geschützten Raum der Ehe dürft ihr, ohne sündig zu werden, den Akt der Begattung ausüben, damit Gott euch Kinder schenke."

Eine Frage blieb für Johannes allerdings noch offen.

Warum schienen die Mädchen von dem Fluch dieser Versuchungen verschont zu sein?

Später sollte er verstehen, dass die Frauen unter einem anderen Fluch leiden mussten.

Das Geschenk der Kinder war mit viel Leiden verbunden und da, wo der Mann seine Lust gelebt hatte, entstand für die Frau eine lange Zeit des Martyriums.

Um ihr dies nicht allzu oft zuzumuten, musste der Mann also auch in der Ehe seine fleischliche Lust mit Hilfe des Glaubens zähmen.

Weiterhin quälten Johannes viele heikle Fragen.

War die Krankheit des Vaters, die sich nun schon zwei Jahre hinzog, eine Strafe für seine Unkeuschheit?

War es wirklich so, dass Lilly, das Hausmädchen, gehen musste, weil Großmutter unseren Vater bei unkeuschen Handlungen mit ihr erwischt hatte?

Dies hatte mir Greta unter dem Siegel der unbedingten Verschwiegenheit anvertraut.

Allerdings hatte sie ein Gespräch zwischen Vater und Mutter belauscht, aus dem hervorging, dass Vater bereit war, sich das, was ihm unsere Mutter im Bett verweigerte bei Lilly holen wollte.

Es war undenkbar, dies irgendeiner Person gegenüber auszusprechen. Zwar ermutigte Pfarrer Seelinger die zukünftigen Konfirmanden immer wieder, alles was sie bedrücke, ihn zu fragen, damit sie am Tag der Konfirmation befreit und gereinigt vor den Herrn treten könnten.

Johannes aber wollte nicht, dass jemand in die intime Struktur der Familie Gabriel eindrang und so verschloss er alles in seinem Inneren.

Eines wurde immer klarer für ihn.

Die unseligen Versuchungen des Fleisches waren ein entsetzlicher Fluch des Sündenfalls und nur durch den Dienst an unserem Herrn Jesus konnte er hoffen, davon befreit zu werden.

Gab es Menschen, die härter durch den Sündenfall belastet waren?

Es musste wohl so sein. Und wenn es so war, dann gehörte er zu diesen unglückseligen Kreaturen, denn das, was Pfarrer Seelinger das männliche Glied nannte, war bei ihm fast ständig steif und groß. Und er hatte doch gelernt, dass dies nur so sein dürfe, wenn er in der ehelichen Gemeinschaft mit seiner ihm von Gott angetrauten Frau, ein Kind zeugen wolle.

Warum wirkten denn die Gebete nicht, wo Jesus doch alle Menschen vom Fluch des Sündenfalls erlöst hatte?

Fragen über Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Aber dann kam der Tag, an dem Johannes lernte, seine Fragen selbst zu beantworten.

Frau Hoffmann, die Nachbarin, holte ihn aus der Schule und erklärte, dass er nun der Mann in der Familie sein müsse, da sein Vater gestorben sei.

Mutter. Greta, Marlene und Dora empfingen ihn, schwarz gekleidet, mit steinernen Mienen und führten ihn ins Schlafzimmer.

Hier lag Vater, unbeweglich, mit gefalteten Händen, steif und abgemagert. Er sah nicht mehr aus wie einer, der den Sünden des Fleisches verfallen ist. Vielleicht wirkte die Erlösung durch unseren Herrn Jesus erst nach dem Tod?

Johannes entdeckt die Macht der leeren Worte

In den folgenden Tagen hatte Johannes Mühe, die Realität des Geschehens zu erfassen.

Er fühlte sich wie ein Beobachter, der außerhalb steht ohne jeden Bezug zu allem, was um ihn herum ablief.

Eines spürte er aber sehr genau. Ihm kam im familiären Drama eine Sonderrolle zu.

Pfarrer Seelinger war häufig im Haus und schloss sich dann mit Mutter im Wohnzimmer ein.

Greta, die nur zwei Jahre älter war als Johannes, erklärte ihm, dass sie nun, nach Vaters Tod kein Geld mehr hätten.

Nach dem unseligen Krieg ist sowieso alles schwierig.

„Es bleibt uns nur noch das Haus und wir drei Schwestern müssen sofort etwas finden um Geld zu verdienen. Sogar Dora, die von Vater die künstlerische Begabung geerbt hat, muss die Kunsthochschule verlassen und eine Bürostelle annehmen. Marlene, die ja nie besonders gerne gelernt hat, macht es nicht viel aus, aber für mich und Dora ist es schrecklich, wir möchten so gerne weiter lernen und haben überhaupt keine Lust, in einem Büro zu arbeiten.

Natürlich darfst du weiter ins Gymnasium gehen, denn du bist ja ein Junge."

Ständig war das Haus voller Besuche, die alle irgendetwas Gutes über den Vater erzählten.

Johannes aber hatte herausgefunden, dass er von seinem Versteck im Gartenhäuschen die Gespräche der erleichtert abziehenden Dorfbewohner belauschen konnte ohne gesehen zu werden.

Er erfuhr dabei so einiges.

Offensichtlich war Vater im Dorf nicht sehr beliebt gewesen.

Viele sahen in seiner Schwindsucht und dem frühen Tod die Strafe für ein sündhaftes Leben und äußerten sich voll Mitgefühl für die Hinterbliebenen für die der leichtsinnige Künstler so wenig vorgesorgt habe.

Immer mehr wuchs in Johannes die Überzeugung, dass er dazu ausersehen war, die sündhafte Befleckung der Familie wieder reinzuwaschen.

Dieser Gedanke beherrschte sein ganzes Wesen während der Beerdigungsfeier so dass er um sich herum nichts wahrnehmen konnte.

Würde er fähig sein, diese schwere Bürde zu tragen?

Und wie sollte er, der ja offensichtlich das verhängnisvolle Erbe des sündhaften Vaters in sich trug, diesen göttlichen Auftrag erfüllen?

Der Wunsch, die fleischliche Lust zu erleben, war sein ständiger Begleiter.

Ein sanfter Druck von Mutters Hand auf seinem Arm ließ ihn aufschrecken.

„Johannes, du bist nun der Mann in der Familie, sag ein Wort zu den Trauergästen!"

Erst da wurde er gewahr, dass sie im Gasthaus zum Lamm um einen riesigen Tisch versammelt waren bei Kaffee und Hefekranz. Alle Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet. Und da wusste er, er musste sprechen.

„Wir alle stehen heute unter dem Kreuz und spüren die unsäglichen Schmerzen und Qualen, die unser Herr Jesus Christus für uns alle gelitten hat.

Demütig und beschämt weinen wir, denn wir wissen wohl, wie unwürdig wir sind und wie wenig wir dieses Opfer unseres Heilands verdient haben.

Liebe Mutter, liebe Schwestern, wir leiden heute, weil wir unseren Vater verloren haben. Dieses Leiden aber führt uns dahin, immer mehr unserem Herrn nachzufolgen.

Deshalb wollen wir unser Kreuz willig annehmen, denn es führt uns zum Herrn.

Liebe Greta, Marlene und Dora, seid deshalb nicht mehr traurig, dass ihr die Schule verlassen musstet, um nun im Büro Geld zu verdienen für unser tägliches Brot. Freut euch, denn ihr seid ausersehen, den Leidensweg Christi mitgehen zu dürfen.

Schon jetzt sehe ich um euch ein heiliges Leuchten.

Ich aber habe heute den Ruf verspürt, mein Leben dem Dienst an der Verkündigung zu weihen.

Lieber Pfarrer Seelinger, bitte sprechen sie für uns und unseren erlösten Vater ein Dankgebet. Dank, dass wir zum Leiden auserwählt wurden."

Noch nie hatte jemand Johannes mit dieser ganz neuen tief klingenden Stimme reden hören.

Er selbst war überrascht, wie diese Worte ganz von selbst aus ihm herausgeflossen waren. Es war, als ob ein anderer aus ihm spreche.

Seinen Worten folgte ein minutenlanges Schweigen. Alle saßen mit gesenkten Augen und wagten nicht, den Blick zu heben. Die Mutter und die Schwestern blickten starr auf die Kaffeetasse vor ihnen und Tränen rannen über ihre unbewegten Gesichter.

„Der heilige Geist ist über ihn gekommen!" flüsterte die alte Lina. Sie war die Ärmste im Dorf und kaum jemand kümmerte sich um sie.

Aber nun griffen alle dieses Wort auf und raunten andächtig: „Der heilige Geist ist über ihn gekommen!"

Pfarrer Seelinger aber erhob die Hände und legte sie auf Johannes Kopf: „Der heilige Geist bleibe allzeit mit dir, er ist heute über dich gekommen."

Dann sprach er sein Dankgebet.

Danach war vieles anders .

Die Menschen begegneten Johannes in einer neuen Art.

Zunächst fiel es ihm bei Greta auf. Bisher mäkelte sie ständig an ihm herum, weil er in der häuslichen Gemeinschaft keinerlei Pflichten übernahm und immer vorgab, für die Schule arbeiten zu müssen.

Wie groß war daher seine Überraschung als ihn Greta am nächsten Morgen nach der Beerdigung mit einem liebevoll vorbereiteten Frühstückstablett weckte, noch bevor sie selbst zu ihrer ungeliebten Büroarbeit aufbrechen musste.

Mutter und die Schwestern sahen nun ganz anders aus. Sie trugen selbstgenähte, schwarze, unförmige Kleider und wirkten immer freudlos und erschöpft.

Früher waren sie stets nach der allerneuesten Mode gekleidet, darauf legte Vater großen Wert. Er selbst war es ja, der die Modelle meist entworfen hatte. Als er noch gesund war, verdiente er damit sehr viel Geld.

Johannes tröstete die Frauen: „Wie gut es doch ist für euch, nicht mehr von all diesem eitlen Tand abgelenkt zu werden. All diese weltlichen Dinge hätten euch mehr und mehr vom reinen Glauben abgebracht. Auch die sündigen Begierden der Männer finden nun keine Nahrung mehr. Alles hat unser Herr zu unserem Heil so gelenkt."

Solche Reden schienen zwar nicht dazu beizutragen, eine neue Lebensfreude bei den Frauen hervorzurufen, aber dennoch wurde Johannes von ihnen verwöhnt und mit großer Ehrerbietung behandelt. Sehr schnell gewöhnte er sich daran und nahm es als etwas Selbstverständliches an.

Eine andere Begebenheit zeigte ihm, dass für ihn eine ganz neue Lebensphase begonnen hatte.

Dorothea, die Tochter von Pfarrer Seelinger, war für Johannes schon seit einiger Zeit ein großes Problem. Sie war in seinem Alter und besuchte das Mädchengymnasium.

Er begegnete ihr zweimal in der Woche, denn sie kam immer nach Hause, wenn der Konfirmandenunterricht zu Ende war. Johannes war jedes Mal in Versuchung, sie in ein Gespräch zu verwickeln, denn sie war für ihn die perfekteste Versuchung des

Fleisches, die er sich vorstellen konnte. Er wagte es aber nie, denn die Wirkung, die ihr Körper auf ihn hatte, war verheerend.

Bei der nächsten Begegnung aber stellte Johannes eine erstaunliche Wandlung bei sich selbst fest.

An diesem Tag war es Dorothea, die ihn ansprach, um ihr Beileid auszudrücken.

„Die zum Leiden Auserwählten sind vom Herrn geliebt. Ich trage deshalb mein Kreuz mit Freude und Dankbarkeit."

Während er sprach, ging eine Veränderung in ihm vor. Mit einem Schlag war die quälende Versuchung des Fleisches verschwunden und er spürte gleichzeitig, dass er, während er sprach, von Dorothea ganz und gar Besitz ergriffen hatte. Dies erzeugte in ihm ein bisher noch nie empfundenes Lustgefühl.

Schnell verabschiedete er sich, denn dieses so neue Phänomen machte ihm zunächst Angst und er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

Er spürte aber, dass Dorothea gerne noch weiter mit ihm gesprochen hätte.

In den nächsten Tagen stellte er immer wieder fest, dass sich in seinem Verhältnis zu Frauen etwas Grundsätzliches verändert hatte. Allerdings konnte er die Zusammenhänge noch nicht verstehen.

Ausnahmsweise war es an einem der nächsten Tage Johannes, der zur Metzgerei geschickt wurde, um etwas Wurst zum bescheidenen Abendbrot zu besorgen. Frau Üppig, die Gattin des Metzgers bediente ihn persönlich und Johannes sah mit Schrecken, dass sie, wie immer, die letzten Knöpfe ihres Arbeitskittels geöffnet hatte, so dass ihr schwellender Busen fast zur Hälfte zu sehen war.

„Unser Tisch zu Hause ist nicht mehr reich gedeckt wie früher, aber wir wissen, dass unser Herr Jesus auch die mageren Gaben reich gesegnet hat und so auch in schweren Zeiten für uns sorgt"

Wie von selbst waren die Worte aus seinem Munde gekommen und wieder spürte er, dass die körperliche Erregung diesem ganz neuen Lustgefühl Platz machte, das er vor einigen Tagen im Gespräch mit Dorothea verspürt hatte. Auch Frau Üppig schien ihm auf rätselhafte Art ergeben zu sein.

Das männliche Geschlecht reagierte ganz anders, wenn Johannes mit der „Zunge des Heiligen Geistes" redete, so benannte inzwischen die Mutter seine neu entdeckte Redebegabung.

Seine Schulkameraden schauten ihn meist mit großem Unbehagen an, wenn er „so" sprach. Sie antworteten nichts darauf und versuchten sich so rasch wie möglich von ihm zu entfernen.

Schon bisher hatte Johannes keine engeren Freunde unter den Gleichaltrigen gehabt. Er war es gewohnt, viel allein zu sein. Auch spürte er, dass seine Kameraden nichts verstanden hätten, wenn er mit ihnen von dem gesprochen hätte, was ihn Tag und Nacht beschäftigte.

Nun mieden sie ihn so weit wie möglich.

Aber dies wurde ausgeglichen durch das große Interesse, das ihm die Frauen plötzlich entgegenbrachten.

Befreiend dabei war, dass er nun keine Angst mehr haben musste vor der unkontrollierbaren Begierde des Fleisches. Sobald der Heilige Geist seine Zunge bewegte, war diese verschwunden und machte einem berauschenden Gefühl Platz, einem Gefühl von Macht und Besitz.

Anfechtungen

Günter Klewer bekam sofort nach seinem Biologiestudium eine erste Anstellung am Melanchthongymnasium in Stuttgart

Es war dies eine Jungenschule, die stark vom württembergischen Pietismus geprägt war.

Günter war weit entfernt vom Geist dieser Art der Frömmigkeit. In seiner Unerfahrenheit dachte er, dass dies kein Problem sein würde, da er ja Biologie und nicht Religion zu unterrichten hatte.

Allerdings stellte er schon am ersten Tag fest, dass in dieser Bildungsanstalt absolute Anpassung an den äußeren Stil des Hauses gefordert wurde. Wie sehr sich diese Anpassung auch auf geistige Bereiche ausbreiten sollte, erfuhr er erst nach einiger Zeit.

Günter gehörte zu einer Gruppe junger Menschen, die sich dem Geist der Jugendbewegung verbunden fühlten. Diese Jugendlichen genossen es, von vielen Zwängen befreit zu sein. Unter anderem hatten sie die einengenden steifen Kragen abgelegt, trugen offene Hemden und Kniggerbockerhosen. Für die Mädchen bedeutete die neue Freiheit, dass sie lockere bequeme Kleider tragen konnten ohne Korsett, im Sommer mit kurzen oder gar keinen Ärmeln und oft sogar ohne Strümpfe, was einer kleinen Revolution gleichkam.

Am Melanchthongymnasium aber hatte eine Lehrkraft in der traditionellen Kleidung zu erscheinen. Das hieß dunkler Anzug mit steifem Kragen und Krawatte für die Herren und dunkle, eingeschnürte Kleidung, die alles bedeckte, für die Lehrerinnen.

Günter spürte, dass diese Forderung seinem Schwung und Idealismus, mit dem er diese Berufslaufbahn beginnen wollte, einen harten Schlag versetzte.

Es war undenkbar, sich diesen Anweisungen als Anfänger entgegenzusetzen und so tröstete er sich damit, dass er diese Verkleidung nur als Äußerlichkeit betrachten wollte. Seine innere Freiheit würde ihm niemand nehmen können.

Der Schüler Johannes Gabriel war Günter sofort aufgefallen.

Nicht nur durch seine Trauerkleidung stach er ab von der Masse der übrigen Schüler.

Nein, es war dieser Gesichtsausdruck.

Günter las darin ein Gemisch von komplexen und widersprüchlichen Gefühlen.

Eine gespielte Selbstsicherheit, die geradezu arrogant wirken konnte, hinter der sich aber die große Not des Suchenden verbarg. Johannes schien wie durch eine unsichtbare Mauer von seinen Mitschülern getrennt.

Er war ein aufmerksamer und fleißiger Schüler mit einer raschen Auffassungsgabe.

Wie überrascht aber war Günter Klewer, als Johannes eines Tages völlig überraschend das Wort ergriff und dies in einer Art, wie es dieser junge Lehrer nie vermutet hätte.

An jenem Tag hatte Günter der Klasse die Evolutionslehre von Darwin erklärt.

Plötzlich stand Johannes auf, ohne sich vorher gemeldet zu haben, und ergriff das Wort:

„Ich kann und darf es nicht dulden, dass hier das Schöpfungswerk unseres ewigen Gottes geleugnet wird.

Wir lesen in der Heiligen Schrift, dass unsere Welt, und als Krönung, wir Menschen in sechs Tagen erschaffen wurden .

Dieser Darwin muss vom Teufel besessen sein, wenn er dies mit seinen Theorien leugnen will.

Natürlich hat der Versucher schon immer kluge Methoden angewandt, um uns Menschen in seinen Bann zu ziehen.

Aber die Wahrheit steht in der Heiligen Schrift!"

Johannes sprach diese Worte mit fester, ruhiger Stimme.

Vollkommen ruhig holte er darauf eine kleine Bibel, die er immer mit sich führte, aus seiner Schultasche, schritt unter den erstaunten Blicken der Mitschüler zum Pult des Lehrers und legte das kleine schwarze Buch in Günter Klewers Hand.

„Ich möchte nach dem Unterricht mit dir darüber sprechen," war Günters ruhige Antwort in der gespannten Stille des Klassenraums.

Günter schlug Johannes vor, ihn am Nachmittag in seiner kleinen Wohnung am Stadtrand zu besuchen, um dieses wichtige Gespräch nicht in der unpersönlichen schulischen Atmosphäre führen zu müssen.

Johannes war einverstanden, denn es reizte ihn, die private Umgebung des Lehrers kennen zu lernen.

Natürlich hätte keiner der anderen Lehrer oder Lehrerinnen so etwas vorgeschlagen, Schule und Privatleben waren streng getrennte Welten.

Johannes war nun sechzehn Jahre alt. Zuhause lebte er in einer Welt, die von Frauen geprägt war und in dem kleinen Dorf auf der Filderebene gab es außer Pfarrer Seelinger keinen männlichen Erwachsenen, der ihm als Vorbild und Leitfigur hätte dienen können.

Herr Klewer hatte ihn sofort fasziniert. Er spürte, dass dieser junge Lehrer in einer ganz anderen Welt lebte. Einer Welt der inneren Freiheit, deren unbekümmerte Fröhlichkeit er ausstrahlte. Dies übte eine sehr starke Anziehung auf ihn aus.

Gleichzeitig aber musste er dies ablehnen, denn ein Akzeptieren hätte sein religiöses Korsett, das er sich in den letzten Jahren systematisch aufgebaut hatte, zum Wanken gebracht.

Und so kämpften in seinem Inneren zwei entgegengesetzte Mächte miteinander.

Der Schritt allerdings, den er mit einem Besuch in der Privatwohnung von Günter Klewer tat, war gefährlich. Er brachte ihn in unmittelbare Nähe zu diesen faszinierenden Mächten, die Johannes bisher so verbissen bekämpft hatte.

Eine neue, ihm bislang völlig unbekannte Welt, tat sich für ihn auf.

Günter Klewer bewohnte eine kleine Dachwohnung und er führte Johannes an diesem Sommernachmittag auf die kleine Dachterrasse, die mit vielen bunten Topfpflanzen geschmückt war.

Von einer mit buntem Stoff bezogenen Liege erhob sich eine junge Frau.

Johannes fühlte sich wie gelähmt bei ihrem Anblick. Jedes Denken war ausgeschaltet und er konnte nur sehen, riechen und seine Gefühle wahrnehmen.

Sie trug ihr glänzend glattes, schwarzes Haar in einem kurzen Pagenschnitt. Ein seltsam

bittersüßer Duft ging von ihr aus. Ihre Körperformen waren unter einem leuchtend roten, lose fallenden, langen Gewand zu erahnen. Offensichtlich war sie darunter völlig nackt. Ihr Gesicht war beherrscht vom Strahlen ihrer riesigen dunkelblauen Augen und einem großen, sinnlichen Mund, der in der Farbe des Kleides tiefrot geschminkt war.

Solche Frauen hatte Johannes bisher nur auf Abbildungen gesehen. Sie gehörten für ihn zum Bereich des Teuflischen.

Unbekümmert streckte sie ihm ihre Hand entgegen, deren Fingernägel ebenfalls blutrot lackiert waren, während Günter Klewer sie als seine Freundin Marina vorstellte.

„Ich ziehe mich zurück, denn ihr habt offensichtlich wichtige Dinge zu bereden.

Danach können wir ja gemeinsam eine Tasse Tee trinken. Ich bringe euch aber jetzt schon etwas davon, denn das hilft bei schwierigen Gesprächen, das weiß ich aus Erfahrung."

Ihre freie, lockere Art zu sprechen half Johannes dabei, aus seiner Gelähmtheit aufzutauchen, er brachte allerdings zunächst kein Wort heraus.

Verzweifelt versuchte er, das anzuwenden, was sich in den letzten Jahren Frauen gegenüber immer bewährt hatte und zwar das, was er bei sich die Worte des Heiligen Geistes nannte. Er spürte dann dieses berauschende Machtgefühl über die Frau, das sein so störendes, körperliches Begehren auslöschte.

Hier aber war es unmöglich, diese Worte zu finden. Instinktiv wusste er, dass sie hier auch nicht, die gewünschte Wirkung hervorgebracht hätten.

Und so blieb nur diese Qual.

Eine doppelte, denn zur körperlichen kam auch noch die seelische. Er fühlte sich erneut als rettungslos verlorenen Sünder, der unauslöschliche Erbe des leichtlebigen Vaters in sich trug.

In dieser verletzlichen seelischen Verfassung begann nun das Gespräch mit dem Lehrer.

Günter Klewer sprach von der Wahrheit der biblischen Texte, die sich in Bildern und Mythen ausdrückt. Vom Irrtum, diese Texte wörtlich zu nehmen, sondern von der Notwendigkeit, letztere einzureihen in die Vielzahl der Schöpfungsmythen, die die verschiedenen Kulturen hervorgebracht hatten.

Mit der Darwin’schen Lehre sei die biblische Wahrheit daher in keiner Weise aufgehoben, sondern nur in neuer, zeitgemäßer Weise interpretiert.

Diese Sichtweise war für Johannes ganz und gar neu. Er war unfähig, seine eingeübten Formeln als Gegenargumente vorzubringen. Plötzlich spürte er unbewusst, wie leer und hohl sie waren.

Deshalb konnte er nur erwidern: „Ich kann heute nicht darüber sprechen. Ich hoffe, dass mir der Herr im Gebet Klarheit schenkt."

Nur mit Mühe brachte er dies hervor. Alles war ins Wanken geraten und er bewegte sich auf sehr unsicherem Boden.

War es nun ein Glück oder ein Verhängnis, dass Marina in diesem gespannten Augenblick strahlend und lächelnd erschien mit einem Tablett auf dem appetitlich zurechtgemachte Häppchen und süßes Gebäck auf hübschen Platten angerichtet waren.

Hin –und hergerissen zwischen Glück und Qual spürte Johannes sich mit übermächtiger Gewalt zu dieser Frau hingezogen mit allen Fasern seines Wesens.

Natürlich war es im Vordergrund die körperliche Anziehungskraft, die ihn überwältigte, aber ihre Person bedeutete unendlich mehr für ihn.

Zur Versuchung des Fleisches kam die Versuchung der Befreiung von allen Zwängen, die ihn wie ein Panzer umgaben.

Marina war schön und strahlte eine solch wohltuende natürliche Wärme aus, wie sie Johannes bisher noch nie kennen gelernt hatte. In panischer Angst spürte er, wie unter diesem Einfluss, sein Schutzpanzer aufzubrechen drohte.

„Ich habe das Gefühl, dass ihr eine kleine Stärkung gebrauchen könnt," meinte sie lachend und setzte sich unbekümmert neben Johannes auf die Liege.

„Ja, ich glaube wir wenden uns nun diesen köstlichen Leckereien zu, um Körper und Geist wieder in Einklang zu bringen. Greif zu Johannes, du bist doch sicher hungrig.," stimmte Günter zu und löste damit die Spannung, die durch das vorhergehende Gespräch entstanden war.

Plötzlich spürte Johannes einen so gewaltigen Hunger nach dieser so neuartigen körperlichen, geistigen und sinnlichen Nahrung, dass er zunächst alles aufgab und mit gesundem Appetit das Angebotene genoss.

Marina plauderte über ihre Arbeit an der Kunsthochschule, wo sie Aquarellmalerei unterrichtete.

Wie von selbst ergab sich ein Gespräch, in dem Johannes von seinem Vater sprach, der als junger Mann auch diese Schule besucht und später als Modezeichner bei Bleyle gearbeitet hatte. Auch von seiner Schwester Dora erzählte er, die so plötzlich von ihrem Kunststudium weggerissen worden war.

Marina interessierte sich sehr und verstand es, Johannes zum Sprechen zu bringen, so wie er noch nie zu einem Menschen von seiner Familie gesprochen hatte. Diese erschien ihm plötzlich in einem ganz neuen Licht. Bisher hatte er nie darüber nachgedacht, was seinem Vater die künstlerische Arbeit bedeutet hatte und wie schmerzlich es für Dora war, eine Ausbildung abbrechen zu müssen, die sie so tief befriedigt hatte.

Das Gespräch ließ eine menschliche Nähe entstehen, wie Johannes sie bisher noch nie erlebt hatte.

Günter hörte lächelnd zu, ohne sich einzumischen. Er verstand, dass hier etwas Entscheidendes vor sich ging.

Als Marina aufstand, um das leere Tablett fortzubringen, blickte Johannes auf seine Uhr, wie einer, der aus einer Trance erwacht. Erschrocken stellte er fest, dass er sich beeilen musste, um noch die letzte Straßenbahn zu bekommen. Er hatte an diesem Nachmittag jede Orientierung verloren. Wie ein Schlafwandler nahm er Abschied mit dem Gefühl, fortan im leeren Raum zu leben.

Der „Irrweg"

An diesem Abend gelang es ihm nicht, sich wie sonst auf sein freies Gebet zu konzentrieren.

An Stelle des Heiligen Geistes war er nur erfüllt von Marina. Ihr Bild stand vor ihm und er brannte danach, sie wieder zu sehen.

Natürlich wusste er, dass nun die Stunde der Versuchungen geschlagen hatte und dass sich der Teufel in so mancherlei Gestalt zeigen konnte. Wieder und wieder hatte Pfarrer Selinger davon gesprochen.

Gleichzeitig aber beschlichen ihn mehr und mehr Zweifel.

Konnte es denn wirklich Teufelswerk sein, sich zum ersten Mal so frei und wohl zu fühlen?

War das, was Herr Klewer über die Symbolkraft der biblischen Texte gesagt hatte, nicht vielleicht richtig?

All dies bewegte er in sich in den darauffolgenden Wochen.

Er sah alles mit neuen Augen und entdeckte, dass es neben dem freudlosen Geist seines vaterlosen Elternhauses eine andere Welt gab. Eine Welt, in der fröhlich gelacht wurde, in der alle Sinne angesprochen wurden.

Er ertrug es nicht mehr, wenn seine Mutter davon sprach, dass die ganze Familie sich unter das Kreuz stellen müsse. Er wollte jetzt kein Kreuz, er wollte leben, wollte Schönheit genießen, frei sein.

Aber bedeutete dies nicht, in Sünde leben? Stand sein Leben dann nicht unter einem Fluch?

Im Deutschunterricht wurde in diesen Wochen Goethes „Faust" behandelt. Für Johannes war hier aber nur ein Satz wesentlich: „Das ewig Weibliche zieht uns hinan…"

Günter Klewer erahnte, was in Johannes vorging. Er war nicht mehr auf das Gespräch über den Darwinismus zurück gekommen.

Dagegen suchte er einen Weg, um Johannes mit einer Gruppe der Jugendbewegung zusammen zu bringen. Er bat Jakob, einen Jungen aus der Klasse, Johannes einzuladen, bei seiner Gruppe mitzumachen. Mit Jakob hatte Johannes in den letzten Wochen gelegentlich gesprochen. Es war zum ersten Mal, dass er aus seiner Isolierung heraustrat.

Jakob stammte aus einer jüdischen Familie, sein Vater war Architekt und seine Mutter, eine sehr schöne elegante Frau, führte ein offenes Haus, in dem viele Künstler aus –und eingingen.

Johannes hatte davon erfahren und diese, ihm unbekannte Welt, faszinierte ihn.

Gerne ging er auf Jakobs Vorschlag ein, an einem Wochenende, das die Gruppe auf der Schwäbischen Alb veranstalten wollte, teilzunehmen. Es sollte in Zelten übernachtet werden. Johannes müsse nur einen Schlafsack mitbringen und einen kleinen Unkostenbeitrag bezahlen. Sie wollten gemeinsam mit dem Fahrrad dorthin fahren.

Johannes hatte sofort Lust, mitzukommen. Allerdings gab es zu Hause einige Widerstände zu überwinden.

„Du weißt doch, dass wir am Samstag die Johannisbeeren pflücken wollen und wir brauchen deine Hilfe dabei. Außerdem kann ich dir kein Geld für diesen Ausflug geben, denn wir müssen jeden Pfennig umdrehen, deine Schwestern können auch keinen Vergnügungen nachgehen. Du bist in den letzten Wochen so anders geworden und manchmal bekomme ich Angst, dass du nicht mehr so wie bisher im Geist des Herrn lebst. Unsere Familie trägt sein Kreuz und wir haben deshalb eine ganz besondere Aufgabe zu erfüllen. Deine Schwestern und ich kennen nur Arbeit und Pflichterfüllung und das fordert der Herr auch von dir."

Mutters Redeweise traf Johannes nicht wie früher mitten ins Herz, sie machte ihn im Gegenteil ungeduldig und ärgerlich. Zu stark war sein Bedürfnis, auszubrechen.

„Ich werde mein Pensum Johannisbeeren am Sonntagabend pflücken, wenn ich wieder zurück bin. Was die Geldfrage angeht, so habe ich ja noch etwas in meinem Sparkässchen von der Konfirmation, Onkel Eugen sagte ausdrücklich, dass ich mir mit seinem Geschenk einen besonderen Wunsch erfüllen solle."

Aber die Mutter war nicht so leicht zu überzeugen. Sie spürte, dass der Sohn dabei war, ihr zu entgleiten. Sie versuchte daher weiter, auf sein Gewissen Druck auszuüben.

„Wenn dies ein Ausflug mit einer christlichen Jugendgruppe wäre, dann wäre ich sicher, dass der Segen darauf liegt. Aber so weiß ich ja gar nicht, ob du deine von Gott geschenkte Zeit für so etwas verwenden darfst und mit welchen Menschen du da zusammenkommst. Es ist mir einfach nicht wohl dabei. Aber frage eben Onkel Eugen, deinen Vormund, ob er es erlaubt. Er soll es entscheiden."

Onkel Eugen war ein enger Freund des verstorbenen Vaters gewesen. Sie hatten sich schon in der Schulzeit kennen gelernt. Er fühlte sich nicht dem Pietismus verbunden und lebte viel freier. Von Beruf war er Geschäftsführer eines großen Bekleidungshauses in Stuttgart. Kurz vor seinem Tod hatte Herr Gabriel ihn gebeten, für Johannes das Amt des Vormunds zu übernehmen. Frau Gabriel akzeptierte dies mit gemischten Gefühlen, denn Eugen Liebermann verkörperte für sie alles, was sie an ihrem verstorbenen Mann abgelehnt hatte. Die beiden Männer waren aktiv in der Wandervogelbewegung engagiert gewesen, eine Bewegung, die Frau Gabriel völlig wesensfremd war, sie machte ihr Angst.

So war es natürlich gar kein Problem für Johannes, von Onkel Eugen die Erlaubnis zu erhalten, am Wochendausflug des Deutschen Pfadfinderbundes teilzunehmen. Im Gegenteil, der Onkel ermutigte Johannes dazu, diese Kontakte zu pflegen, da er mit einiger Sorge beobachtet hatte, wie sehr sich der Siebzehnjährige zum frömmlerischen Einzelgänger entwickelte.

„ Du wirst dort ganz neue Freundschaften schließen und diese Lebensform wird ein gesunder Ausgleich zum Gymnasium sein. Wanderungen, übernachten unter freiem Himmel, singen und tanzen. Auf meine Unterstützung kannst du zählen," meinte der Onkel abschließend und drückte ihm noch einen Geldschein in die Hand.

Dora hatte ihm heimlich zugeflüstert, dass auf dem Speicher die ganze Wandervogelausrüstung vom Vater lag. Und so waren keine Anschaffungen nötig. Alles war zwar etwas abgenützt und altmodisch, aber es würde schon gehen.

So stand also nichts mehr im Wege und Johannes war sehr gespannt auf diese neue Welt.

Treffpunkt war der Stuttgarter Hauptbahnhof. Mit der Bahn sollte es nach Kirchheim unter der Teck gehen und von dort zu Fuß weiter auf die Teck.

Jakob war schon da als Johannes eintraf und er machte ihn mit den übrigen zwölf Teilnehmern bekannt. Einige der Jungen waren wesentlich älter, alle aber begrüßten Johannes sehr herzlich und er fühlte sich sofort wohl in dieser Gemeinschaft.

Dieses Wochenende war die zweite Etappe im Prozess der Loslösung von der engen Welt in der Johannes bisher gelebt hatte.

Immer schwächer wurden die Zweifel, ob diese Menschen, die er hier kennen lernte, nicht mit Satan im Bunde standen.

Seine Mutter und Pfarrer Selinger wären ganz sicher dieser Meinung gewesen, wenn sie die Gespräche mitangehört hätten.

Mit äußerstem Erstaunen hörte Johannes nämlich, wie die älteren Jungen von ihren Erfahrungen mit Frauen erzählten.

Solche Gespräche waren natürlich erst möglich, als sie abends im Zelt in ihren Schlafsäcken lagen, wohlig müde und trunken vom Lagerfeuer, von den vielen gemeinsam gesungenen Volksliedern, vom Tanzen ums Feuer.

Vor allem die Erzählung eines älteren Jungen, Karl, ließ Johannes aufhorchen.

„Ich kann euch nur sagen, nie hätte ich gedacht, dass man mit einer Frau etwas so umwerfend Schönes erleben kann. Kürzlich kam Mara, eine Freundin meiner Mutter nachmittags vorbei, um ihr etwas zu bringen. Sie wusste nicht, dass Mutter einige Tage verreist war. Trotzdem setzte sie sich gemütlich zu mir aufs Sofa und bat um ein Glas Wein. Ich musste extra eine Flasche aus dem Keller holen, aber sie sah mich so seltsam an; ich konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen.

Als ich zurückkam, ihr werdet es nicht glauben, aber es war so, lag Mara splitternackt auf dem Sofa und streckte mir die Arme entgegen. Ich vergaß bei diesem Anblick alles um mich herum und wollte nur noch eines, sofort in sie eindringen.

Sanft zeigte mir Mara, was sich eine Frau wünscht, bevor der Mann an seine eigene Befriedigung denken darf. Ich hatte ja keine Ahnung, was dabei alles möglich ist. Sie nannte das „Vorspiel" und wir dehnten dies sehr sehr lange aus. Mara wurde immer fordernder und erregter. Obwohl ich Mühe hatte, mich so lange zurückzuhalten, fand ich es schön, zu beobachten, wie viel Lust ich Mara bereiten konnte. Bis sie mich endlich in sich spüren wollte. Aber auch dann bat sie mich, immer wieder anzuhalten, um den Genuss zu steigern und zu verlängern. Ihr könnt euch sicher überhaupt nicht vorstellen, wie es dann war, als wir endlich gemeinsam den Höhepunkt erlebten. Wir waren wie in Trance, wie in einem Rausch und sanken danach erschöpft zu Boden, eng aneinander geschmiegt.

Mara war unersättlich und wir liebten uns an diesem Nachmittag noch mehrere Male.

Nun weiß ich, dass körperliche Liebe für beide schön sein kann, bisher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Immer hatte ich das Gefühl, dass die Mädchen viel weniger Spaß und Genuss bei der Sache hatten als ich, obwohl sie es natürlich nicht zugegeben haben. Außerdem war es auch für mich nie so besonders schön, denn ich zog mich immer rechtzeitig zurück, um dem Mädchen kein Kind zu machen. Das war bei Mara nicht notwendig, denn sie versicherte mir, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne."

Diese nächtliche Erzählung versetzte Johannes in äußerste Erregung und zum ersten Mal wagte er, das Verbot zu übertreten. Er schenkte sich selbst die körperliche Befriedigung und sah dabei Marina vor sich, die sich so verhielt, wie Mara in Karls Bericht. Ein herrliches Wohlgefühl erfüllte ihn danach und er schlief sofort ein.

Nach diesem Wochenende war Johannes ganz und gar von seinen erotischen Fantasien und Wünschen beherrscht. Er konnte am Tag und auch häufig in der Nacht an nichts anderes mehr denken. Die Arbeit in der Schule litt sehr darunter und es ging mit seinen Leistungen rapide abwärts. Immer wieder erinnerte die Mutter ihn daran, dass die ganze Familie große Opfer bringe, um ihm den Besuch des Gymnasiums zu ermöglichen und Johannes plagte zu allem anderen auch noch das schlechte Gewissen. Er wusste wohl, wie sehr auch seine Schwestern den Wunsch hatten, weiter in die Schule zu gehen, stattdessen mussten sie einer ungeliebten und reizlosen Arbeit im Büro nachgehen.

Johannes wurde mehr und mehr klar, dass es nur einen einzigen Ausweg aus dieser Sackgasse gab, er musste seinem fleischlichen Triebe nachgeben. Aber wie sollte er dies verwirklichen?

An einem der nächsten Tage fehlte Herr Klewer im Unterricht und wurde vertreten von Fräulein Jakober, einer alterslosen, vergrämt aussehenden Dame. Die Schüler erfuhren, dass ihr Lehrer beim Wandern gestürzt war und sich einen komplizierten Knochenbruch zugezogen hatte. Er werde viele Wochen dem Unterricht fern bleiben müssen.

So sehr Johannes seinen Lehrer auch vermisste, er konnte sich eines vermessenen Gedankens nicht erwehren. Ein hoffnungsvoller Plan nahm in seinem Kopf Gestalt an.

An einem der nächsten Tage plante er, nachmittags zu Günter Klewers Wohnung zu gehen, um angeblich einen Krankenbesuch zu machen. Er wollte so tun, als ob er nicht wüsste, dass sich der Lehrer in einem Stuttgarter Krankenhaus aufhielt. Vielleicht hatte er ja Glück und traf Marina allein zu Hause an.

Morgens zog er mitten in der Woche unter einem Vorwand frische Wäsche an und wusch sich gründlich von Kopf bis Fuß. Kopfschüttelnd beobachtete die Mutter diese Machenschaften. Hatte nicht auch ihr verstorbener Mann gelegentlich einen so besonderen Sinn für Sauberkeit entwickelt? Der gleiche Verdacht wie damals rührte sich in ihrem Kopf. Aber Johannes war ja noch ein halbes Kind und außerdem war er doch in ganz außergewöhnlicher Weise vom Herrn gesegnet. Es schien ihr daher undenkbar, dass Johannes auch auf diesen sündigen Pfaden wandern könnte. Aber sie wurde doch eine leise nagende Unruhe nicht los, denn sie hatte die bedenklichen Veränderungen an ihrem Sohn wohl bemerkt.

„Ich gehe heute nach dem Nachmittagsunterricht wieder in die Pfadfindergruppenstunde, deshalb kann es ziemlich spät werden," sagte er leichthin beim Hinausgehen.

„Heute möchte ich noch mit dir beten, bevor du gehst, auch mit der nächsten Straßenbahn kommst du noch rechtzeitig in die Schule," sagte die Mutter in bestimmtem Ton und zog ihn am Ärmel zurück in die Wohnung.

„Setz dich mir gegenüber auf diesen Stuhl, heute möchte ich besonders um den Segen des Herrn bitten," fuhr sie mit zitternder Stimme fort.

„O Herr, erbarme dich meines einzigen Sohnes Johannes, der ein sündiges Erbe in sich trägt und daher unter deinen besonderen Schutz gestellt werden muss. Lass ihn die Versuchungen des Fleisches im Glauben beherrschen und schenke ihm erneut die Gabe, in deinem heiligen Geiste zu sprechen. Herr, erspare es einer schwer geprüften Frau, die Sünden des Vaters im Sohne wieder zu finden! Amen."

Nach diesem Gebet riss sich Johannes wortlos von der Mutter los und rannte zur Straßenbahn.

Er wollte nicht mehr daran denken und es gelang ihm auch, das Unbehagen, das dieses Gebet in ihm ausgelöst hatte zu verscheuchen, indem er ganz bewusst, die schönen erotischen Lockbilder hervorholte und darin schwelgte.

Es fiel ihm sehr schwer, sich in der Schule auf den Unterrichtsstoff zu konzentrieren. In seinem Kopf lief in immer neuen Varianten ein wunderbar erregender Film ab mit ihm und einer nackten Marina als Hauptdarsteller.

Sofort nach dem Vormittagsunterricht machte er sich auf den Weg. Das Haus, in dem Herr Klewer mit Marina wohnte war weit außerhalb des Stadtzentrums. Johannes musste ein gutes Stück mit der Straßenbahn fahren und dann blieb noch ein weiter Fußweg.

Endlich stand er vor dem Haus, dessen Anblick ihm Herzklopfen verursachte. Er hatte plötzlich große Angst und konnte nicht mehr verstehen, dass er es für möglich gehalten hatte, dasselbe zu erleben, wie Karl mit der Freundin seiner Mutter.

Deshalb war er fast erleichtert, als auf sein Klingeln keine Antwort kam.

Natürlich war Marina zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus und besuchte ihren Günter, daran hatte er überhaupt nicht gedacht. Wie dumm von ihm!

In seiner Besessenheit hatte er völlig vergessen, sein Vesperbrot zu essen. Jetzt aber, da die Anspannung nachgelassen hatte, meldete sich ein gewaltiger Hunger. Er setzte sich in der warmen Junisonne auf die Stufen vor dem Haus und verzehrte das Schmalzbrot mit gesundem Appetit, umgeben von den üppig blühenden Rosensträuchern.

Und nun? Sollte die ganze mühsame Auseinandersetzung mit der Mutter vergeblich gewesen sein? Er fühlte sich außerstande, noch einmal eine ähnliche Gebetssitzung zu ertragen wie heute morgen. Und so beschloss er, einfach hier, in diesem freundlichen wild blühenden Garten sitzen zu bleiben und auf Marina zu warten. Es war herrlich warm und angenehm in dieser Umgebung und irgendwann musste sie ja nach Hause kommen.

Er wartete lange, sehr lange. Unmöglich, diese Zeit zu nutzen, um den Unterrichtsstoff nachzuarbeiten. Seine Anspannung war zu groß.

Alles schien ganz und gar unwirklich geworden zu sein und er saß da in einem tranceähnlichen Gemütszustand.

Deshalb bemerkte er Marina erst als sie schon vor ihm stand und erstaunt ausrief: „Was ist denn mit dir passiert? Kann ich dir irgendwie helfen?"

Nur stammelnd konnte Johannes erklären, dass er seinen Lehrer besuchen wolle und deshalb gewartet habe seit vierzehn Uhr.

„Ja aber weißt du denn nicht, dass er im Robert Bosch Krankenhaus liegt? Du hast doch bemerkt, dass niemand zu Hause ist! Ich komme eben von ihm. Es muss etwas anderes sein, was dich bedrückt." Sie fragte dies und schaute ihn dabei freundlich lächelnd und prüfend an.

Natürlich konnte Johannes nicht ehrlich antworten. Er schaute sie nur an und fühlte, wie er heiß und rot dabei wurde.

„Jetzt komm zuerst einmal mit mir ins Haus, ich glaube, du kannst eine kleine Stärkung gebrauchen." Mit diesen herzlichen Worten nahm sie ihn am Arm und führte ihn die Stufen hinauf.

Ihren Körper so nah zu spüren ging beinahe über die Kräfte des Siebzehnjährigen.

„Sie sind so schön," entfuhr es ihm und er erschrak über seine eigene Kühnheit.

Marina war eine erfahrene junge Frau und schon bei der ersten Begegnung mit Johannes hatte sie erahnt, wie sehr der Heranwachsende von seinen sexuellen Nöten geplagt wurde und welche Wirkung sie auf ihn hatte.

Da sie in einem Künstlermilieu aufgewachsen war, hatte sie schon früh gelernt, mit ihrer eigenen Sexualität frei umzugehen und auch ihr Lebenspartner Günter hatte diese Einstellung.

Als sie nun Johannes auf den Stufen des Hauses sitzen sah, kam ihr sofort der Gedanke, wie reizvoll es sein könnte, diesen schönen Jungen in die Geheimnisse der Liebe einzuführen.

Sie beschloss, sich einfach auf ihre Intuition zu verlassen und so den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Im Handumdrehen hatte sie für Günter einen kleinen Abendimbiss improvisiert mit selbst hergestelltem Fruchtsaft, Brot, Butter, Käse und Wurst. Noch nie hatte Johannes an einem so hübsch gedeckten Tisch gesessen, mit gelber Tischdecke und grünem Keramikgeschirr. Sogar der Sumpfdotterblumenstrauß war farblich dazu abgestimmt.

Während des Essens plauderte Marina entspannt und erzählte Johannes, wie sie heute Vormittag mit ihren Studenten im Freien gearbeitet hatte.

„Nur direkt in der Natur können wir das Licht in unseren Bildern wiedergeben. Es gab heute ganz überraschende Ergebnisse. Eine Schülerin malte die Landschaft ganz einfach abstrakt, obwohl ich dies ganz und gar nicht vorgegeben hatte. Aber das Ergebnis war so eindrucksvoll, dass ich wieder denken musste, wie wichtig es ist, den freien Fluss der Kreativität nicht zu bremsen mit sturen Vorgaben der Lehrerin."

Bisher hatte Johannes immer gefunden, dass abstrakte Malerei eine Abart der Kunst war. Aber Marina erklärte ihm, dass Formen und Farben ihre eigene Aussagekraft hätten und dass so ihm Betrachter eigene innere Bilder entstehen könnten. Der Betrachter werde also in seiner eigenen Gestaltungskraft angeregt. In dieser Weise hatte Johannes die Dinge noch nie betrachtet und er beschloss, in nächster Zeit einmal in Ruhe bei einem Museumsbesuch, diese neue Kunstform auf sich wirken zu lassen.

Im Augenblick aber war er nicht fähig, diese Gedanken zu vertiefen. Alles schien so unwirklich. Er saß hier seinem Traumbild gegenüber und die Verwirklichung all seiner erotischen Fantasien schien zum Greifen nahe.

Aber Marina riss ihn aus seinen Grübeleien mit dem Vorschlag, nach diesem heißen Tag ein kühles Bad zu nehmen.

„Hier ist das Badezimmer, ich lege dir Seife und Handtuch bereit, wenn du fertig bist, werde auch ich mich ein wenig erfrischen und den Krankenhausgeruch abwaschen."

Im Badezimmer duftete es nach Marinas Parfüm und Johannes begann, sich zu entkleiden.

Als er splitternackt in der Badewanne stand, kam Marina herein, eingehüllt in ein weißes seidenes Negligée.

Johannes stand wie erstarrt und rührte sich nicht, konnte auch kein Wort hervorbringen.

Marina ließ die fließende Seide an sich herabgleiten und stand ihm nun nackt gegenüber. Er hatte noch nie eine nackte Frau gesehen und war überwältigt von diesem Anblick.

Alles lief nun so ab, wie er es sich in seinen kühnsten Fantasien nicht hätte vorstellen können.

Gedanken und Worte existierten nicht mehr, nur der Körper lebte mit all seinen Fasern und in unvorstellbarer Lust.

Er verlor jeden Zeitbegriff bis er irgendwann aus dieser Trance erwachte und erschrocken feststellte, wie spät es geworden war.

„Wenn ich die letzte Straßenbahn noch bekommen will, muss ich sofort gehen. Es wäre eine Katastrophe, wenn ich sie verpassen würde, meine Familie denkt, ich bin bei der Pfadfindergruppe," stieß er hastig hervor und kleidete sich in aller Eile an.

Er war so jäh in die Wirklichkeit zurückgestoßen worden, dass er sich kaum von Marina verabschiedete, sondern ohne ein Wort davon stürmte.

Auf dem langen Weg bis zur Straßenbahnhaltestelle, den er im Dauerlauf zurücklegte, war sein Inneres in einem solchen Aufruhr, dass er keinen klaren Gedanken fassen konnte. Vor allem anderen musste er die Straßenbahn erwischen, über den Rest konnte er später noch nachdenken. In allerletzter Minute sprang er auf die schon fahrende Bahn und setzte sich aufatmend in den leeren Wagen. Außer ihm saß nur noch eine äußerst zweifelhaft aussehende Frauensperson am anderen Ende. Sie war grell geschminkt, trug einen sehr kurzen Rock und eine weit ausgeschnittene Bluse, die ihre alternden Brüste freizügig zeigte. Auch auf die Entfernung konnte Johannes den starken Alkoholgeruch wahrnehmen und er wandte sich schaudernd ab.

„Oh, Satan, wende dich von uns ab, von mir und dieser meiner Schwester in der Sünde!" entfuhr es ihm und wie durch einen Blitzstrahl wurde ihm klar, dass er in der Tat nun auf einer Stufe stand mit dieser Frau, die ganz sicher ihren Körper der Sünde geweiht hatte.

„Halt die Klappe, was weißt du schon von Sünde, du Milchgesicht und deine Schwester bin ich noch lange nicht!" lallte sie.

„Doch, wir beide haben die Sünde des Fleisches begangen, ich bin deshalb dein Bruder. Hier und jetzt möchte ich unseren Herrn Jesus Christus anrufen, um ihn anzuflehen, dass er uns sein Angesicht wieder zuwenden möge, um die Machenschaften des Teufels zu vertreiben. Ich ahnte ja nicht, dass die Sünde so süß sein kann!! Möchtest du mit mir gemeinsam beten?"

„Spinnst du total? Ich weiß was viel Besseres, komm trink einen Schluck mit mir und wenn du willst, mach ich es dir umsonst mit der Hand."

„Oh Herr, in welchen Sündenpfuhl bin ich geraten? Aber ich habe es ja verdient, dass diese Frau so mit mir spricht!"

Johannes wandte sich ab und betete still weiter. Er war froh, als er endlich aussteigen konnte, denn die Frau hatte sich inzwischen neben ihn gesetzt und versuchte, sich an seinem Hosenladen zu schaffen zu machen.

Fluchtartig rannte er in die Nacht hinaus und kam völlig erschöpft und schweißgebadet zu Hause an.

Erleichtert stellte er fest, dass im Haus alles dunkel war. Alle schienen zu schlafen.

So leise wie möglich schlich er sich die Treppe hinauf, aber die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt und als er die Wohnungstür öffnete, hörte er auch schon die Mutter mit klagender Stimme rufen: „Johannes, bist du endlich da? Ich konnte vor Angst nicht schlafen. Musst du mir zu allem anderen auch noch solche Sorgen machen? Wo warst du denn so lange?"

„ Mutter, ich habe die Straßenbahn verpasst, das soll aber bestimmt nicht mehr vorkommen. Mach dir keine Sorgen mehr, ich gehe auch nicht mehr zu den Pfadfindern. Ich weiß es jetzt, es liegt kein Segen darauf!" flüsterte Johannes beruhigend, „Gute Nacht!"

„Das ist gut, mein Sohn, das ist gut, nun kann ich schlafen!" Mutters Stimme klang sehr erleichtert.

Die Buße

Als die Mutter am nächsten Morgen zum Wecken an die Schlafzimmertür klopfte, hörte sie Johannes antworten, er könne heute nicht zur Schule gehen, er sei krank. Sie solle ihn jetzt einfach ganz in Ruhe schlafen lassen, es werde sicher alles von selbst wieder besser.

Frau Gabriel hatte so viel, was an diesem Tag auf sie wartete, dass sie ihm zunächst gehorchte und sich wieder ihren drängenden Sorgen zuwandte.

Die finanzielle Lage der Familie war mehr und mehr besorgniserregend. Bisher hatte sie die Probleme mit immer neuen kleineren Bankkrediten gelöst aber heute stand ihr ein Gespräch mit dem Bankdirektor bevor und sie wusste schon im Voraus, dass er ihr, wie schon häufig angekündigt, keinen weiteren Kredit bewilligen würde.

Deshalb wollte sie nachmittags mit Eugen Liebermann, dem Vormund von Johannes sprechen. Es gab nur noch eine Lösung: Auch Johannes musste zum Unterhalt der Familie beitragen. Das bedeutete, dass er am Ende des Schuljahres das Gymnasium verlassen würde. Schon jetzt sollte sich der Vormund für ihn um eine Lehrstelle als Kaufmann bemühen.

Diese Entscheidung fiel ihr sehr schwer, denn ihr Ziel war schon immer gewesen, dass Johannes einmal Theologie studieren und später als Pfarrer in den Dienst ihres Herrn Jesus Christus treten sollte. Aber sie wusste, dass Gottes Wege unerforschlich waren und so beschloss sie, sich erneut demütig unter das Kreuz des Herrn zu stellen.

Längst hatte sie all den Tand, Schmuck, modische Kleider, Bilder und andere Kunstgegenstände verkauft. Ihr verstorbener Mann hatte auf all dies sehr viel Wert gelegt und viel Geld dafür verschwendet. Natürlich waren nur vergleichsweise kleine Summen damit zu bekommen, aber es war für sie auch wichtig, diese Spuren sündhafter weltlicher Neigungen zu verwischen. Nun lebten sie in nüchternen, schmucklosen Räumen, trugen die einfache bäuerliche Kleidung der Dorfbewohner und leisteten sich keinerlei Luxus.

Am Ende dieses Tages war es beschlossene, dass Johannes bald, wie seine Schwestern ins Arbeitsleben eintreten sollte.

Eugen Liebermann gab schweren Herzens seine Einwilligung.

„Auch wenn ich es wollte, könnte ich euch im Augenblick mit dem besten Willen nicht finanziell unter die Arme greifen. Unser Geschäft geht momentan sehr schlecht und wir wissen nicht, wie lange ich diese Stellung noch behalten kann. Du weißt ja, dass wir ein krankes Kind haben, das in Winnenden untergebracht ist. Immer wieder fallen da hohe Behandlungskosten an," rechtfertigte er sich.

„Ich weiß, ich weiß," beteuerte Frau Gabriel, der es sehr unangenehm war, wie eine Bittstellerin zu wirken.

„Vielleicht ist es ja auch ganz gut so, Johannes wird auf diese Weise den Ernst des Lebens kennen lernen, das wird ihn läutern."

„Nun ja, ich halte nicht sehr viel von dieser Art der Läuterung, aber ich will dir in deine Glaubensüberzeugungen nicht hinein reden," seufzte Herr Liebermann abschließend.

Nun blieb nur noch die schwere Aufgabe, Johannes diese schwere Entscheidung mitzuteilen.

Frau Gabriel wollte dazu in den nächsten Tagen eine Art „Familienrat" zusammenrufen.

Johannes hatte den ganzen Tag im Bett verbracht, tief in die Kissen vergraben. Er war froh, dass sich niemand um ihn kümmerte.

Ihn marterte nur eine einzige Frage: Wie könnte er sich reinwaschen von dieser schweren Sünde des Fleisches? Eines war ganz klar; er musste wieder auf Gottes Wegen wandeln, dies war der verlockend süße Weg des Teufels gewesen. Mit aller Macht verscheuchte er die Bilder des vergangenen Tages. Es war schwer, denn sein Körper erinnerte sich an die gelebte Lust und wieder und wieder war er versucht, sich selbst masturbierend zu erleichtern. Aber auch dies war unrein und sündig und verursachte schwere körperliche Schäden, wie er im Konfirmandenunterricht gelernt hatte. Wenn er nur einen Menschen gewusst hätte, mit dem er über all das hätte sprechen können. Pfarrer Selinger kannte seine Familie zu gut und deshalb wagte er nicht, sich ihm anzuvertrauen. Sein Vormund, Onkel Eugen, kam nicht in Frage, denn Johannes ahnte, dass dieser nicht immer auf dem schmalen Pfad der Gotteskinder wandelte und über diese Dinge ganz anders dachte.

So quälte er sich weiter allein mit diesen schrecklichen Schuldgefühlen.

Er musste Buße tun, aber wie?

Alle waren daher völlig überrascht, wie Johannes am nächsten Abend reagierte, als ihm die Mutter im Beisein der drei Schwestern eröffnete, dass er zum Ende des Schuljahres das Gymnasium verlassen musste.

„Bitte lasst uns gemeinsam beten, um diesen neuen Weg an der Hand des Herrn Jesus zu betreten," waren seine einzigen Worte.

Sie falteten die Hände und neigten den Kopf.

„Oh Herr, wie danke ich dir als dein sündiger Knecht, dass du mich würdig erachtest, erneut unter dein Kreuz zu treten. Nicht mein Wille soll geschehen, sondern demütig möchte ich den Weg gehen, den du mir nun zugewiesen hast. Ich nehme diese Entscheidung als ein Zeichen der göttlichen Liebe und bin erfüllt von Lob und Dank! Gib mir die Kraft für all das, was nun kommen muss und erfülle mich täglich mit deinem Geist! Amen"

Sprachlos blickten die drei Frauen auf Johannes, der mit unbewegter Miene da stand.

„Ich hatte ja so große Angst um dich," stammelte die Mutter, „aber nun weiß ich, dass der Heilige Geist immer noch in dir lebt. Welch großes Geschenk, dass du es so leicht übernehmen kannst. Du bist doch so gerne ins Gymnasium gegangen und wolltest in zwei Jahren das Abitur machen."

Mit starrer Miene und steifen würdigen Schritten verließ Johannes den Raum ohne noch ein weiteres Wort hinzuzufügen.

Er musste allein sein, um seine Gedanken zu ordnen. Ja, dies war ein göttliches Zeichen. Es war die Strafe und die Buße für seine schwere Sünde. Wenn er bereit war, diese Entscheidung willig anzunehmen, konnte dies der Beginn seines neuen Lebens sein. Aber genügte das, um Vergebung erlangen zu können? Diese Frage bewegte ihn weiterhin in den nächsten Tagen.

Doch erfuhr er noch etwas, was ihn in größte Verwirrung stürzte.

An einem der darauffolgenden Tage hörte er zufällig ein Gespräch seiner beiden Schwestern Dora und Greta, das sie in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer führten.

„Du kannst nicht weiter so in Sünde leben. Beende diese unselige Geschichte, ich flehe dich an! Denke auch an unsere Familie. Es wirft einen Fluch über uns alle. Willst du wirklich den Weg unseres Vaters gehen? Weißt du eigentlich, was unsere Mutter dabei durchleiden musste? Dies erleidet nun eine andere Frau durch dich. Und wenn du nun schwanger wirst? Oh Dora, du befindest dich auf dem Weg des Abgrunds! Halt ein!"

Dies war Gretas Stimme. Johannes verstand sofort, dass auch Dora, den Versuchungen des Fleisches erlegen war. Aber bei einer Frau war dies ja noch weit schwerwiegender! Eiskalter Schrecken erfasste ihn. Lag nicht doch das Erbe des Vaters wie ein Fluch über ihnen? Wie sollte er sich verhalten? Er war zu jung, um mit Dora darüber zu sprechen und er hatte auch kein Recht dazu, da er sich selbst noch tief beschmutzt fühlte. Atemlos hörte er die beiden weiter sprechen.

„Greta, du kannst mich nicht verstehen, du hast noch nie etwas mit einem Mann erlebt. Es ist eine so gewaltige Macht, süß und erschreckend zugleich. Seit ich Gustav kenne, möchte ich alle Menschen und die ganze Welt lieben. Alles ist strahlender geworden und jeder Schritt, den ich gehe, ist leicht und beschwingt. Wie schön das Leben ist, spüre ich erst jetzt. Es genügt mir, Gustav jeden Tag im Büro zu sehen und den ganzen Tag in seiner Nähe zu sein. Ja, einmal in der Woche ist es für uns möglich, nach Büroschluss noch etwas zu bleiben da wir gemeinsam die Wochenabrechnung machen. Diese Zeit haben wir dann ganz für uns. Das, was du die „Sünde des Fleisches" nennst, ist die tiefe Liebe, die wir mit unseren Körpern ausdrücken. Was ich dabei empfinde, kann nicht Sünde sein. Es ist sicher das Schönste, was Gott uns Menschen geschenkt hat.

Nein, ich kann nicht von Gustav lassen, das ist ganz unmöglich. Es wäre, als ob man mir bei lebendigem Leibe das Herz aus dem Leibe reißen würde! Gustavs Frau hat nicht darunter zu leiden, denn er bemüht sich noch viel mehr, ein guter Ehemann und Familienvater zu sein. Außerdem hat er mir erklärt, dass seine Frau es als liebevolle Rücksichtnahme wertet, wenn er sich ihr körperlich nicht mehr nähert. Sie will nicht mehr schwanger werden und hat diese ehelichen Pflichten immer nur als Last empfunden. Du musst übrigens nicht befürchten, dass ich schwanger werden könnte, Gustav weiß sehr gut, wie man sich davor schützen kann.

Ach, Greta, freu dich doch einfach mit mir! Ich bin ja so glücklich!"

„Nein, ich kann mich ganz und gar nicht freuen. Mutter rechnet fest damit, dass du Gottlieb Stähle heiratest, sobald er das Tübinger Stift beendet hat und seine erste Pfarrstelle antreten kann. Er geht ja ständig bei uns ein und aus an den Wochenenden und du weißt sehr gut, wie sehr er dich liebt. Manchmal denke ich, du spielst richtig mit ihm, denn dein Verhalten erweckt konkrete Hoffnungen in ihm. Dabei ist es die arme Marlene, die ihn liebt. Er aber hat nur Augen für dich und bemerkt sie gar nicht."

„Ach Greta, sei doch nicht so streng! Das, was du meinst ist ein uraltes Spiel zwischen den Geschlechtern, das darfst du nicht so eng sehen, man nennt es flirten. Gottlieb genießt es doch auch und ich denke, er spürt sehr wohl, dass ich keine ernsthaften Absichten mit ihm habe. Vielleicht müsste man ihn darauf stoßen, dass Marlene die ideale Ehefrau für ihn wäre. Sie wäre auch eine gute Pfarrfrau. Für mich ist Gottlieb nur ein Freund, den ich seit dem Kindergarten kenne."

Betroffen schlich sich Johannes davon. Er war in den letzten Monaten so sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass er sich wenig um seine Schwestern gekümmert hatte.

Eines wurde ihm klar, Gott hatte ihn auserwählt, die Spuren des sündigen Erbes zu tilgen, indem er ein Sühneopfer brachte. Aber dazu war mehr notwendig, als nur das Gymnasium zu verlassen, er musste noch etwas Anderes auf sich nehmen. Gott würde ihm schon rechtzeitig aufzeigen, welchen Weg er ihm weisen wollte.

Johannes hatte nun noch einen Monat, um seine Zeit im Gymnasium abzuschließen.

Er hatte in der Schule noch mit niemandem über sein Ausscheiden gesprochen, doch zog er sich völlig in sich selbst zurück und vermied jeden engeren Kontakt mit Lehrern und Mitschülern. Karl Jakob hatte er erklärt, dass er wegen familiärer Probleme nicht mehr zur Pfadfindergruppe kommen könne. Auch von diesem Freund distanzierte er sich und lehnte alle Einladungen und freundschaftliche Annäherungen ab.

Er war froh, dass Herr Klewer vor Ende des Schuljahres nicht mehr zur Schule kommen konnte. Er hoffte, ihm nie mehr begegnen zu müssen, denn in ihm hatte Satan Gestalt angenommen und damit hatte sein Weg der Sünde begonnen. Er hatte nun am eigenen Leib erfahren müssen, in welch mannigfacher Gestalt sich der Versucher des Bösen zeigen konnte und von nun an würde er auf der Hut sein.

Diese innere Einstellung aber bewirkte, dass Johannes nie locker und unbeschwert sein konnte. Er wirkte steif, ernst und verkrampft.

Jeden Sonntag besuchte er nun wieder den Gottesdienst mit der Mutter und seinen Schwestern. Dort bekam er auch die Antwort auf sein Bußbegehren. Pfarrer Selinger sprach am Ende der Bekanntmachungen nach dem Segen über die Not in den Anstalten für geistig Behinderte in Winnenden. Es fehle an Personal und Ehrenamtliche würden gesucht.

Johannes wusste sofort, dass dies Gottes Fingerzeig war, auf den er gewartet hatte.

Er hatte eine tiefe Abscheu vor behinderten Menschen und konnte ihren Anblick kaum ertragen. Gerade deshalb war dies die richtige Tätigkeit, um in Demut Buße zu tun und wie Jesus das Kreuz auf sich zu nehmen.

Nach dem Gottesdienst teilte er seinen Entschluss sofort der Mutter und den Schwestern mit und bat um ein Gespräch mit dem Pfarrer. Er wollte jedes Wochenende und die Sommerferien dafür opfern. Seine kaufmännische Lehre bei Daimler Benz würde er sowieso erst im September antreten können.

Fast ehrfürchtig reagierten Mutter und Schwestern. Auch Pfarrer Selinger klopfte ihm auf die Schulter mit den Worten: „Der Segen des Herrn ist mit dir, möge er dir immer die nötige Kraft schenken!"

„Ich trage den Fluch der Sünde, wie wir alle und möchte demütig unserem Herrn Jesus nachfolgen. Es ist aber doch so wenig, was ich tun kann."

Johannes war es bei diesen Lobreden ganz und gar nicht wohl in seiner Haut. Er fühlte sich nach wie vor beschmutzt und es drängte ihn, sein Bußopfer beginnen zu können. Sofort am kommenden Wochenende wollte er anfangen.

Mutter Gabriel konnte gar nicht mehr verstehen, dass sie sich solche Sorgen um diesen Sohn gemacht hatte. Er war wirklich so gar nicht wie sein Vater, obwohl er ihm äußerlich sehr ähnlich sah. Dasselbe volle, leicht gewellte dunkle Haar, die elegante schlanke Gestalt. Aber auf die Idee, einen solchen Dienst am Nächsten zu tun, wäre jener nie gekommen.

Sie nahm sich vor, ihren Sohn dafür mit besonderer Fürsorge zu belohnen. Oft bereitete sie ihm abends ein besonderes Fleischgericht, während für die Frauen der Familie Tee und Marmeladebrote ausreichen mussten. Die Schwestern akzeptierten dies ohne Widerrede, war er nicht der Mann in der Familie und ganz sicher einer, der zu etwas ganz Besonderem berufen war.

Alle wussten, wie sehr Johannes alles Unschöne und Kranke verabscheute und bewunderten ihn ob dieser Fähigkeit der Überwindung. Schon als kleiner Junge konnte er es nicht ertragen, den Vater in seinem Krankenzimmer zu besuchen. Er wurde jedes Mal leichenblass und begann zu zittern und zu weinen, so dass ein solcher Besuch für den Kranken nicht sehr erbaulich war. Und nun wollte er freiwillig diese schwere Tätigkeit auf sich nehmen!

Bei diesem Bußdienst tauchte unerwartet noch eine andere Schwierigkeit auf, die Johannes zunächst etwas verunsicherte.

Er wurde einer Gruppe zugeteilt, gemeinsam mit Erika, einem jungen Mädchen, das hier ein Praktikum absolvierte. Sofort war Johannes klar, dass Erika eine schwere Prüfung und Versuchung für ihn werden würde. Sie war blond, schlank, hübsch und verrichtete die schwere Arbeit mit immer gleichbleibender Freundlichkeit und Geduld. Sie schien diese abstoßenden kranken Menschen sogar lieb gewonnen zu haben, was für Johannes ein Ding der Unmöglichkeit war.

Aber dieses Mal würde der Versucher keine Macht über ihn gewinnen, dessen war er sich ganz sicher. Zu sehr hatte er unter seinem Fehltritt gelitten. Johannes war fest entschlossen, mit aller Kraft dagegen anzukämpfen.

Er begegnete Erika immer steif und ernst und sprach nie etwas Persönliches mit ihr. Der Kampf mit seinem großen Abscheu vor den Kranken und die Angst vor den Reaktionen seines Körpers bewirkten, dass er letztere erstaunlich gut in Schach halten konnte. Auch machte er erneut die Entdeckung, dass seine Gabe, mit der „Zunge des Heiligen Geistes" zu einer Frau zu sprechen, sein körperliches Begehren sofort zur Ruhe brachte. Allerdings wirkte dies nur, wenn es eine Frau war, die ihn ob dieser Art zu reden bewunderte.

Erika schien das erste Mal sehr überrascht zu sein, als er auf ihre Frage, ob er gerne Fußball spiele, entgegnete:

„Die freie Zeit ist mir von Gott geschenkt und ich trage eine große Verantwortung, wie ich damit umgehe. Auch habe ich das kostbare Geschenk eines gesunden Körpers erhalten. Beides stelle ich, wie du ja siehst, in den Dienst der Nachfolge unseres Herrn Jesu. Meinst du wirklich, dass ich stattdessen Fußball spielen sollte? Zur körperlichen Ertüchtigung genügen mir lange Fußmärsche, zu denen ich gezwungen bin, da wir unsere Fahrräder nach dem Tode meines Vaters verkaufen mussten."

Erika schaute ihn verblüfft an. Eine Antwort blieb ihr im Halse stecken. Aber Johannes entdeckte mit Befriedigung den ihm wohlbekannten Ausdruck von Ehrfurcht und Bewunderung in ihren Augen.

„Meinst du nicht, wir sollten nun den Dienst an den geringsten unserer Brüder wieder aufnehmen?" setzte er hinzu und packte die Bettschüssel, die geleert werden musste, um damit in steifer Würde den Raum zu verlassen.

Die Wochenenden in Winnenden gingen an die Grenzen seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung und mit Schaudern dachte er daran, dass er versprochen hatte, den ganzen Monat Juli und August dort Dienst zu tun. Er wusste überhaupt noch nicht, wie er dies bewältigen würde.

Am letzten Wochenende vor den großen Ferien bekam Johannes in Winnenden die Aufgabe zugeteilt, sich während der ganzen Zeit um einen einzigen Patienten zu kümmern, dem es besonders schlecht ging. Es war Helmut, ein etwa vierzigjähriger Mann, der sehr schwer geistig behindert war. Er konnte nur noch im Rollstuhl sitzen und musste gefüttert werden. Das Schwierigste aber war, dass er sich jeder Anweisung entgegensetzte und sehr aggressiv, ja gelegentlich auch gewalttätig werden konnte.

Bei der ersten Mahlzeit weigerte er sich, wie immer, zu essen. Johannes versuchte es zunächst mit freundlichem Zureden. Als dies nichts half, ging er zu einem strengeren Ton über und drückte ihm den Löffel mit Gewalt in den Mund. Blitzschnell stieß Helmut seinen Fuß in Johannes Bauch und versetzte ihm gleichzeitig einen Fausthieb ins Gesicht. Johannes stürzte nach hinten, Helmut warf sich über ihn auf den Boden, würgte und ein warmer Schwall von Erbrochenem ergoss sich über Johannes Gesicht. Er erhob sich so schnell er konnte und rannte in den Waschraum, ohne sich noch weiter um Helmut zu kümmern.

Am ganzen Körper zitternd, musste auch er sich übergeben.

So fand ihn Erika.

„Bitte lass mich allein, ich kann nicht mehr!" stammelte er.

„Ich bringe dir wenigstens saubere Kleider, dann kannst du dich frisch machen. So etwas gehört eben zu unserer Arbeit hier. Der arme Helmut hat es nicht so gemeint, er ist ja so krank."

Aber Johannes war im Augenblick unfähig, verzeihende Nächstenliebe zu empfinden. Er fühlte nur Abscheu , Ekel und den unwiderstehlichen Drang, von hier zu verschwinden, um nie mehr zurückzukehren.

Diese Begebenheit stürzte ihn erneut in qualvolle Gewissenskonflikte.

Musste seine Buße wirklich so weit gehen, dass er an diesen grauenvollen Ort zurückkehren sollte?

Als er hörte, wie seine Mutter mit Marlene über die Problem der Nachbarsfamilie sprach, hatte er eine Idee.

Die Wagners hatten einen kleinen Bauernhof, den sie ohne fremde Hilfe bewirtschafteten. Nun hatte sich Herr Wagner würde sich einer Leistenbruchoperation unterziehen müssen und musste so während der Sommermonate als Arbeitskraft ausfallen.

Landwirtschaftliche Arbeit gehörte ganz und gar nicht zu Johannes Lieblingsbeschäftigungen aber im Vergleich mit dem, was in Winnenden von ihm gefordert wurde, war dies ein Honiglecken.

„Ich denke, dass dies der Platz ist, den mir der Herr zuweist. In Winnenden gibt es im Sommer einige neue Praktikanten und dann werde ich hier ganz sicher dringender gebraucht. So könnte ich auch bei uns mehr im Garten helfen und würde das Fahrgeld sparen. Frau Wagner hat mich als Kind immer auf ihrem Hof spielen lassen und mir jedes Mal ein Marmeladenbrot mit Quittengelee gegeben, weil wir das nicht hatten.

Ganz deutlich spüre ich, dass dies Gottes Wille ist."

Die Worte kamen ihm wie von selbst über die Lippen und er fühlte eine große Last von sich abfallen.

Trotzdem konnte er sich der Frage nicht erwehren, ob dies als Buße genüge.

Der Abschied von der Schule fiel ihm nicht mehr schwer. Er hatte sich so weit von seinen Mitschülern entfernt, dass auch diese bei seinem Ausscheiden keinerlei Bedauern zeigten. Im übrigen war Johannes fest davon überzeugt, dass er diese verdiente Strafe klaglos auf sich zu nehmen hatte, um sie in sein Bußprogramm einzureihen. Sein Zeugnis war ausgezeichnet, er hatte in den letzten Schulwochen die entstandenen Wissenslücken wieder schließen können. Deshalb drückte der Klassenlehrer, Herr Bauer, in seiner Rolle als Pädagoge sein Bedauern über den leider unvermeidlichen Schulabbruch aus.

Damit war diese Lebensphase für Johannes beendet.

Anfang Juli fand, wie jedes Jahr, die große Evangelisationswoche in Stuttgart statt.

Mutter Gabriel schlug Johannes vor, dieses Jahr an allen angebotenen Veranstaltungen teilzunehmen, ehe er seine Arbeit auf dem Bauernhof aufnahm.

Es traf sich gut, Herr Wagners Operation war direkt danach und Johannes nahm den Vorschlag dankbar an.

Vielleicht fand er während dieser Woche ein Antwort auf die quälenden Fragen nach Buße und Vergebung.

Der Hauptredner und Leiter der Evangelisation war in diesem Jahr Diakon Frohmann, aus dem Johanneum in Wuppertal.

Er war ein etwa fünfzigjähriger Mann mit einer außergewöhnlichen Ausstrahlung. Obwohl er ganz und gar keine Schönheit war, er hatte eine Glatze und war sehr beleibt, ging eine unerklärliche Faszination von ihm aus. Er schien unfähig zu sein, seinem Gesicht einen ernsten Ausdruck zu geben. Immer trug er ein strahlendes Lächeln auf seinen Zügen.

Außerdem war er mit einer ungewöhnlichen Rednergabe gesegnet.

Meist fing er mit einer langen Pause an und schaute dabei seine Zuhörer eindringlich an, jeden Einzelnen. Dieses Gefühl vermittelte er zumindest. Dabei lachte und strahlte er. Dann fing er sehr leise zu sprechen an. Eine Totenstille war dabei im Zelt. Bei der Eröffnungsveranstaltung war dies nur eine einzige Frage: „Möchtest du, dass Jesus dich bei der Hand nimmt, um dich nie nie mehr loszulassen?"

Darauf folgte wieder eine sehr lange Pause. Er ging dabei durch die Masse der Zuhörer, schaute jeden eindringlich an, legte auch gelegentlich die Hand auf eine Schulter oder auf einen Kopf.

„Du spürst ihn nun in dir und er erwartet dein Ja zu seinem göttlichen Geschenk. Gib ihm heute diese Antwort und dein Leben wird von nun an verwandelt und gesegnet sein. Sag ja!"

Bei den letzten beiden Worten schwoll seine Stimme an zu einem lauten durchdringenden Ruf.

In einem euphorisch, jubelnden Ton fuhr er fort:

„Dann wirst du nur noch Liebe in dir spüren. Dein Nächster wird dein Bruder sein. Nicht die weltliche Lust wird dich reizen, sondern deine größte Freude wird sein, an der Hand Jesu auf Gottes Pfaden zu wandeln."

Er führte dann noch weiter aus, wie dieses neue Leben aussehen werde. Immer wieder unterbrochen von Pausen, in denen er die Zuhörer aufforderte, auf die Stimme des Heiligen Geistes zu hören, die hier und jetzt in ihrem Herzen zu ihnen sprechen wolle.

Sein Vortrag endete mit der Aufforderung:

„Und nun gib deine Antwort vor den hier versammelten Brüdern und Schwestern im Herrn. Tritt vor, damit ich, als der bestellte Diener Jesu, dich für diesen Weg segnen möge!"

Zaghaft wagte sich eine armselig gekleidete Frau vor und nach und nach taten es ihr noch etwa zwanzig weitere Zuhörer nach. Menschen aller Altersstufen, die den verschiedensten sozialen Schichten angehörten.

Johannes wusste nicht, ob er sich in diese Gruppe erneut einreihen sollte. Er hatte schon vor zwei Jahren bei einer Evangelisation sein Versprechen abgegeben. Aber hatte er es nicht inzwischen gebrochen? Wäre es deshalb nicht wichtig, erneut den Segen zu erbitten?

Als letzter trat auch er vor, mit gesenktem Kopf und bedrückter Miene.

„Aber nun wollen wir das alte Kleid der Traurigkeit gemeinsam ablegen und fröhlich zu unserem Herrn Jesus beten:

Oh Herr, hier nun sind wir versammelt, um feierlich zu geloben, dass wir in deine Nachfolge treten wollen. Nimm uns auf, in den Kreis deiner Diener. Wir wollen uns auch vor Ungläubigen stets öffentlich zu dir bekennen. Auch wissen wir, dass dazu gehört, willig und froh dein Kreuz zu tragen. Lass uns die Machenschaften des Satans immer erkennen und gib uns die Kraft, diese rechtzeitig abwehren zu können. Herr schenke uns dazu deinen Segen! Amen.

Und nun knie jeder einzeln, einer nach dem anderen nieder vor der Gemeinde der hier versammelten Brüder und Schwestern und spreche laut und deutlich: <Ich gelobe es!>"

Bruder Frohmann stellte sich dabei hinter jeden Einzelnen, legte beide Hände auf dessen Kopf und sprach laut und jubelnd: „Der Herr segne dich!"

Als Antwort stimmte die Gemeinde das Halleluja an, begleitet von den weichen Klängen des Harmoniums.

Viele Menschen weinten dabei.

Am Ende der Veranstaltung wartete Johannes bis die meisten Menschen das Zelt verlassen hatten. Er wollte Bruder Frohmann um ein kurzes Gespräch bitten.

„Hätten Sie einen Augenblick Zeit für mich, ich brauche Ihren Rat, denn ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll?"

Bruder Frohmann spürte wohl, wie dringend das Anliegen dieses jungen Mannes war. Spontan legte er den Arm um ihn und führte ihn in den hinteren Bereich des Zeltes, in dem durch einen Wandschirm ein kleiner abgegrenzter Raum geschaffen worden war. Es gab einen kleinen Tisch und zwei Stühle und Herr Frohmann bat Johannes fröhlich, es sich bequem zu machen. Der Junge war ihm schon während der Veranstaltung aufgefallen und er hatte die große Not gespürt, mit der er sich herumquälte.

„Wo zwei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen, spricht unser Herr Jesus. Wir wissen also, er ist jetzt in diesem Augenblick bei uns und so wirst du nicht nur zu mir, sondern auch zu ihm sprechen. Ebenso wird meine Antwort die sein, die Jesus dir geben will."

Diese Worte gaben Johannes den Mut, ganz frei und ehrlich die Geschichte seiner Anfechtungen, seiner großen Sünde und seiner Sehnsucht nach Buße und Vergebung zu erzählen.

Bruder Frohmann hörte sehr aufmerksam zu und wollte alle Einzelheiten wissen über den Abend, den Johannes mit Marina verbracht hatte.

„Um dir etwas sagen zu können über die Form der Buße, die dir Jesus auferlegen möchte, muss ich deine sündige Handlung bis in die kleinsten Einzelheiten kennen."

Es war qualvoll für Johannes, die unseligen Stunden auf diese Weise noch einmal im Geiste erwachen zu lassen und in seinem Körper erwachte das ihm so wohlbekannte sündige Begehren erneut mit beängstigender Macht.

Er bemühte sich dennoch gewissenhaft, jede Einzelheit zu erzählen, so schwer es ihm auch fiel.

Bruder Frohmanns Gesicht überzog mehr und mehr eine seltsame Röte, kleine Schweißtröpfchen bedeckten seine Stirn und sobald Johannes bei seinem Bericht ins Stocken geriet, stellte er gezielte Fragen, die jedes aber auch wirklich jedes beschämende Detail aus dem gequälten Jungen heraus pressten.

Als Johannes schließlich geendet hatte, forderte ihn der Bruder auf, nieder zu knien und im stillen Gebet zu verharren, solange er ihn nun ganz allein mit Jesus lassen wolle.

Herr Frohmann musste dringend ebenfalls allein sein, denn der Bericht hatte ihn aufs Äußerste erregt. Für ihn, das wusste er aus Erfahrung, würde kein Gebet die ersehnte Erleichterung bringen. Er wollte sich auf die altbewährte Art und Weise selbst die Lust schenken.

„Mein lieber junger Freund," begann er, nachdem er erleichtert und beschwingt zurückgekommen war. „erhebe dich nun und hör mir zu. Auch ich habe im stillen Gebet zum Herrn gerufen mit der Bitte, mir die rechte Antwort für dich zu schenken.

Das, was du erlebt hast, diese Versuchung in Gestalt einer bezaubernden jungen Frau, war trotz allem ein Geschenk unseres Herrn. Denn nur der Abscheu, den du nun verspürst, der Ekel vor dem stinkenden Sündenpfuhl, der tief in dir liegt, wird dir die Kraft geben, in Zukunft Irrwege zu vermeiden und auf dem engen und oft mühsamen Weg der Gerechten zu wandeln.

Meide jede Versuchung des Weibes und bewahre von nun an deinen Körper vor fleischlicher Sünde. Nur wenn der Bund mit einer Frau durch die heilige Ehe gesegnet ist, darf im Schutze dieser von Gott gewollten Gemeinschaft zwischen Mann und Frau die Vereinigung des Fleisches vollzogen werden. Dies wirst du eines Tages, so Gott will, auch erleben dürfen.

Du fragst nach der von Gott geforderten Buße. Diese wird für dich darin bestehen, dass dein ganzes Leben im Dienste des Herrn stehen muss. Geh trotzdem hinaus in die Welt und beginne deine Lehre bei Bosch, wie es deine Mutter möchte. Aber vergiss nie, bei allem, was du tust, dass du diesen Dienst vollbringen musst. Umgib dich nur mit Menschen, die dich nicht vom Weg abbringen wollen, dann wird auch der Segen unseres Herrn Jesus immer über dir sein. Ich möchte dir nun noch einmal die Hand auflegen, um Gott um seinen Segen zu bitten."

Nach diesem Ritual verabschiedete sich Johannes sehr rasch von Bruder Frohmann.

Er fühlte sich in keiner Weise frei und erleichtert nach diesem Gespräch, denn der Diakon hatte ihm auch erklärt, dass die Vergebung jeden Tag aufs Neue verdient werden müsse. So war er also nicht von seiner Schuld befreit, sondern musste ein Leben lang dafür arbeiten. Seine Sünde würde also immer auf ihm lasten.

Die Zeit seines Militärdienstes war eine Qual für Johannes. Er nahm es als eine weitere Bußübung, ertrug alle Hänseleien der Kameraden, die ihn beim Bibellesen ertappten und verschloss sich im stillen Gebet, wenn die jungen Männer ihre schlüpfrigen Frauengeschichten erzählten.

Dora

Dora hatte den Charme, die Lebensfreude und die künstlerische Begabung vom Vater geerbt.

Ihr Verhältnis zur Mutter war distanziert, denn beide fühlten, dass sie in sehr verschiedenen geistigen Welten lebten. Auch Johannes war ihr sehr fremd.

Die beiden Schwestern Greta und Marlene liebten und bewunderten Dora grenzenlos. Beide wussten, wie anders sie waren und akzeptierten klaglos, dass sie ganz und gar in Doras Schatten standen. Die zahlreichen jungen Männer, die im Hause Gabriel aus und ein gingen hatten nur Augen für Dora und schienen die beiden Schwestern kaum zu bemerken.

Greta litt nicht allzu sehr darunter, denn es war ihr ganz recht, dass die jungen Männer ihres Bekanntenkreises alle nur Dora begehrten. Für sie löste der Gedanke, dass sich ihr ein Mann in irgendeiner Weise körperlich nähern könnte einen mit Ekel gemischten Schauder aus.

Anders war es bei Marlene. Sie war die Unscheinbarste der vier Geschwister und fühlte sich am wohlsten, wenn sie bei ihren bäuerlichen Nachbarn beim Kaffeetrinken saß.

Für Gottlieb Schulz, den eifrigsten Verehrer von Dora hegte sie eine tiefe Verehrung und Liebe, die niemand verborgen bleiben konnte außer Gottlieb selbst. Dieser liebte und begehrte Dora leidenschaftlich. Er hatte inzwischen eine Vikarsstelle in einer benachbarten Dorfgemeinde und sollte in einigen Monaten seine erste Pfarrstelle antreten. Ein unverheirateter Pfarrer allerdings war dafür nicht geeignet und alle waren sich darüber klar, dass für ihn nur Dora als Pfarrfrau in Frage kam. All dies wusste Marlene sehr wohl und lebte ihre Liebe nur in den geheimsten Träumen. Wie gerne wäre sie eine Pfarrfrau gewesen mit vielen vielen Kindern!

Doras Herz war mehr denn je in ihrer verbotenen, geheimen Liebe gefangen.

Eine ungeahnte Neuigkeit aber riss sie jäh aus der süßen Weichheit ihres Liebesfrühlings und brachte sie in Kontakt mit einer rauen Wirklichkeit.

Karl fehlte eines Morgens im Büro und Dora erfuhr von einer Kollegin, dass er einige Tage Urlaub genommen habe anlässlich der Geburt seines dritten Kindes, einer kleinen Tochter.

Diese ahnungslos ausgesprochene Neuigkeit war wie ein Faustschlag und erschütterte Dora aufs Tiefste.

Karl war ihre erste Liebe und sie lebte seit einem Jahr nur für ihn. Immer wieder hatte er ihr versichert, dass auch er nichts sehnlicher wünsche, als ganz Dora anzugehören, dass aber seine Frau seelisch sehr krank sei und er sie deshalb nie verlassen könne.

„Sie wäre ohne mich verloren und würde sich etwas antun. Ich lebe schon lange mit ihr wie mit einer Schwester. Was ich mit dir gemeinsam habe ist etwas völlig anderes, dich liebe ich mehr als mein Leben. Vielleicht ist eine solche Liebe ja noch viel kostbarer, da sie gegen viele Hindernisse kämpfen muss und immer unser süßes Geheimnis bleiben wird."

Von Kindern war nie die Rede gewesen, da angeblich Karls Frau durch ihre Krankheit kinderlos geblieben war.

Auf einen solchen Verrat war Dora in keiner Weise vorbereitet gewesen.

Sie war diesem Schock weder körperlich noch seelisch gewachsen und reagierte mit einer schweren Erkrankung, einer Lungenentzündung, die sich aber viele Wochen hinzog ohne irgendeine Besserung zu zeigen. Der Arzt befürchtete schon, es könne sich um Tuberkulose handeln. Doch mit dem Frühling zeigte sich auch ganz allmählich eine Besserung und man konnte auf eine vollständige Genesung hoffen.

Gottlieb war während Doras Krankheit täglich erschienen, immer mit einer kleinen Liebesgabe für sie. Ein Feldblumensträußchen, eine besonders schöne Rose aus dem Garten, eine kleine Nascherei, einen Stein und Ähnliches. Er war unerschöpflich in seinem Erfindungsreichtum. Jedes Mal blieb er einige Zeit still bei ihr sitzen und Dora empfand diese Besuche als sehr wohltuend.

Meist gelang es ihr, den Gedanken an Karl ganz und gar auszublenden. Es war ihr unerträglich an diese Wunde zu rühren und sie wusste, dass sie nie mehr an ihre alte Arbeitsstelle zurückkehren konnte. Allerdings würde es nahezu unmöglich sein, eine neue gleichwertige Arbeit zu finden, denn es gab ja so viele Arbeitslose, die verzweifelt etwas suchten.

Ende August konnte Dora wieder aufstehen, sie musste sich allerdings noch sehr schonen und lag die meiste Zeit im Garten unter ihrem Lieblingsapfelbaum und las.

So fand sie Gottlieb am Spätnachmittag eines Freitags. Es war ein wunderschöner warmer Tag gewesen und Dora hatte sich den ganzen Tag den Kopf darüber zerbrochen, wie ihr Leben nun weiter gehen sollte.

Gottlieb trug seinen Sonntagsanzug an diesem Tag und balancierte vorsichtig einen noch warmen duftenden Zwiebelkuchen auf der rechten Hand. Er lächelte auf eigentümlich feierliche Art und Dora hätte ihn viel lieber so gesehen, wie er sonst immer war.

Ohne viel Umschweife stellte er sich vor Doras Liegestuhl auf und fing mit einer etwas gepressten Stimme an zu sprechen:

„Heute Vormittag wurde mir die Pfarrstelle in Bernhausen angeboten. Sie sollte am 1.Oktober angetreten werden. Liebe Dora, möchtest du meine Pfarrfrau werden? Du weißt, dass ich nur dich dafür möchte! Ich liebe dich und werde alles tun, um dir ein guter christlicher Ehemann zu sein!"

Gottlieb hatte den Zwiebelkuchen ins Gras gestellt und war neben Doras Liegestuhl auf die Knie gesunken.

Später verstand Dora selbst nicht mehr, wie es kam, dass sie ohne Umschweife ja sagte. Sie hatte nie vorgehabt, Gottlieb zu heiraten, denn ihre Gefühle ihm gegenüber waren schon immer ausschließlich freundschaftlicher Natur gewesen. Es war wohl so, dass diese Entscheidung zunächst alle Probleme auf einfachste Weise zu lösen schien.

Damit würden die Gedanken an Karl endgültig verbannt werden können.

Als Gottlieb nach ihrem spontanen Ja schüchtern um einen Verlobungskuss bat, erahnte sie, welche Hindernisse sich im zukünftigen Eheleben auftun würden. Dieser Kuss löste bei ihr nur ein widerstrebendes Schaudern aus. Wie anders waren doch die leidenschaftlich fordernden Küsse von Karl gewesen …

Gottlieb aber ahnte nichts von ihren Gedanken, er war überglücklich. Alles musste nun rasch gehen und das kam Dora sehr entgegen. Es war gut, alle Erinnerungen mit hektischen Hochzeitsvorbereitungen zu betäuben.

In der Hochzeitsnacht holte sie die Realität ein.

Gottlieb war während der sechs Monate dauernden Verlobungszeit ein zärtlich rücksichtsvoller Verlobter gewesen, der außer Umarmungen und Küssen keine weiteren Forderungen stellte. Dies war natürlich für einen christlichen jungen Mann, der noch gar ein junger Pfarrer war, eine Selbstverständlichkeit.

Immer würde flüsterte er Dora verschämt ins Ohr, wie sehr er sich auf den Augenblick freue, wo sie ihm ganz und gar angehören würde.

Dora konnte sich die körperliche Vereinigung mit ihm nicht vorstellen und spürte beim Gedanken daran nur Abwehr, ja fast eine Art von Ekel.

Nun waren sie also nach all dem Trubel des Hochzeitstages allein im neu hergerichteten Pfarrhaus. Es war groß, die Räume waren hoch und mit den verschiedensten Möbeln aus allerlei Familienbeständen ausgestattet worden, da kein Geld für Neuanschaffungen vorhanden war. Dora hätte sich ein ganz anderes Heim gewünscht. Sie fand diese Möbel scheußlich, ebenso die Stein- und Linoleumfußböden. Teppiche fand Gottlieb für ein Pfarrhaus unpassend. Die einzige persönliche Note in dieser nüchternen, fast feindseligen Atmosphäre waren Doras Bilder, die noch aus der Zeit ihres Kunststudiums stammten. Sie hatte sie überall aufgehängt außer im Studierzimmer ihres Pfarrersgatten. Es waren Zeugen aus einer anderen, sorglosen und glücklichen Lebensphase voller Pläne und Zukunftshoffnungen. Sie zeigten Doras große künstlerische Begabung. Nach dem schmerzlichen Abbruch des Studiums lag diese Begabung ganz und gar brach. Dora hatte nie wieder Stift oder Pinsel in die Hand genommen.

In dieser Umgebung nun sollte Doras zukünftiges Leben stattfinden.

In den wochenlang ungeheizten Räumen war es sehr kalt an diesem Aprilabend. Nur der Herd in der Küche verbreitete etwas Wärme.

„Frau Pfaff, die Mesnerin, hat den Herd heute angeheizt. Ab morgen wirst du aber ganz selbständig schalten und walten dürfen als Hausfrau im eigenen Heim. Ich denke, du freust dich schon darauf. Du warst ja damit einverstanden, dass wir mit dem kleinen Pfarrersgehalt ohne die Bezahlung eines Dienstmädchens besser zurecht kommen. Wir werden in der ersten Zeit sehr sparen müssen."

Mit diesen Worten legte Gottlieb zärtlich den Arm um seine junge Frau und führte sie sanft durch das eiskalte Steintreppenhaus hinauf zum ehelichen Schlafzimmer.

„Nun gehörst du mir ganz und nach Gottes Willen dürfen wir in dieser Nacht die Vereinigung des Leibes feiern. Ich lasse dich nun allein, damit du dich dafür allein vorbereiten kannst, ich werde im Nebenraum meine Kleider ablegen."

So stand Dora stand nun in einem eiskalten ungemütlichen Schlafzimmer, todmüde und völlig ernüchtert. Mit einem Schlag realisierte sie, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Ihr neuer Doppelberuf war nun Pfarr-und Hausfrau. Zu Hause waren ihr die häuslichen Pflichten weitgehend von den Schwestern und der Mutter abgenommen worden. Sie galt immer als die zarteste und musste weitgehend geschont werden. Diese Schonzeit war nun zu Ende und sie war abrupt ins kalte Wasser gestoßen worden. Greta, die mit beiden Beinen auf dem Boden der Realitäten stand, hatte ihr versprochen, in der ersten Zeit täglich vorbei zu kommen, um Dora mit Rat und Tat beizustehen. Greta war sehr besorgt um die Zukunft ihrer Lieblingsschwester und hatte versucht, den zukünftigen Schwager von der dringenden Notwendigkeit eines Dienstmädchens zu überzeugen. Alle diese Versuche waren aber an Gottliebs Sparsamkeit gescheitert. Dieser machte sich natürlich in keiner Weise klar, was es bedeutete, einen solchen Haushalt zu führen.

Während Dora bibbernd in ihrem Hochzeitskleid vor dem ehelichen Doppelbett stand wurde ihr schlagartig bewusst, dass ein Leben vor ihr stand, das in keiner Weise zu ihr passte und sie in jeder Hinsicht überforderte.

Am liebsten wäre sie in voller Hochzeitsmontur unter das Federbett gekrochen um nichts mehr zu hören und zu sehen. Sie wollte nur noch schlafen, um am liebsten nie mehr aufzuwachen.

Mit steifen, zitternden Fingern entledigte sie sich ihres weißen Hochzeitskleides und der Unterwäsche und schlüpfte in das neue Flanellnachthemd, das Dora ihr für diese Nacht genäht hatte. Dann schlüpfte sie unter die Decke und hoffte, endlich etwas warm zu werden.

Sie war wohl eingeschlafen, denn plötzlich wachte sie auf und spürte, wie sich zwei kalte Hände an ihrem Körper zu schaffen machten.

„Hab keine Angst, Dora, auch für mich ist es das erste Mal, ich habe mich, so wie es Gottes Wille ist, für meine Ehefrau aufbewahrt. Nun aber dürfen wir uns in Liebe vereinen," flüsterte Gottlieb mit heiserer Stimme und drang auch schon in sie ein.

Dora erstarrte in Schrecken und Abwehr, stellte aber erleichtert fest, dass ihr Ehemann schon nach wenigen Sekunden aufstöhnte und schwer auf ihren Körper sank. Sie schob ihn beiseite. Er war augenblicklich in einen tiefen Schlaf gesunken, den er mit friedlichen Schnarchtönen begleitete.

Von Doras fehlender Jungfräulichkeit hatte er nichts bemerkt.

„So wird es also sein," dachte Dora, „wie gut, dass ich erleben durfte, wie die körperliche Liebe sein kann! Auch wenn es Sünde war!"

Sie lag noch lange wach und hing den quälenden Erinnerungen an die Vergangenheit nach. An die Zukunft wagte sie in dieser Nacht schon gar nicht mehr zu denken.

Die Berufung

Tretet aktiv in die Nachfolge unseres Herrn Jesus Christus!

Ein Ruf an alle jungen Männer, die beruflich die Botschaft Jesu Christi verkündigen wollen:

Zweijährige kostenlose Ausbildung zum Jugendwart am Johanneum in Wuppertal Barmen.

Näheres zu erfahren beim Sekretariat des CVJM in Stuttgart.

Dieser kleine unscheinbare Zettel, den Johannes eines Morgens zufällig auf einem Tischchen vor seinem Büro entdeckte, sollte sein Leben ganz und gar verändern.

Es war gegen Ende seines dritten Lehrjahres.

Die Lehrzeit gehörte für Johannes auch zu der ihm auferlegten Buße und er hatte sie ohne jede innere Beteiligung absolviert. Er lebte in dieser Zeit wie eine Art Automat, gut geschützt hinter einem Panzer, der es ihm erlaubte, seine Arbeit, die ihn in keiner Weise interessierte, gewissenhaft und zu aller Zufriedenheit zu erledigen.

Er wohnte zwar nach wie vor zu Hause, beteiligte sich aber kaum am familiären Leben. So war er auch wenig berührt von Doras Hochzeit und verdrängte die Gedanken an Doras sündiges Vorleben, von dem er ja, ohne es zu wollen, erfahren hatte.

Er selbst lebte unter großen Qualen in keuscher Reinheit, wurde aber fast in jeder Nacht von erotischen Träumen verfolgt, die ihm, gegen seinen Willen, auch bescheidene sexuelle Wonnen bescherten. Frauen ging er so weit wie möglich aus dem Weg. Zum Glück arbeitete er fast ausschließlich mit Männern zusammen. Die wenigen Frauen, mit denen er es beruflich zu tun hatte, waren altjüngferliche, fast geschlechtslose Wesen, die ihn nicht in Versuchung führten.

In seiner Freizeit pflegte er intensive körperliche Ertüchtigung, wie Diakon Frohmann es ihm damals angeraten hatte. Er hatte im Garten eine Sprunggrube ausgehoben und ein Reck errichten lassen. Zu diesen Übungen kam noch der tägliche Dauerlauf bei jedem Wetter.

Er hatte keinerlei Kontakt zu Gleichaltrigen und suchte diesen auch nicht. Zu groß war seine Angst vor ungesunden Einflüssen.

Bisher hatte Johannes den Gedanken an seine Zukunft immer wieder verdrängt. Er konnte sich nur schwer vorstellen, sein Leben lang als Kaufmann zu arbeiten. Er verspürte keinerlei Freude an dieser Tätigkeit, wusste aber auch sonst nicht, was ihn interessieren könnte.

Mutter Gabriel ging fest davon aus, dass der Hoffnungsträger der Familie bei Bosch eine erfolgreiche Karriere machen würde. Regelmäßig gab sie ihm dies zu verstehen.

Nun aber hatte Gott ein Zeichen gesandt.

Johannes wusste sofort, dass dies seine göttliche Berufung war und mit unendlicher Erleichterung und einem dankbaren Glücksgefühl nahm er den Zettel an sich.

Ehe er zu Hause etwas darüber sagte, wollte er genauere Informationen einholen.

Er erfuhr, dass er sich während der kostenlosen Ausbildung versprechen musste, alle Kontakte zu Frauen abzubrechen, um sich ganz dem geistlichen Leben widmen zu können. Außerdem musste er einen Vertrag unterschreiben, der ihn verpflichtete, danach eine ihm zugewiesene Stelle als Diakon oder Jugendwart anzutreten.

All dies schien für Johannes die Lösung seiner Probleme zu sein. Zwei Jahre ein Leben ohne die Angst, von Frauen in Versuchung geführt zu werden und die Zusicherung, danach eine Arbeitsstelle zugewiesen zu bekommen, die es ihm ermöglichen würde, seinem Herrn mit ganzer Kraft zu dienen.

So fiel es ihm leicht, gegen den Widerstand seiner Mutter anzukämpfen. Seine Redegabe flog ihm wieder zu und Mutter Gabriel glaubte schließlich auch, dass ihr Sohn einen göttlichen Ruf erhalten hatte. Außerdem war es ein Weg, der es ihm erlaubte, materiell autonom zu leben, auch während der Ausbildung, mit der Zusicherung einer bescheiden bezahlten Arbeitsstelle danach.

Nun musste noch die Hürde des Ausleseverfahrens überwunden werden. Von etwa dreihundert Bewerbern wurden nur zehn ausgewählt.

Johannes überzeugte durch seine fundierte Bibelkenntnis, seine Erfahrungen bei der Arbeit in Winnenden und vor allem konnte er die Kommission in der mündlichen Prüfung durch die Darstellung seines inneren Werdegangs beeindrucken. Dabei fand er die richtige Mischung zwischen demütiger Selbsterniedrigung und religiösem Feuer, die eine Ablehnung seiner Kandidatur unmöglich machte.

Getragen von dem euphorischen Gefühl, seine Lebensrichtung gefunden zu haben, begann Johannes diese neue Lebensphase.

Abschied von Dora

Johannes war nun schon ein halbes Jahr im Johanneum und ging ganz auf in seinen Studien. Er lebte in einer abgeschlossenen Welt, die ihre eigenen Regeln und sogar ihre eigene Sprache hatte.

Alles war klar geordnet, es gab die Welt der Nachfolger Jesu Christi und die Welt der Außenstehenden. Beide trennte ein tiefer Graben. Wobei die Nichtaußenstehenden sich in der Pflicht sahen, sich um die Bekehrung der Außenstehenden mit aller Kraft zu bemühen. Die Schulung dafür war einer der wichtigsten Unterrichtsinhalte. Solange die Bekehrung nicht vollzogen war, blickte der Nichtaußenstehende mit liebevoller Nachsicht auf die Außenstehenden allerdings mit der tiefen Überzeugung, dass nähere Kontakte in diesem Zustand der Trennung nicht möglich waren.

Ein Brief von Greta riss Johannes jäh aus dieser wohligen Geborgenheit.

Mein lieber Bruder Johannes,

bis heute haben wir die Regeln eingehalten und keinen Kontakt zu dir gesucht, so wie es die Schule verlangt, in der du nun zum Diener des Herrn ausgebildet wirst. Ich habe die Notwendigkeit eines solch krassen Kontaktabbruchs nie richtig verstanden…

Nun aber sind so traurige und einschneidende Dinge in unserer Familie geschehen, dass ich es als meine Pflicht ansehe, dich darüber auf dem Laufenden zu halten.

Dora lebt wieder bei uns, denn sie hat die Krankheit, an der unser lieber Vater gestorben ist und der Arzt sagt, dass es keinerlei Hoffnung auf Heilung gibt. Wir werden also zum zweiten Mal ein geliebtes Familienmitglied bis zum Tod pflegen müssen.

Du wirst dich fragen, warum sie denn da nicht bei ihrem angetrauten Ehemann ist.

Nun, ich muss dir bekennen, dass ich über diesen nur mit einer sehr wenig christlichen Wut sprechen kann.

Du erinnerst dich ja noch, dass Greta kurz vor ihrer Verheiratung sehr schwer krank war. Du weißt sicher auch, dass sie schon immer die Zarteste von uns allen war.

Nun war das Leben in diesem riesigen Pfarrhaus mit all den ungewohnten Pflichten einer Hausfrau für Dora eine zu große Belastung. Trotz meiner eindringlichen Bitte war Gottlieb nicht bereit, ein Dienstmädchen einzustellen, mit der Begründung, dass der kleine Pfarrersgehalt dafür nicht ausreiche. Ich weiß aber, dass es in jedem anderen Pfarrershaushalt ein solches Dienstmädchen gibt.

Gottlieb ist ganz einfach übertrieben sparsam, ich würde es ganz einfach geizig nennen.

Ich versuchte Dora so gut ich konnte zu helfen, aber du weißt ja, dass ich tagsüber im Büro arbeite und zu Hause in Haus und Garten auch den größten Teil der Arbeit übernommen habe, da Mutter und Marlene wenig leistungsfähig sind.

Als Dora nun erneut kränkelte und zu husten begann, wollte Gottlieb lange Zeit keinen Arzt mit ihr aufsuchen, denn aus Geiz hat er auch keine Krankenversicherung.

Dora versuchte ihre gesundheitlichen Probleme so gut es ging vor uns zu verbergen. Erst als sie wirklich nicht mehr konnte, suchte Gottlieb, auf meine energische Forderung hin, einen Arzt mit ihr auf. Dieser wunderte sich sehr, dass die Patientin erst jetzt um Hilfe bat und erklärte rund heraus, beide Lungenflügel seien von der Tuberkulose schon angegriffen und sie habe nicht mehr allzu lange zu leben.

Dora nahm diese Nachricht erstaunlich gefasst auf und äußerte nur einen einzigen Wunsch, sie wolle hier bei uns zu Hause sterben.

Wie du weißt, war ich für Dora immer die Nächste und so spürte ich auch ganz deutlich, dass Dora nicht mehr leben wollte. Ich weiß auch, wie unbefriedigt und unglücklich sie in dem Leben mit Gottlieb war. Dieser Mann und diese Lebensform hat einfach nicht zu ihr gepasst. Sie hat ihn damals nur geheiratet, weil sie keine andere Lösung für ihr weiteres Leben sah. Sie hatte eine große Enttäuschung in der Liebe hinter sich und diese Wunde ist nie verheilt.

Sie ist nun ganz heiter und ruhig auf ihrem Krankenlager und ich spüre, dass sie ihren nahen Tod voll und ganz akzeptiert.

Lieber Johannes, wenn du Dora noch einmal sehen möchtest, um Abschied von ihr zu nehmen, dann komm bitte bald. Wir schicken dir gerne das Geld für die Bahnfahrt. Ich hoffe, dass die Schulleitung hier eine Ausnahme macht und dir Urlaub gibt.

Bitte komm rasch!

Mit ganz herzlichen Grüßen von deiner Schwester

Greta

P.S. Mutter und Marlene schließen sich meiner Bitte an und grüßen dich .

Dora meinte, wir sollten dich nicht bei deinen Studien stören, sie weiß nichts von dem Brief.

Dieser Brief konfrontierte Johannes wieder mit der ganzen Problematik seiner Kindheit und Jugend und er verspürte keinen Drang, nach Hause zu fahren. Doras Schicksal erinnerte ihn allzu sehr an den sündigen Vater, an sexuelle Versuchungen und Fantasien. Er riss ihn heraus aus dem Schutz seines Lebens im Elfenbeinturm mit Gleichgesinnten, in dem seine inneren Konflikte nicht mehr zu spüren waren.

Noch nie hatte er sich so glücklich und unbeschwert gefühlt und er hatte große Angst vor den Dämonen, die tief in ihm schlummerten.

Seine innere Reaktion auf diesen Brief ließ ihn ahnen, dass diese mit erneuter Gewalt jederzeit hervorbrechen konnten.

Er beschloss seinen Besuch noch hinauszuschieben und antwortete mir folgendem Brief:

Meine liebe Schwester Greta,

nach der Lektüre deines Briefes mit der schlimmen Nachricht von Doras Krankheit trat ich in der Abgeschiedenheit meines Zimmers vor das Angesicht unseres Herrn Jesu und wurde stille im Gebet.

Diese Zwiesprache mit dem, der unser Leben in seinen Händen hält und alles lenkt und fügt, ließ mich wieder klar sehen, da meine Gedanken vom göttlichen Licht erhellt wurden.

Auch Dora, wie damals unser Vater, muss nun das Kreuz der Buße tragen.

Sie wird dadurch geläutert werden und danach hoffentlich eingehen können in das Reich der ewigen Seligkeit.

Ich weiß von ihrer schweren Sünde, vor ihrer Ehe mit Gottlieb, da ich ungewollt einmal ein Gespräch zwischen euch beiden mit anhören musste.

Auch von den Verfehlungen unseres Vaters damals weiß ich sehr wohl.

Gott allein wird richten.

Im Augenblick kann ich den Dienst meiner Ausbildung hier nicht unterbrechen, da Gott mich zu seinem Werkzeug ausgewählt hat und meine ganze Kraft gehört nun ihm.

Bald aber sind Sommerferien und ich werde mich mit Bruder Eugen, unserem Schulleiter, beraten, ob es Gottes Wille ist, den Rückzug von der Welt durch einen solchen Kontakt mit der Familie zu unterbrechen. Demütig werde ich seinem Rat folgen.

Greta, beuge dich unter das Kreuz und Gott gebe dir die Kraft zum Tragen.

Unser Herr Jesus Christus sei mit dir.

In christlicher Liebe dein

Bruder Johannes

Dora starb zwei Wochen nach diesem Brief und Johannes sprach bei ihrer Beerdigung ein Gebet am Grab, das alle Anwesenden erschaudern ließ

„Gnädiger und richtender Gott,

Wir stehen nun hier am Grab von Dora, die ihren vergänglichen Leib verlassen hat und hoffentlich bei dir Gnade finden wird, um in dein Reich eingehen zu können.

Dora versuchte redlich, treu in der Nachfolge unseres Herrn Jesu Christi zu wandeln, seit sie Gottlieb ihrem angetrauten Ehemann in seinem Amt als Seelsorger zur Seite stand.

Oh Herr, sieh gnädig auf sie in deinem Gericht und vergib ihr die Schwächen des Fleisches.

Wir alle sind schwache Sünder und bedürfen deiner Gnade. Bewahre uns vor allen Versuchungen und hilf uns im Kampf mit dem Bösen, das seit der Erbsünde in uns wirkt und die Macht über uns gewinnen will.

Wir beugen uns mit Demut unter das Kreuz, das du uns erneut auferlegt hast. Möge diese Prüfung dazu beitragen, dass wir immer inniger in der Nachfolge mit Jesus verbunden sind.

Herr, bleibe bei uns, denn ohne dich sind wir schwach.

Amen"

Die andächtig, bewundernden Blicke, vor allem der Frauen, entgingen Johannes nicht.

Er spürte, wie tief seine Worte in diese eindrangen und er verspürte unbewusst ein triumphierendes Gefühl der Macht.

Arbeit im Weinberg des Herrn

Johannes schloss die Ausbildung im Johanneum mit den allerbesten Noten ab und man bot ihm die Stelle eines Generalsekretärs des CVJM in Esslingen an. Er nahm ohne Zögern an. War dies doch genau der Arbeitsbereich, der es ihm erlaubte, weiterhin den Frauen aus dem Weg zu gehen.

Die angebotene Bezahlung war allerdings sehr bescheiden, doch Johannes brannte einzig und allein darauf, seine Arbeitskraft voll und ganz in den Dienst des Herrn zu stellen. Da ihm im Lutherbau ein möbliertes Zimmer mietfrei zur Verfügung gestellt wurde, konnte er mit seinem kleinen Gehalt sehr gut zurecht kommen.

Nach der Abschlussfeier im Johanneum hatte ihn Bruder Eugen, der Schulleiter zu einem kurzen Gespräch gebeten:

„Johannes, Sie waren einer unserer begabtesten Schüler und ich bin sicher, dass der Herr Sie zu sehr Großem berufen hat. In einem unserer Gespräche haben Sie mir anvertraut, wie sehr Sie zeitweise von den Versuchungen des Fleisches heimgesucht werden.

Hier bei uns lebten Sie in einem geschützten Raum, der diese Versuchungen weitgehend von Ihnen fernhalten konnte. Nun aber kommt die Bewährung, draußen in dieser Welt voller Schmutz und Sünde.

Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben:

Gehen Sie so rasch wie möglich den Bund der Ehe ein mit einer christlich tief gläubigen Frau, damit Sie im Schutz dieser gottgewollten Gemeinschaft auch die fleischlichen Bedürfnisse leben dürfen.

So werden Sie freier sein für Ihren Dienst am Herrn und gleichzeitig liebevoll umsorgt werden.

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei! So spricht Gott der Herr."

Diese Worte verfolgten Johannes in der ersten Zeit seiner Arbeit im CVJM, denn er wusste, wie recht Bruder Eugen hatte.

Er brachte diese Bitte täglich vor das Angesicht seines Herrn in einem immer gleichbleibenden Gebet:

O Herr, du weißt, wie sehr ich dir nun mit ganzer Kraft dienen möchte. Du kennst aber auch meine sündige Schwäche und weißt, wie sehr ich in der Vergangenheit gefehlt habe. Ich habe deine barmherzige Vergebung empfangen und vertraue auf deine Hilfe, die mich vor der Macht der fleischlichen Versuchung bewahren möge.

Nach deinem Willen möchte ich den christlichen Bund der Ehe eingehen. Zeige mir doch, o Herr die Frau, die du mir zur Gefährtin zuweisen willst. Aber nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Amen"

Sehr rasch meinte Johannes den Fingerzeig des Herrn zu erkennen.

Im Lutherbau war in einigen Räumen ein kleiner Kindergarten untergebracht. Dieser wurde von einer jungen Frau geleitet, die für Johannes ganz dem Bild seiner zukünftigen Gattin zu entsprechen schien. Sie hieß Martha Knaub, war groß und schlank und trug ihr Haar in einem züchtigen Knoten straff im Nacken zusammengehalten.

Um zu erfahren, ob sie auch eine streng gläubige Christin war, versuchte Johannes alle Personen zu befragen, die etwas über Martha wussten. So erfuhr er, dass ihre Eltern zu einer pietistischen Gruppe gehörten, die sich jeden Sonntag traf. Der Vater war pensionierter Lehrer und Martha lebte noch bei ihren Eltern und zwei Schwestern, die beide Lehrerin waren.

Mit einem tiefen und dankbaren Glücksgefühl spürte Johannes, wie sehr der Herr nun schützend seine Hand über ihn hielt. Er hatte in seiner gnädigen Güte die genau passende Frau gesandt. Nun war er sicher, dass auch alles andere seinen gottgewollten Verlauf nehmen würde.

Aber wie sollte er sich ihr nähern? Er hatte ja so gar keine Erfahrung auf diesem Gebiet.

Überraschenderweise kam ihm Martha selbst dabei zu Hilfe.

Es war Anfang Dezember und eines Morgens klopfte Martha leise an seine Bürotür.

Schüchtern brachte sie ihre Bitte vor:

„Am Nikolaustag besucht jedes Jahr ein echter Nikolaus meine Kindergartenkinder. Er spricht zunächst mit jedem Kind, lobt und ermahnt und teilt dann seine kleinen Geschenke aus, nachdem die Kinder ihm etwas vorgesungen und vorgesprochen haben. Herr Müller, der dies immer gemacht hat, ist nun ganz plötzlich erkrankt und es wäre für die Kinder eine riesige Enttäuschung, wenn dieses Jahr kein Nikolaus käme. Könnten Sie nicht einspringen? Sie würden mir einen ganz großen Dienst erweisen. Ich bitte Sie darum!"

Erschrocken vernahm Johannes ihr Anliegen. Spontan spürte er nicht die geringste Lust, eine solche Rolle zu spielen. Allein die Vorstellung davon verursachte ihm eine Gänsehaut. Aber hier saß nun diese junge Frau vor ihm, mit ihrem hübschen freundlichen Gesicht und bot ihm eine Gelegenheit an, mit ihr auf züchtige Weise in Kontakt zu treten. Er musste diesem Wink Gottes folgen, denn es bestand kein Zweifel, dass alles so von Ihm gelenkt war.

Eine Ablehnung würde es vielleicht unmöglich machen, später wieder mit ihr in Verbindung zu treten.

Gott schenkte ihm auch noch ein weiteres Zeichen. Martha rief bei ihm keinerlei fleischliche Gelüste hervor. Deshalb war er sicher, dass dies die ihm von Gott bestimmte Ehefrau war.

„Wie auch ich dienen Sie mit ihrer Arbeit an den Kindern unserem Herrn Jesus Christus. Es ist deshalb eine vom ihm gesegnete und geheiligte Arbeit. Dies verbindet uns beide, obwohl wir uns ja noch gar nicht kennen.

Ich fürchte, ich bin wenig begabt für diese Aufgabe, um die Sie mich hier bitten. Doch weiß ich, der Herr wird mir die notwendige Kraft geben, um zu diesen unberührten Kinderseelen sprechen zu können und ich glaube, dass ich deshalb Ihre Bitte nicht abschlagen darf."

Die Worte flogen Johannes zu und wieder spürte er, dass sie tief in das innerste Wesen dieser Frau eindrangen und er sie damit besitzen konnte.

Martha errötete tief, stand sofort auf, bedankte sich und verließ überstürzt den Raum.

Beide wussten, etwas war mit ihnen geschehen.

Natürlich war für den Nikolausauftritt eine eingehende Vorbesprechung notwendig, die Johannes fast noch mehr Angst machte als die zu spielende Rolle.

Nach langen Überlegungen und vielen Gebeten beschloss er, diese Besprechung auf den 5.Dezember gegen 16 Uhr, nach Kindergartenschluss, zu legen. Er konnte dann Frau Hägele, seine Sekretärin, bitten, an diesem Tag etwas länger zu bleiben. Auf gar keinen Fall wollte er mit Martha allein sein, zu groß war seine Angst, sündige fleischliche Gelüste könnten ihn übermannen.

Frau Hägele war eine Person, die solche Ängste nicht aufkommen ließ, war sie doch wenig oder besser gesagt gar nicht mit weiblichen Reizen gesegnet und hatte auch das verfängliche Alter bei weitem schon überschritten

Dank dieser Vorsichtsmaßnahmen verlief die Zusammenkunft so, wie es sich zwischen zwei christlichen Menschen verschiedenen Geschlechts ziemte.

Es wurde vereinbart, dass Johannes gegen 11 Uhr auftreten sollte. Vor 8 Uhr wollte Martha das Kostüm, das Buch mit den Notizen über die Kinder und den Gabensack vorbei bringen.

Jedes Kind sollte wegen kleiner und großer Unarten ermahnt werden. Zur Wiedergutmachung und als Zeichen der Reue musste es ein Lied singen oder ein kleines Gedicht aufsagen. Damit wurde Nikolaus milde gestimmt und konnte das kleine Geschenk überreichen unter Hinweis auf Gottes gnädige Vergebung.

Auf keinen Fall sollten die Kinder gelobt werden, nicht einmal dann, wenn es sich um ein wirklich frommes und braves Geschöpf handelte. Dies, so waren sich Martha und Johannes ganz und gar einig, hätte Übermut und eine Verderbnis des Charakters zur Folge.

Johannes schlug vor, am Schluss noch ein freies Gebet für die Kinder zu sprechen und sie zu segnen.

„Oh ja“, stimmte Martha errötend bei, „dies konnte Herr Müller natürlich nicht. Er ist von Beruf Steuerbeamter und hat nicht, wie Sie, die Berufung, dem Herrn zu dienen.”

„Wir alle sind berufen, das wissen Sie so gut wie ich, liebes Fräulein Knaub, in der Nachfolge unseres Herrn Jesu Christi zu dienen. Jeder mit seinen Gaben und Möglichkeiten," fügte Johannes milde belehrend hinzu.

Natürlich konnte Martha dem nur stumm nickend zustimmen.

Erneut stellte Johannes mit großer Erleichterung fest, dass er mit der Macht seiner Worte, den Geschlechtstrieb ganz und gar beherrschen konnte. Auch bei diesem Zusammensein gelang es ihm, Martha gegenüber keinerlei fleischliche Gelüste zu verspüren.

Und so sah er dem morgigen Tag mit Zuversicht und Ruhe entgegen.

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Alles verlief so, wie geplant.

Überrascht stellte Johannes fest, dass er seine Rolle sogar richtig genießen konnte. Wäre da nur nicht die lästig warme Verkleidung gewesen, die bewirkte, dass er nach kurzer Zeit schweißgebadet war.

Im übrigen war es ein lustvolles Erlebnis, zwanzig Kinder vor sich zu haben, die ihn mit schreckgeweiteten Augen anstarrten, blass und zitternd.

Einige begannen zu weinen, als sie wegen gewisser Verfehlungen ermahnt wurden und versuchten sich an die Kindergärtnerinnen zu klammern. Auch der Hinweis auf Gottes gnädige Vergebung konnte sie nicht beruhigen.

Für die meisten Kinder bedeutete es eine fast übermenschliche Anstrengung, in diesem Zustand der seelischen Anspannung und des Schreckens, ihr vorbereitetes Lied oder Gedicht vorzutragen. Mit zitternder Stimme, unterbrochen von vielen Schluchzern, brachten es die meisten fertig, wenigstens mit einem kleinen Versuch, ihren guten Willen zu zeigen.

„Bereust du deine Fehler und wirst du von nun an ein braves Kind sein?" Auf diese Frage erwartete Johannes ein eindeutiges, laut hörbares Ja.

Erst dann überreichte er dem Kind das Päckchen mit der beruhigenden Zusage: „So wird dich Gott in seiner Liebe annehmen und dir vergeben."

Nur ein Kind, ein sehr hübsches kleines Mädchen, verweigerte auf diese entscheidende Frage das Ja.

Sie war die Einzige, die überhaupt nicht ängstlich wirkte und dem Nikolaus mit unbewegter Miene fest in die Augen blickte.

Dies verunsicherte Johannes ganz und gar und er wusste nicht sofort, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. Aus Angst, Martha zu missfallen, überließ er ihr die Entscheidung.

"Im Augenblick hat Satan dich in seiner widerlichen Kralle. Ich werde für dich beten dass er von dir weichen möge. Du kannst es später Tante Martha sagen, dass du bereust und ein braves Kind sein willst. Dein Päckchen werde ich ihr geben."

„Ich will kein Päckchen und ich will so bleiben, wie ich bin!" war die Antwort der kleinen Sünderin.

Die Verlobung

Für Johannes gab es keinerlei Zweifel mehr, dass Martha die für ihn von Gott bestimmte Ehefrau war.

Wie aber sollte er seine Brautwerbung gestalten?

Gottlieb hatte Dora damals unter vier Augen direkt gefragt. Dazu fühlte er sich nicht imstande.

Nach langem Nachdenken und im Zwiegespräch mit seinem Herrn, Jesus Christus, beschloss er, zunächst Marthas Eltern aufzusuchen. Er wollte ihnen erklären, dass er ohne ihr Einverständnis Martha keinen Heiratsantrag machen könne. Außerdem war es ihm auch sehr wichtig, vor diesem entscheidenden Schritt, Marthas Elternhaus in Augenschein genommen zu haben.

Mit einer kleinen Karte meldete er seinen Besuch an und wurde daraufhin höflich eingeladen, an einem Mittwochnachmittag gegen 15 Uhr vorzusprechen.

Herr und Frau Knaub empfingen ihn freundlich aber zurückhaltend.

Sie boten ihm ein Glas selbstgemachten Apfelsaft an.

Johannes versuchte in kurzen Zügen seinen Werdegang zu schildern, ehe er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kam.

„Wie Sie sehen, habe ich einen Lebensweg gewählt, der mich ganz und gar in den Dienst unseres Herrn stellt. Es ist nicht der breite, bequeme Weg, denn der CVJM kann mir nur einen sehr bescheidenen Gehalt bezahlen. Ich kann meiner zukünftigen Ehefrau also keine Reichtümer bieten sondern nur meine von Gott gesegnete aufrichtige Liebe und ein gemeinsames Leben, das sich dem Willen des Herrn beugt in Demut und Unterwerfung. Ohne ihre Zustimmung und ihren elterlichen Segen möchte ich mit meiner Bitte nicht an ihre Tochter Dorothea herantreten."

Das Ehepaar hatte aufmerksam zugehört ohne Johannes zu unterbrechen. Als er geendet hatte, verständigten sie sich mit einem Blick ehe Vater Knaub zu sprechen begann:

„Wir gehören zur pietistischen Gemeinschaft und sind eng mit unseren Brüdern und Schwestern verbunden. Ehe wir Ihnen, lieber Herr Gabriel antworten wollen wir am nächsten Sonntagnachmittag mit diesen beten und unsere Frage gemeinsam vor den Herrn bringen. Er wird uns erleuchten und so können wir Ihnen dann getreu seinem Willen eine Antwort zukommen lassen."

Diese Reaktion gefiel Johannes sehr gut und so verabschiedete er sich frohgemut und im Vertrauen auf Gott.

Schon in der Woche danach erhielt er ein Kärtchen mit folgendem Text:

Lieber Herr Gabriel,

wir haben über Ihr Ansinnen, unsere Tochter Martha um ihre Hand zu bitten lange nachgedacht und viel gebetet.

Dadurch sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass diese Verbindung unter dem Segen Gottes stehen wird, denn in der Sonntagsstunde unserer pietistischen Gemeinschaft gab uns der Herr ein Zeichen nachdem wir ihn gemeinsam darum gebeten hatten.

Martha weiß nichts über Ihren Besuch und wir bitten Sie nun, mit ihr darüber zu sprechen, denn ihr Jawort wird den Ausschlag geben.

Der Herr segne Sie.

Mit freundlichen Grüßen

Christoph und Elfriede Knaub

Nun stand Johannes also der schwierige Schritt bevor, um Marthas Hand anzuhalten.

Tagelang dachte er darüber nach, wie er mit ihr darüber sprechen könnte und mehr und mehr schien ihm dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.

Er beschloss daher, diesen Heiratsantrag schriftlich zu formulieren.

Liebes Fräulein Knaub,

seit einigen Wochen ist in meinem Herzen die Gewissheit immer stärker geworden, dass Sie, liebes Fräulein Knaub, die mir vom Herrn bestimmte Lebensgefährtin sind.

Ehe ich nun mit meinem Anliegen an Sie herantreten konnte, habe ich Ihre Eltern aufgesucht, um zunächst diese um ihre Erlaubnis und ihren Segen zu bitten.

Beides wurde mir freudig gewährt.

Und so kann ich also heute vor Sie treten und Sie bitten, mit mir ein gemeinsames Leben zu beginnen unter dem Wort des Herrn.

Wie Sie sicher wissen, kann ich Ihnen kein Leben im Wohlstand bieten.

Ich kann für Sie aber der treue liebende Gatte sein, der mit Freude und Demut bereit ist, eine christliche Familie zu gründen.

Sollte Ihre Antwort ein Nein sein, dann bitte ich Sie, mir diesen Brief wieder in meinen Briefkasten zu werfen, damit ich ihn vernichten kann.

Ich würde in diesem Fall Ihre Ablehnung ohne Groll als gottgewollt annehmen.

Ich warte nun auf eine Entscheidung und grüße Sie mit allem Respekt und der Hochachtung, die Sie verdienen

Ihr Johannes Gabriel

Marthas Antwort war am nächsten Tag ein errötendes Lächeln als sie ihm im Flur begegnete.

Johannes fasste ihre beiden Hände, blickte ihr in die Augen und flüsterte dabei:

„Darf ich dies als ein Ja verstehen?"

Martha nickte heftig, unfähig ein Wort zu entgegnen.

„So sind wir also heimlich verlobt. Dürfte ich Sie nach Kindergartenschluss zu einem Spaziergang abholen?"

Martha nickte wieder und entfloh zu ihren Kindern.

Lieber Bruder Eugen,

nun bin ich also schon zwei Monate tätig im „Weinberg des Herrn" und mein Herz ist mit großer Freude erfüllt, denn ich spüre, dass dies meine gottgewollte Lebensaufgabe ist.

Es gibt für mich nichts Schöneres, als zu versuchen, junge Menschen zu Jesus Christus hinzuführen und sie auf ihrem Weg zu begleiten, damit der Versucher keine Macht über sie gewinnt. Wir wissen ja, dass letzterer viele heimtückische Machenschaften kennt, um uns auf Abwege zu locken. Ich selbst habe das schmerzlich erfahren müssen.

In unserem letzten Gespräch habe ich Ihnen meine Nöte hinsichtlich der fleischlichen Versuchungen anvertraut und Sie gaben mir einen guten Rat. Ich solle doch bald eine Lebensgefährtin suchen, mit der ich eine christliche Ehe führen kann.

Nun, der Herr war gnädig mit mir und hat mir diese Gefährtin zugeführt. Wir sind seit gestern heimlich verlobt und ich weiß ganz sicher, dass Gottes Segen auf dieser Verbindung liegen wird.

Ich stehe nun ratlos da, denn ich weiß nicht, wie ich mich während der Verlobungszeit Martha gegenüber verhalten darf. Natürlich weiß ich, dass eine fleischliche Vereinigung erst nach dem Vollzug einer von Gott gesegneten Ehe stattfinden darf.

Aber welche Form der körperlichen Annäherung ist Verlobten erlaubt?

Ich bitte Sie dringend, mir sehr rasch ihren väterlichen Rat zu erteilen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Johannes Gabriel

Lieber Bruder Johannes,

wie freue ich mich über das, was Sie mir schreiben. Ihr Leben steht jetzt unter dem Segen des Herrn.

Da ich im Augenblick wenig Zeit habe, komme ich gleich zu Ihrer so dringenden Frage.

Ihre Verlobte ist für Sie bis zur Hochzeit eine Schwester im Glauben.

Da Sie ja selbst leibliche Schwestern haben, so stellen Sie sich einfach vor, welche Berührungen mit einer Schwester angemessen wären.

Um mich deutlich auszudrücken, würde ich sagen, eine keusche Umarmung, ein Kuss auf die Wange, Arm in Arm gehen und sich an der Hand halten ist durchaus eine angemessene Form des Umgangs mit einer Verlobten. Vermeiden Sie alles, was das fleischliche Begehren fördern könnte. Bedenken Sie, auch manche Frauen können dieses Begehren spüren. Dies ist zwar selten, kann aber für den Mann sehr gefährlich werden.

Bitte entschuldigen Sie, lieber Johannes, wenn mein Brief heute etwas kurz ausfällt, aber ich wollte Ihnen trotz Zeitdruck sofort antworten, da ich spürte, wie ratlos Sie sind.

Gott segne Sie !

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Bruder Eugen

Johannes beherzigte den Rat seines alten Lehrers gewissenhaft während der sechsmonatigen

Er war froh, dass Martha damit einverstanden war, die Hochzeit so rasch wie möglich zu feiern, denn die Nähe dieses weiblichen Körpers während ihrer Spaziergänge war häufig eine Qual für ihn. Mit einer für ihn überraschenden Gewalt stürmte die Erinnerung an die Liebesstunden mit Marina über ihn herein. Er stellte sich dann Martha vor, wie sie sich nackt an ihn schmiegte und er erlebte in seiner Fantasie diesen unvergesslichen Rausch der körperlichen Vereinigung mit ihr.

Kaum konnte er glauben, dass er diesen Traum nun bald täglich leben durfte, gottgewollt und somit ohne jedes schlechte Gewissen. Welch wunderbares Gottesgeschenk!

Johannes vermied es, Martha in seinem bescheidenen Junggesellenzimmer zu treffen. Er fühlte sich sicherer, wenn dies in seinem Büro geschah, wo meist auch Frau Hägele anwesend war und wortlos an der Schreibmaschine arbeitete. Abendliche Treffen fanden fast immer in der Wohnung der Eltern Knaub statt oder im Schutz der zahlreichen christlichen Veranstaltungen. Mit Freude stellte Johannes fest, dass er mit Martha in allen Glaubensfragen voll und ganz übereinstimmte. Dies war für beide das Allerwichtigste.

Und dann kam der große Tag der Hochzeit.

Die Ehe

Die Hochzeitsfeierlichkeiten waren vorbei.

Spät abends betraten Martha und Johannes ihre neu eingerichtete Wohnung.

Sie wussten, dass sie sich nun nicht mehr wie Bruder und Schwester verhalten konnten und ein großes Unbehagen beschlich beide.

Wie konnte man denn von einem Tag auf den anderen die eingespielten Umgangsformen ändern?

Johannes beschloss, sich zunächst ganz wie bisher zu geben und er vertraute darauf, dass nach der ersten Liebesnacht der Bann gebrochen sein würde.

Da er spürte, wie angespannt Martha wirkte, versuchte er sie zu stärken und zu beruhigen:

„Liebe Martha, meine geliebte, mir vom Herrn zugeführte Frau, nach seinem Willen werden wir uns heute nacht vereinigen und ein Fleisch werden. Während der Monate unserer Verlobungszeit habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt und ganz sicher ging es dir genau so."

Martha antwortete nicht, sondern öffnete wortlos und mit versteinerter Miene die Schlafzimmertür.

„Lass uns mit einem Gebet beginnen, damit der Herr diesen großen und feierlichen Augenblick segne!"

Mit diesen Worten fasste er Martha bei den Händen und bat um Gottes Segen für diesen heiligen Akt.

Bruder Eugen hatte Johannes ein Bauch empfohlen mit dem Titel „Ratgeber für den christlichen Ehemann" und hier erfuhr er, dass eine jungfräuliche Braut langsam und vorsichtig an die fleischlichen Dinge herangeführt werden müsse.

Deshalb nahm er Martha zunächst vorsichtig in seine Arme und versuchte sie auf den Mund zu küssen. Sie wehrte sich nicht, blieb aber steif und hielt ihren Mund fest geschlossen. Dann fing er an, behutsam ihr Brautkleid aufzuknöpfen. Dies wehrte Martha aber erschrocken ab und erklärte, dass sie sich alleine auskleiden wolle, er möge doch bitte erst wieder kommen, wenn sie im Bett liege.

Enttäuscht kam Johannes dieser Bitte nach.

Als er nach einer halben Stunde das Schlafzimmer betrat, stellte er fest, dass Martha im hochgeschlossenen Nachthemd fest zugedeckt im Bett lag, das Licht war gelöscht.

Er selbst war nackt. Er knipste die Nachtischlampe an und flüsterte:

„Wir sind nun Mann und Frau und dürfen uns gegenseitig betrachten, so wie Gott uns geschaffen hat. Bitte lass mich die Schönheit deines Körpers bewundern! Dazu müsstest du aber dein Nachthemd ausziehen."

„Das kann ich nicht, bitte mach das Licht wieder aus und komm auch ins Bett, ich will dir eine gute Ehefrau sein und Gottes Willen gehorchen." war die hastig hervorgestoßene Antwort.

Und nun wurde alles ganz anders als Johannes es sich erträumt hatte.

Er verhielt sich in allem so, wie es im Ratgeberbuch beschrieben wurde. Geduldig streichelte und küsste er Martha und liebkoste ihren Körper, so gut es unter dem Nachthemd möglich war. Sie blieb starr und steif.

Es hieß im Buch, dass der Mann erst in die Frau eindringen dürfe, wenn er spüre, dass die Frau es sich sehnlichst wünsche.

Dieses Stadium aber war auch nach zwei Stunden intensivster und geduldigster Bemühungen nicht erreicht. Johannes meinte, dass er nun trotzdem zur Tat schreiten dürfe, stellte aber fest, dass bei ihm inzwischen jede Erregung erschlafft war.

Wie konnte es sein, dass die sündhafte Vereinigung mit Marina damals so problemlos und lustvoll leicht verlief und dieser von Gott gesegnete Akt so mühsam und enttäuschend war und nun nicht einmal ganz vollzogen werden konnte?

Johannes verstand die Welt nicht mehr. Er küsste Martha zart auf die Wange.

„Wir sind müde und erschöpft nach diesem langen Tag, lass uns schlafen, ich wünsche dir eine gute Nacht in unserem neuen Heim."

Wie sollte es nun weitergehen? Johannes war völlig ratlos und bat erneut seinen väterlichen Lehrer brieflich um Rat und Hilfe.

Bevor er eine Antwort erhalten hatte, wollte er sich Martha nicht mehr körperlich nähern. Er erklärte ihr, dass ein liebender Ehemann seine Wünsche im Glauben bewältigen könne, wenn er spüre, dass seine Frau noch nicht bereit sei. Gott werde alles richtig lenken nach seinem Plan und Willen.

Lieber Bruder Johannes,

ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, denn es ist Ihnen sicher nicht ganz leicht gefallen, über diese intimen Dinge zu schreiben.

Sie wissen ja, dass ich durch meine Tätigkeit als christlicher Eheberater einige Erfahrung sammeln konnte und so hat mich Ihr Brief ganz und gar nicht überrascht.

Sie haben durch die Fügung des Herrn eine tief gläubige Ehefrau gefunden und ich weiß, dass dies auch das Wichtigste ist für Sie.

Nun ist es meist aber so, dass diese Frauen tief im geistig, seelischen Bereich verankert sind durch die tägliche Nähe zu Jesus Christus. Dies bewirkt, dass die weltliche Hülle des Körpers keine Lustgefühle hervorrufen kann, denn alle Lust wurde in eine höhere, geistige Sphäre verlagert. Bei uns Männern ist dies etwas anders, denn die Natur will, dass wir nur durch das lustvolle Gefühl des Begehrens, den gottgewollten Zeugungsakt vollbringen können. Sie müssen sich daher nicht mit einem schlechten Gewissen quälen.

Freuen Sie sich dagegen von ganzem Herzen über das Geschenk einer Frau, die in gewissem Sinne schon über die fleischlichen Dinge hinausgewachsen ist und voll und ganz in der reinen Atmosphäre des Geistigen lebt.

Vollziehen Sie den fleischlichen Akt so, wie Gott es uns Menschen geboten hat und nehmen Sie es als ein Zeichen besonderer Gnade, wenn Ihre Ehefrau scheinbar weniger Freude dabei empfindet als Sie. Es könnte sogar sein, dass Martha dabei körperlichen Schmerz erleiden muss. Dies ist ihr als Frau auferlegt und gehört zu den Folgen des Sündenfalls…“in Schmerzen soll sie gebären…”

So hoffe ich nun, dass ich Ihnen ein wenig helfen konnte und wünsche Ihnen ein von Gott gesegnetes Leben in der Ehe.

Mit brüderlichem Gruß

Ihr Bruder Eugen

Dieser Brief war für Johannes eine große Hilfe und Erleichterung.

So war also die überbordende fleischliche Lust, die er mit Marina erlebt hatte, eine Ausgeburt der Sünde und nur Frauen, die dem Glauben fern standen konnten dies lustvoll erleben. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Wie natürlich war es doch, dass sich eine tief gläubige Frau unter das Kreuz stellen musste und den Akt der Befruchtung genau wie den des Gebärens in Schmerzen zu erdulden hatte.

Am Abend dieses Tages vollzog Johannes nun die Ehe mit Martha.

Es geschah ohne Worte. Das Licht war gelöscht und Johannes beschränkte sich auf das, was Gott vorgesehen hatte, um aus diesem Akt Kinder entstehen zu lassen.

So musste Martha auch nicht lange leiden, denn es ging sehr rasch. Und so kurz, wie Marthas Schmerz, war auch für Johannes die Lust. Und so vollzogen sie es jeden Abend nach ihrem gemeinsamen Gebet.

In den nächsten zwei Jahren wurden ihnen zwei Kinder geschenkt, ein Mädchen und ein Junge.

Johannes lebte in dem beglückenden Bewusstsein, seine ihn ganz und gar erfüllende Lebensform gefunden zu haben.


„Mein Geliebter, bitte warte noch einige Tage, dann wird es nicht mehr gefährlich sein. Ich möchte in diesen schweren Zeiten auf keinen Fall wieder schwanger werden, wir wissen ja jetzt schon nicht, wie wir alle durchkommen werden."

Es kostete Martha große Überwindung, ihren Mann um Enthaltsamkeit zu bitten. Aber ihre Angst vor einer weiteren Schwangerschaft war allzu groß. Vor vier Jahren, , als Johannes auf einen kurzen Urlaub aus Russland nach Hause gekommen war, brachte sie es nicht über sich, ihn abzuweisen. So wurde sie erneut schwanger und die kleine Dora wurde mitten im Krieg geboren.

Marthe musste täglich darauf gefasst sein, die Nachricht vom Heldentod ihres Mannes zu bekommen. Sie traute es sich nicht zu, drei Kinder ganz allein aufzuziehen.

In den Feldpostbriefen erinnerte sie Johannes immer wieder daran, dass diese Kinder Geschenke Gottes seien und der Herr deshalb auch für sie sorgen werde. Doch gelang es Martha dennoch nicht, ihrer Zukunftsängste Herr zu werden. Zu vielseitig stürmten die Bedrohungen auf sie ein. Zur Angst um ihren geliebten Mann kamen die häufigen Fliegeralarme, die schlaflosen Nächte, die sie mit den Kindern im Keller verbringen musste. Außerdem galt es den Alltag in diesen Kriegszeiten zu bewältigen.

Heute aber war ein Tag des Glücks.

Johannes war überraschend zurück gekommen, nachdem sie ihn schon tot geglaubt hatten. Er war aus einer kurzen Kriegsgefangenschaft entlassen worden. Der Krieg war vorbei und die Familie war wieder vereint.

„Ich habe mein Versprechen nicht vergessen, meine liebe Martha. Niemals werde ich, wie mein Vater, rücksichtslos meinem Trieb folgen, wenn nicht auch du damit einverstanden bist. Heute allerdings fällt es mir unsäglich schwer, denn ich habe fast zwei Jahre lang ohne dich gelebt und mein Wunsch nach ehelicher Vereinigung ist übergroß. Du ahnst ja nicht, was in einem Mann vorgeht, wenn er seine Frau entbehren muss. Oft waren meine Gebete nicht stark genug, um meinen Trieb nach fleischlicher Vereinigung zu vertreiben und es war eine körperliche Qual, die von den zotigen Gesprächen der Kameraden noch verstärkt wurde.

Lass uns unsere Not vor den Herrn bringen im gemeinsamen Gebet. Er wird uns den Weg zeigen und uns die Kraft zum Gehorsam schenken."

Mit diesen Worten küsste er Martha auf die Stirn. Beide lagen nun angespannt auf dem Rücken und Johannes sprach halblaut sein freies Gebet, das er mit den Worten enden ließ: aber nicht unser, sondern dein Wille geschehe, o Herr!

„Ich weiß es nun, du bist mir von Gott wieder geschenkt worden, so sollst du auch am ersten Abend deine Frau ganz und gar wiederfinden dürfen, das ist Gottes Wille, ich spüre es nach deinem starken und schönen Gebet. Alles Weitere wird er richten," flüsterte Martha und ließ es geschehen, dass Johannes sofort in sie eindrang und nach wenigen Sekunden lustvoll stöhnend von ihr abließ.

„Oh, mein geliebtes Weib, ich danke dir!" Erschöpft und befriedigt schlief er ein, während Martha noch lange wach lag und der sorgenvollen Gedanken nicht Herr werden konnte.

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